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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Der Dichter. 
Skizze von Regina Berthold. 
Nachdruck verboten. 
Sk. lieber den weiten, schönen Theaterplatz strömte 
die Menge heiter, mit genussfrohen Augen voraufeilend, 
nach dem Tempel der Kunst. Schöne Frauen mit lockigen 
Haargebäuden, in raschelnder Seide, junge Mädchen, 
zarte Strümpfchen über den zarten Füssen, die in hoch 
gewölbten Samtschuhen steckten, alte Herren mit satt 
frohem Ausdruck im wohlrasierten Gesicht, junge Offiziere, 
und die vielen anderen Menschen, die mit schlichter 
Aussenseite durch den Glanz des Reichtums überstrahlt 
werden. 
Sie alle eilten dem einen Ziele zu, dem Hoftheater, 
aus dessen hohen Fenstern das gelbweisse Licht in breiten 
Kegeln über den dämmrigen Platz flutete. Viele Tore, 
von unsichtbaren Pfänden geöffnet und geschlossen, nahmen 
die Genussuchenden auf und bald lag der Platz v/ieder 
still und öde da; nur ein Schutzmann ging mit erhaben 
storchenden Schritten auf und ab — auf und ab. — 
Dort drückte sich ein kleiner, schlicht gekleideter Mann 
an der Freitreppe vorbei und betrat den Vorraum. Selt 
samerweise öffnete der Bedienstete vor ihm mit tiefer 
Verneigung die Tür zur Künstlerloge, er aber ging daran 
vorüber und nahm einen Seitenplatz ein, von dem er 
unbeachtet den Vorgängen auf der Bühne folgen konnte. 
Aber er schien nicht aufmerksam zu sein. Sein Blick 
schweifte über die Versammelten hin, die so ganz hin 
genommen, Herz und Sinne nur den Gedanken des 
Künstlers folgen Hessen. Und dann hoben sich die Hände 
und tosender Beifall brach los, und die Blicke kehrten 
zurück wie aus einer anderen Welt, in die des Dichters 
Worte die Menschenseelen alle gezwungen hatte. 
Der schlichte Mann, der so unbeachtet in seinem 
Winkel sass, lächelte trübe vor sich hin. Das war es, 
was so viele, viele Jahre der Traum, die Sehnsucht, die 
Hoffnung seines Lebens gewesen war. Seine Gedanken, 
seine Gestalten, seine Worte sollten die gleichgültigen 
Alltagsmenschen herausheben aus grauem Dunst, aus dem 
Hindämmern der Tage; sollten sie mitreissen in seine 
Gedankenwelt, in die Plöhen und Tiefen, in das Jauchzen 
und Weinen seines Herzens. 
Wie herrlich, wie schön hatte er sich dies gedacht! 
Und nun? — 
Da war ja der Erfolg, — der klingende in seiner 
Tasche, der brausende aus vielen, vielen Kehlen, die nach 
ihm riefen; und doch konnte er sich nicht freuen. Was 
war sein Leben gewesen? Arbeit und Frohne! Sein Weib 
war ihm gestorben ohne ihre stillen Ploffnungen erfüllt 
zu sehen. Seine Tochter, die er über alles liebte, war 
verblüht ohne die F'reuden des Lebens kennen zu lernen, 
hatte ihre Talente und Hoffnungen begraben müssen in 
dem Wüstensande der täglichen Brotarbeit. Er selbst war 
alt geworden, hatte die F'reude am Geniessen verlernt. — 
Alt und grau und hoffnungslos. 
Wieder brach stürmender Beifall los, wieder riefen sie 
den Namen des Dichters. Er aber halte die Arme ver 
schränkt auf die Sitzlehne da vor ihm, hatte den grauen 
Kopf daraufgelegt und — weinte. 
Der Glückshund. 
Von Leutnant Paul Friede!. 
(Nachdruck verboten.) 
Jack war kein gewöhnlicher Pfund, er war sogar rasse 
rein und hatte einen längeren Stammbaum als die meisten 
von uns. Jack war unser aller guter Freund, er gehörte 
auf den Flugplatz wie unsere Maschinen und wir. 
Wie das kam? 
Er war eben ein Original, genau wie sein Herr. Beide 
passten so gut zusammen, dass man sich den einen nicht 
ohne den anderen denken konnte; zu dem Pferrn passte 
kein anderer Hund, und zu dem Hunde erst recht kein 
anderer Pferr. Da dieser in seinem ganzen Wesen eine 
Karlchen-Miessnick-Figur war, wurde er von uns kurzweg 
Karlchen genannt. 
Oft war Jack den ganzen Tag verschwunden; er ging 
auf dumme Streiche aus. 
Ratterten aber auf dem Flugplatz die Maschinen, oder 
wurde zur Uebung aus der Luft geschossen, so kam Jack 
auf drei Beinen angehumpelt (eins seiner Beine war stets 
zerbissen oder sonstwie nicht gebrauchsfähig), den Kopf 
mit einer Sündermiene tief nach unten gebeugt — mit 
einem guten Gewissen wäre es eben nicht Jack gewesen. — 
Er kam dann, weil er uns alle auf dem Platze wusste 
und, wenn „Betrieb“ war, doch nicht fehlen konnte. 
Ueberall musste Jack dabei sein; selbst ins Kasino, wo 
er nicht hinein durfte, wusste er sich einzuschmuggeln. 
Für gewöhnlich hatte Jack grosse Ruhe; nur die bunten 
Leuchtfackeln konnten ihn aus seiner Ruhe bringen, genau 
so wie die abgeschossenen Leuchtpatronen nicht seinen 
Beifall hatten. 
Wo er eine erwischen konnte, biss er sie aus, und 
wenn er sich das ganze Maul dabei verbrannte. 
Sein Herr, unser Karlchen, hatte ebenfalls viel Unsinn 
im Kopf; selbst wenn er flog, konnte er es sich nicht 
verkneifen, alle möglichen halsbrecherischen Kunststückchen 
zu vollführen und die Menschen auf der Erde zu attackieren. 
Luflkämpfe hatte er immer. Am liebsten Hess er sich 
vom Gegner angreifen, und wenn dieser dann glaubte, 
ihn zu haben, da drehte er den Spiess, oder vielmehr 
das ganze P'Jugzeug um und schoss ihn ab. 
War er dann zu Hause gelandet, tat er, als sei nichts 
gewesen; sagte höchstens, bei X liegt einer, der Dussel 
wollte mich von hinten angreifen. 
Dann pfiff er seinem Pfunde, der stets seinen Herrn 
auf dem Platz erwartete, und das edle Paar ging be 
friedigt nach Hause. 
Sagte man Karlchen mal, Mensch, seien Sie vorsichtiger, 
Sie brechen sich noch mal das Genick dabei, dann lachte 
er, zeigte auf seinen Jack und sagte: „Jack ist mein 
Glückshund, solange der lebt, lebe ich auch!“ 
Wieder einmal ein wunderschöner Tag, unser Dörflein 
und der Flugplatz Hegen friedlich im Sonnenschein. 
Wir sind alle auf dem Platz, und Karlchen sagt: 
„Heute ist allerhand zu machen, richtiges Engländer 
wetter, wollen mal starten.“ 
Seinen Leuten, die ihn auf dem Fluge begleiten, erklärt 
er, wo er hin will, und was er vor hat. Inzwischen laufen 
die Motore, die Propeller glitzern in der Luft und singen 
ein Lied. 
DieMaschine von Karlchen steht zwischen zwei anderen. 
Wie so oft, wird auch heute Jack durch das Motor 
geräusch angelockt, freudig kommt er angaloppiert, läuft 
durch die Maschinenreihen, um seinen Herrn zu begrüssen 
und ihm einen erfolgreichen Jagdflug zu wünschen. 
Da — ein Schrei, ein Splittern und ein furchtbarer 
Schrei — Jack ist von einem laufenden Propreller der 
Vorderteil der Schnauze abgeschlagen worden. 
Betäubt vor Schmerz, sitzt er vor der Maschine seines 
Pferrn, der leichenblass auf den armen Hund schaut und 
seinem Monteur den Befehl gibt, den Hund zu erschiessen. 
Um nicht länger Zeuge zu sein, lässt Karlchen seine 
Maschine losrollen und fliegt davon. 
Jack sieht traurig und winselnd seinem Herrn nach, 
als wolle er sagen; „Nun fliegst du fort, und lässt mich 
in meinem Schmerz allein, das ist nicht recht von dir, 
bleib hier, flieg nicht, bleib hier.“ 
Für Jack gibt es keine Rettung mehr; ein Monteur 
erschiesst ihn, und ein Grab auf dem Flugplatz deckte 
den Glückshund zu. 
Die Zeit des Jagdfluges ist um. Die Maschinen kehren 
zurück, wir zählen sie schon von ferne und gottlob fehlt 
keine. Ara Fluge sehen wir schon, dass er diesmal nicht 
vergebens war. 
Unser Karlchen gibt dann seiner Freude über den 
abgeschossenen Engländer durch allerhand Loopings und 
Saltos über dem Platz ganz besonderen Ausdruck. 
Jetzt endlich ist er fertig und will landen, dabei fliegt 
er über Jacks gerade beendetes Grab. 
Karlchen hat es entdeckt und will scheinbar seinem 
toten Kameraden noch eine Ehrenwende bringen. Wir 
alle sehen zu, da auf einmal reisst er die Maschine hoch 
— unsere Augen stieren in die Luft — es kann nicht gut 
gehen — der Atem bleibt uns aus, da . . . ein Krach, der 
eine Flügel bricht, und die Maschine saust wie ein Stein 
zur Erde — die Leiche Karlchens unter sich begrabend. 
Wir alle blicken uns stumm an, nur einer sagt wie 
für sich: „Fr und sein Pfund, sie gehörten eben zu 
sammen — solange sein Hund lebte, lebte er auch.“ 
Nun liegen sie beide nebeneinander, unser Karlchen 
und sein Jack. 
Wir waren nicht abergläubisch — und doch — von 
uns schafft sich sicher keiner einen Glückshund an. 
G. 
Schwel 
Gegründet 1853 
itei 
i 
* Hof-Pianolorte-Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
_ nur: KodlStr. 62
        
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