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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

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Beide schritten langsam 
dabei durch das Unterholz; 
der Soldat musste noch am 
Stocke gehen. Als sie die 
Bank an der Kahnanlege 
stelle erreicht hatten, sprach 
der Major: 
„Knoll! Nun hören Sie 
einmal zu. Ich bin Ihnen 
grössten Dank schuldig. 
Dass ich hier bin, gerade 
heut hier sein kann, ist nur 
Ihr Werk und Gottes Fü 
gung dazu. Ich erblicke 
darin eine Weisung, die 
mir zuteil geworden ist, 
einen Auftrag zu erfüllen, 
und ich erfülle ihn von 
Herzen gern. Das glauben 
Sie mir.“ 
„Aber Herr Maior! Jeder andere hätte doch dasselbe 
getan wie ich.“ 
„Möglich. Aber es war nun eben kein anderer, 
sondern Sie, mein braver Knoll.“ 
„Ich war mit Wissen des Herrn Försters heut in 
Urlaub hierhergekommen. Er sprach schon mit Luise.“ 
„Und zuvor mit Ihrem Vater, wir aber traten störend 
dazwischen. Jetzt aber will ich Ihnen helfen.“ 
„Ach, Herr Major!“ 
Dankbar blitzten seine Augen. 
Molly war unterdessen nach dem Hause gelaufen, 
um dort in seiner Weise zu verkünden, wen er gefunden 
hatte. Der Förster ahnte, als der Major solange aus 
blieb, ein Zusammentreffen desselben mit Fritz Knoll und 
sah sich jetzt nach den beiden um. Ein Wink des 
Offiziers brachte ihn nach der richtigen Stelle, wo dieser 
mit ihm eine kurze Besprechung hielt. 
„So, Knoll! Nun kommen Sie in unsere Mitte“ be 
stimmte er dann. „Sie aber müssen die Geschichte selbst 
einleiten.“ 
„Jawohl, Herr Major!“ 
So traten die drei dann durch die Gartenpforte an 
die Laube vor dem Hause heran, wo der Spitz von neuem 
seine überschwengliche Freude bezeigte. 
Der alte Mann richtete sich zu seiner vollen Grösse 
auf. Starr und steif stand er neben dem Laubeneingange 
und blickte mit stahlharten Augen die Gruppe an. Luise 
trat in den Hintergrund der Laube und führte den 
Schürzenzipfel an die Augen. Die Gattin des Majors 
konnte sich nicht zusammenreimen, was das alles be 
deuten sollte. 
„Mein Vater!“ rief der junge Mann und eilte, so gffi 
es der noch lahme Fuss zuliess, auf den Alten zu. „O 
Vater, vergib mir, was ich einst tat.“ 
Doch der Angeflehte rührte sich nicht. Eine kaum 
merkliche Handbewegung nur schien eine Abweisung zu 
bedeuten. 
„Denken Sie an das, mein alter guter Freund, was 
ich vorhin auf der Bank am See mit Ihnen sprach!“ 
suchte der Förster besänftigend auf ihn einzuwirken. 
„Ihr braver Sohn hat für das Vaterland geblutet“ 
ergriff nun der Major das Wort, um den Vorgang zu 
fördern, „und auch für Sie, Herr Knoll. Sonst sässen 
Sie nicht auf Ihrer friedlichen Scholle. Ihr Sohn ist der 
Verzeihung wert. Ich unterstütze seine Bitte, denn sein 
Verdienst ist es nur allein, dass ich zufällig heut hier 
zugegen sein kann. Er hat mir das Leben gerettet in 
jener siegesherrlichen, aber auch fürchterlichen Kampfes 
nacht. Blutend lagen wir beide nebeneinander ganz fern 
von jeder Hilfe. Ihm war der Fuss zerschmettert, mir 
dieser Arm, an welchem zugleich die Schlagader zerrissen 
war, dass mein Blut in Strömen floss. Ich konnte, stark 
geschwächt, mir selbst nicht helfen. Obgleich von 
rasenden Schmerzen geplagt, band er mir da den Arm 
ab, dass der rote Strom zu fliessen aufhörte. Er verband 
zuerst meine böse Wunde, dann erst dachte er an sich 
selbst, ohne dass ich imstande war, ihm wieder zu helfen. 
Ich verlasse Ihren Sohn nicht.“ 
Noch immer sta.'.d der alte Mann auf demselben 
Flecke, aber seine Augen wurden bei den Worten des 
Majors wärmer, die Starr 
heit verlor sich. 
Fritz war unterdessen 
ganz an ihn herangetreten, 
warf den Stock, mit dem 
er sich noch stützen musste, 
auf die Erde und erhob die 
Arme, um den Hals seines 
Vaters zu umfassen. 
„Vater, vergib mir 
doch!“ flehte er noch ein 
mal. Da breitete auch der 
alte Mann seine Arme aus 
und die Versöhnung war 
vollbracht. 
Die Gattin des Majors, 
die stumme Zeugin der Vor 
gänge gewesen war, führte 
das junge Mädchen aus der 
Laube heraus. 
„Lassen Sie auch Ihre Luise an der grossen Freude 
teilnehmen“ bat sie gerührt mit weicher Stimme. 
Eine Minute lang sah der alte Knoll dem Mädchen 
in die Augen, dann ergriff er dessen Hand und legte sie 
in die Rechte seines Sohnes. 
„Seid glücklich, liebe Kinder!“ 
Dann wandte er sich um und ging ins Haus hinein. 
Auch der Major mit seiner Gattin und der Förster ver- 
liessen den Garten. 
Draussen blieben sie stehen. 
„Das dort ist das Anwesen, das verkäuflich ist?“ 
fragte Herr von Roswal und zeigte auf das Haus, welches 
dem Knollschen fast gegenüberstand. 
„Jawohl, Herr Major!“ 
„Es ist schön, macht einen soliden, freundlichen Ein 
druck. Kann man es einmal besehen?“ 
„Den Schlüssel hat der alte Knoll,“ erwiderte der 
Förster. 
„Dann wollen wir heut nicht weiter stören. Wir 
kommen in diesen Tagen wieder heraus. Sagen Sie ihm, 
bitte, ich wünschte für mich ein Vorkaufsrecht.“ 
Er reichte dem erstaunten Forstmann die Hand, Hess 
sich den Weg zum Bahnhofe zeigen und ging mit seiner 
Gattin davon. 
„Was meinst Du, Gretchen?“ fragte er nach einigen 
Schritten. „Wollen wir hier unseren Ruhesitz wählen? 
Der Wald ist so wunderschön wie der See, das Haus 
lässt sich besser ausbauen, es kann ein schöner Garten 
geschaffen werden.“ 
„Ich hatte dieselben Gedanken, lieber Otto. Und die 
Landwirtschaft, die zu dem Besitztum gehört, Ackerland 
und Wiesen —“ 
„Die kaufe ich für meinen Lebensretter. Wir können 
es ja, Gretchen!“ vollendete er die Ausführungen seiner 
Gattin. 
Beide reichten sich die Fland und nickten sich zu. 
Am Walde herrschte Seelenfrieden.
        
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