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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

,.Schilt nicht, Bernhard, ich Hess dich warten; der 
Geheimrat gab mir noch die genaueren Anweisungen 
über den Gebrauch der Kanüle.“ 
Wenn er wüsste, dass der Geheimrat mich eben, in 
diesen letzten Minuten, auf das nahe Ende vorbereitet 
hat! stammeln ihr flatternden Gedanken. 
Aber er weiss es nicht. Und soll es auch niemals 
ahnen oder argwöhnen! Tief beugt sie den Kopf über 
die gelben Rosen in der violettroten Schale aus Karls 
bader Glas. Sie rückt das Tischchen, auf dem sie stehen, 
wieder der Sonne nach. Er liebt es so, von seinem 
Lager aus die Lichtstrahlen durch das dunkelglühende 
Glas fallen zu sehen. Und er hat es so gern, wenn 
gelbe Rosen schwimmen in der Glut und sich neigen 
über den leuchtenden Rand. Vor einigen Wochen brachte 
sie ihm von einem Ausgang die Schale mit. 
„Danke Dir, Magdalena! Aber Du warst noch nicht 
draussen heut! Wenn der Bub da ist, musst Du noch 
Deinen kleinen Spaziergang machen.“ 
Lachend nimmt sie seine Hand, setzt sich neben ihn: 
„Willst mich wohl ein bisschen los sein, Alterchen? 
Wenn Max Heinz da ist, seid ihr beiden euch genug 
und schickt mich einfach spazieren!“ 
Mit grosser Wärme umfasst sie sein Blick: „Nach 
draussen musst Du, Lena! Jeden Tag von neuem 
kämpfe ich mit Dir darum. Weisst Du, dass Du jetzt 
bald drei Jahre Krankenpflegerin bist? Und was soll 
aus mir werden, wenn Du Dir zuviel zumutest und 
Deine Kräfte vielleicht eines Tages nicht mehr aus 
reichen?“ 
Heiss drängt es ihr in die Augen, sie möchte laut 
schreien: „So lange Du mich noch brauchst, reichen 
meine Kräfte schon noch!“ Aber das blasse Gesicht be 
hält sein mildes Lächeln, der Mund formt eine ganz ver 
ständige Antwort. 
»Sei ohne Sorge, ich versage nicht! Und ich werde 
auch heute wieder brav sein und gehen.“ 
Es klopft behutsam an der Tür. 
»Tritt näher, mein Jung!“ ruft fröhlich der Kranke. 
Und sein langer, blonder Junge von zwölf Jahren be- 
grüsst stürmisch die Eltern. Freunde aus früheren, glück 
licheren Jahren haben ihn hier in Berlin bei sich auf 
genommen, solange der Vater in der Klinik bleiben 
muss. 
Heiter sprudelt seine Rede. Von der Klasse erzählt 
er, von seinen Beobachtungen im Strassenleben der Gress 
stadt, von den Gastfreunden sind Bestellungen auszu 
richten. Dazwischen ruhen immer wieder seine grossen 
Augen mit lang verhaltener Frage auf dem Vater, 
tauchen fragend in den Blick der Mutter. 
Der Major drängt Magdalena zum Gehen. Und sie 
geht. Sie lächelt, winkt noch durch den Türspalt .... 
Ein tiefer Seulzer der Erlösung, die Maske fällt. An 
den Klinikzimmern vorbei hasten ihre Füsse. In zehn 
Minuten ist sie im Tiergarten. Von der sommerlichen 
Schwüle spürt sie nichts, last läuft sie durch die Wege. 
Ein Leben jagt durch ihre Gedanken, ihr Leben .... 
Jung, kindjung war sie gewesen, als sie der Weg 
kamerad des Mannes wurde, der dem Tode ein paar 
wilde Kriegswochen lang täglich in die leeren Augen 
höhlen geblickt hatte, und der jetzt da lag und diesen 
selben Tod so fern von sich wähnte. Was hatten sie 
für ein Leben geführt! Schön, harmonisch, voll Klang 
und Farbe waren die Tage und dann die Jahre ihnen 
gekommen und gegangen. Das liebe Kind hatte sich zu 
ihnen gesellt, der herrliche Junge. Der Mann war mit 
ganzer Freude Soldat, aber nie ein Streber. Sein Haus 
war ihm alles in den Stunden, die der Dienst nicht von 
ihm forderte. Und das Haus war auf Schönheit und 
Harmonie gestellt, man lebte nicht üppig, aber gediegen. 
Massvolle Geselligkeit, kleine Reisen bildeten die Feier 
zeiten im Kreislauf der dreizehn Jahre, die sie zusammen 
gegangen waren .... 
Bis der Tag kam, da der Mann das feldgraue Tuch 
anlegte und nach bitterem Abschied für seinen König zu 
streiten ging! Wie dunkle Traumtage hatte Magdalena 
die ersten Wochen gelebt —, hatte sich dann mit aller 
Gewalt gestemmt gegen die Benommenheit der Seele, 
wollte erwachen zu einem Leben der Tat ... da kam 
das Telegramm; „Verwundet in Trier“. Sie nahm ihren 
Jungen und reiste zu ihm. 
Was nun kam, war viel härter als der ganze, drückende, 
dumpfe Schmerz der letzien Wochen. War zu grausam, 
war nicht zu fassen! Des Mannes geliebter Kopf ent 
stellt! Entstellt, o — Gott! Dass sie kaum einen der 
alten Züge wiederzufmden vermochte in seinem Gesicht. 
Entstellt bis zur Verzerrung! Und sprechen konnte er 
nicht? Auch seine Stimme sollte sie nie mehr hören? 
Magdalena war neben dem andersgläubigen Manne 
eine gute Katholikin geblieben — jetzt wollte das feste 
Gefüge ihres Glaubens Zusammenstürzen. Zur jung 
fräulichen Mutter rufen, beten konnte sie nicht mehr! 
Von Klinik zu Klinik reiste sie mit ihm, von einer 
Berühmtheit zur andern. Es kam die Zeit, da sagte man 
ihr, dass ärztliche Kunst ihn würde erhalten können. 
Ihr brünstiger Glaube kehrte zurück. Sie wollte nur 
noch sein Leben! Das Unbewusste, Selbstverständliche 
ihrer füheren Liebe war zur wissenden, hinopfernden 
Leidenschaft geworden. 
Von einem Arzt zum andern Hessen sie sich schicken, 
stets alle drei vereint, denn der Major wollte den Sohn 
nicht von sich lassen. Hier ging Max Heinz ein paar 
Wochen zur Schule, dort einige Monate. Die wilde 
Fröhlichkeit des Jungen wandelte sich in Ernst und 
Weicheit, die Knabenseele erschauerte oft in Erbarmen. 
Was der Major ertragen musste, war fast unirdisch. 
Eine Operation reihte sich unmittelbar an die andere, 
eine hob die andere auf eine scheiterte an der vorange 
gangenen andern. Auf und nieder ebbten Erfolg / und 
Stillstand; Hoffnung und Mutlosigkeit lösten sich ab. 
Die gigantischen Qualen des leidenden Mannes sogen 
alles Blut aus Magdalenas Herzen. Aber sie brach nicht 
zusammen Auch ihre Kräfte wuchsen ins Unirdische. 
Schliesslich konnte der Major doch wieder sprechen. 
Wie durch ein Wunder war bei der grauenvollen Ver 
stümmelung seines Gesichts die Zunge nur leicht verletzt 
worden. Aber ernährt werden konnte er weiter nur 
durch Flüssigkeiten. 
Seit vier Monaten waren sie in Berlin und waren hier 
von Tag zu Tag froher und zuversichtlicher geworden. 
Denn die Heilung schritt sichtbar vorwärts. Des Kranken 
allergeheimste Gedanken gingen schon kühne Wege —, 
er träumte davon, dass er doch noch einmal wieder an die 
Front gehen würde, zu den Kameraden. Fast drei Jahre 
standen die jetzt da draussen vor den Grenzen und 
wehrten den Völkern des Erdballs den Einfall in deutsches 
Land! — Wenn es auch die alten Kameraden von da 
mals nicht mehr waren. 
Aber, bald fiel seine gute Stimmung wieder. Das kam 
wohl, weil eine neue Erscheinung auftrat. Die Speise 
röhre erkrankte, oben am Kehlkopfansatz. Er litt wieder 
Schmerzen. Eine Sehnsucht überkam ihn riesengross: 
er wollte endlich sein Zuhause Wiedersehen. Der Arzt 
ging ein auf seine Bitte. Da sah er von neuem die Zu 
kunft in goldenem Licht. Auch dass man ihm den 
Magen öffnen musste und er nun bloss noch unmittelbar 
ernährt werden konnte, schreckte ihn nicht, machte ihn 
nicht misstrauisch. Er sollte ja mit seinen beiden liebsten 
Menschen heimkehren! 
Magdalena schluchzt trocken auf und sinkt matt aut 
eine Bank des Tiergartens. Es ist ein verborgener 
Platz, Menschen kommen nicht vorüber. Sie hebt die 
gerungenen Hände zum lachenden Sommerhimmel. — 
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