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Full text: Berliner Leben Issue 22.1919

„Auf diesem 
nicht mehr ungewöhnlichen Wege.“ 
Seit zehn Jahren lebte Herr Ignaz Klein in schönster 
Gemeinschaft mit Fräulein Christine. Er war 62, sie 55 
Jahre alt. Fräulein Christine hatte wenig körperliche 
Reize; sie war dürr und knochig, trug zwei Kneifer über 
einander und schrie immer beim Sprechen. Das hatte 
sie sich in ihrer früheren Stellung bei einem etwas schwer 
hörigen Herrn angewöhnt und dann dauernd beibehalten. 
Aber kochen konnte Fräulein Christine, das musste ihr 
der Neid lassen. So wenig ihre Kochkunst bei ihr selbst 
anschlug, so gut bekam sie Herrn Klein, Mit seinem 
feisten, runden Bäuchlein glich er einer wandelnden 
Reklame für Fräulein Christines Küche. 
Doch auch an das Gute gewöhnt sich der Mensch. 
Und nachdem Herr Klein zehn Jahre gut gegessen hatte, 
empfand er das Bedürtnis nach Abwechslung. Er wollte 
heiraten. Nicht etwa Fräulein Christine, Gott behüte! 
Etwas Neues musste es sein, ein Ereignis in seinem 
62jährigen Leben. Aber wie sollte er in dem kleinen 
Städtchen eine passende Frau finden? Ob er es einmal 
mit einem Heiratsgesuch in der Berliner Zeitung versuchte, 
die der Briefbote ihm täglich brachte? Sie fingen meist 
an mit „Auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege“ 
und mussten doch wohl Erfolg haben Sonst würde die 
Rubrik kaum so ausgedehnt sein, wie sie es wirklich war. 
Nun, man konnte es jedenfalls einmal probieren. 
Kurz entschlossen setzte sich also Herr Klein eines 
Tages hin und schrieb: „Rentier in den besten Jahren, 
(man ist so alt, wie man sich fühlt, dachte er) dem es 
in der Kleinstadt an passender Damenbekanntschaft fehlt, 
sucht auf diesem nicht mehr ungewöhnlichen Wege eine 
Gefährtin für’s Leben.“ Er scheute auch die U/j ständige 
Reise nach Berlin nicht und lieferte sein Inserat persönlich 
bei der Zeitung ab. In 8 Tagen etwa solle er sich die 
einlaufenden Briefe abholen, sagte man ihm hier. 
Herr Klein verbrachte nun eine Woche in der an 
genehmsten Spannung, die er als eine erwünschte Ab 
wechslung in seinem sonst etwas gleichförmigen Leben 
empfand. Fräulein Christine wunderte sich über sein 
aufgeräumtes Wesen, und sie wunderte sich noch mehr, 
als er nach acht Tagen schon wieder nach Berlin fuhr. 
Aber sie sagte nichts. 
Am Abend kam Herr Klein zurück mit nicht weniger 
als 75 Briefen in seiner Tasche. Sie waren noch alle 
fest verschlossen. Erst als Herr Klein an seinem Schreib 
tisch im gut verriegelten Zimmer sass, öffnete er mit 
Wollust einen nach dem andern. Was da alles zutage 
kam! Herr Klein schmunzelte; er fühlte sich ge 
schmeichelt in seinem Mannesstolz. Manches allerdings 
warf er gleich ärgerlich in den Papierkorb. Was sollten 
ihm mit seinen 62 Jahren Offerten für ßabyaussteuern 
und Kinderwagen? 
Nach zwei Stunden hatte Herr Klein seine Lektüre 
beendet. Er wählte drei Briefe aus und sandte den drei 
Schreiberinnen ein und dasselbe Skriptum, mit dem er 
sie für den nächsten Mittwoch in ein Cafe am Potsdamer 
Platz bestellte; die eine um 11, die zweite um 2 und die 
dritte um 5 Uhr. Erkennungszeichen: Eine rote Rose 
im Knopfloch. 
Der Mittwoch kam, und Herr Klein machte sich reise 
fertig. Diesmal wagte es Fräulein Christine, ihn zu fragen. 
Herr Klein hatte mitten in der Woche gebadet, sich beim 
Frisör die Haare schneiden lassen und sich von Kopf 
zu Fuss frisch eingekleidet. So etwas etwas war in den 
zehn Jahren noch nicht vorgekommen. Er müsse zum 
Arzt, sagte Herr Klein kurz und reiste ab. 
Zehn Minuten vor 11 Uhr sass er bei einem Glase 
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Prämiiert Goldene Medaillen 1919. 
Bier im Cafe und wartete. Die Zeit wurde ihm lang. 
Es schlug elf, dann halb zwölf. Aber niemand kam. 
Herr Klein war schon im Begriff fortzugehen, da trat 
eine Dame ein, die sofort sein Wohlgefallen erregte. Sie 
war stattlich und ein wenig üppig, gerade das, was 
Herr Klein liebte. Sie überflog die Tische einen nach 
dem andern, bis ihr Blick auf der roten Rose haften blieb. 
Plerrn Klein befiel ein leichtes Zittern. Die Dame 
musterte ihn kühl von oben bis unten, wandte sich dann 
langsam und ging mit einem leichten Achselzucken hinaus. 
Wie ein begossener Pudel stand Herr Klein auf, 
zahlte und ging. Zwei Stunden hatte er Zeit. Er 
schlenderte die Leipziger Strasse hinunter, aber ohne recht 
etwas zu sehen oder zu hören. Dann ass er ohne Appetit 
zu Mittag, und um 2 Uhr kehrte er wieder ins Cafe zu 
rück. Der Kellner kannte ihn schon und brachte, ohne 
lange zu fragen, wieder ein Glas Bier. Herr Klein hatte 
eigentlich Kaffee trinken wollen. 
Diesmal brauchte er nicht lange zu warten. Eine 
Dame reiferen Alters kam schnell auf ihn zu und be- 
grüsste ihn. als kenne sie ihn schon lange. Herr Klein 
erschrak. Wenn Hässlichkeit weh tut, dachte er, dann 
muss diese Dame den ganzen Tag weinen. Aber die 
neue Dame Hess ihn nicht zu Worte kommen. Sie 
schwatzte und erzählte in einem fort. Zuletzt gestand 
sie schämig, ihr Bräutigam sei im Kriege gefallen, schon 
im Jahre 1914, und nun habe sie das Kind von ihm, ein 
kleines Mädchen, Herr Klein fragte, um nicht unhöflich 
zu sein: „Und wie alt ist das arme Ding?“ „Ach,“ 
meinte sie stolz, „Einehen ist schon gross und verständig 
und ist mir oft ein rechter Trost in meinem Kummer; sie 
wird im Herbst 11 Jahre.“ 
Herrn Klein wurde es schwül zumute. Sei es, dass 
er sich plötzlich wirklich unwohl fühlte, sei es, dass er 
einen Ausweg suchte, kurz, er entschuldigte sich für ein 
paar Minuten. Der Kellner lächelte verständnisvoll. Er 
mochte wohl Mitleid mit ihm haben und zeigte ihm die 
richtige Tür. Als Herr Klein wieder zum Vorschein kam, 
fragte der Kellner ihn, ob er ihm nicht unauffällig Hut 
und Stock holen solle. Die Dame sässe immer noch und 
wartete. 
Herr Klein war aufrichtig dankbar für soviel Mitgefühl. 
Er hatte das dringende Bedürfnis sich auszusprechen und 
zog den Kellner ins Vertrauen. Der nickte fortwährend 
mit einem Ausdruck, der sagte: Das kennen wir. „Und 
hier habe ich noch einen Brief, sogar mit Bild,“ sagte 
Herr Klein. „Sehen Sie nur, wie hübsch! Diese Dame 
erwarte ich um 5 Uhr.“ 
Der Kellner nahm das Bild und nickte wieder. „Die 
Dame kenne ich. Vor 10—15 Jahren mag sie ja wirklich 
mal so ausgesehen haben. Aber jetzt ist nicht mehr viel 
Aehnlichkeit vorhanden. Die Dame kommt oft hierher 
und macht eine grosse Zeche, die dann irgend ein 
Kavalier bezahlt. Wenn ich Ihnen raten darf, lassen Sie 
die Hände davon.“ 
Herr Klein drückte dem freundlichen Manne ein für 
seine Verhältnisse fürstliches Trinkgeld in die Hand, be 
dankte sich und ging. Mit dem Abendzuge fuhr er ab.
        
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