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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

„Kein Mensch. Das Dorf liegt eine halbe Stunde ent 
fernt an der Eisenbahn. Der alte Knoll mochte immer 
gern das Nachbargütchen erwerben. Sein Geld reicht 
aber nicht aus. Wenn die Geschichte mit seinem Sohne 
nicht geschehen wäre, meint er, wäre es ihm jetzt wohl 
leicht, seinen Wunsch sich erfüllen zu sehen. Der alte 
Freund ist ein braver Kerl, aber ein Dickkopf. An 
seinem Grame, der ihn zehrt, ist er nicht ganz schuldlos. 
Doch da kommt er ja wieder zurück!“ brach er seine 
Rede ab. 
Als der Kahn ins Wasser geschoben war, sprang 
zuerst der Spitz in denselben hinein und setzte sich 
gleichsam auf Auslug vorn in dessen Spitze. 
„Das macht er immer so!“ entschuldigte der alte 
Mann. „Er geht mir nicht von der Seite. Selbst in die 
Kirche ist er mir schon gefolgt und Hess sich nicht ab 
weisen. Er lag dann aber still vor meinen Füssen und 
störte nicht.“ 
„Echte Treue!“ schaltete die Gattin des Majors ein. 
Ein tiefer Atemzug des Alten, einem Seufzer gleichend, 
war die Antwort. 
Mit langsamen Ruderschlägen glitt der Kahn über 
das Wasser dahin. Der Major und seine Frau genossen 
ganz und gar die Stunde der himmlischen Ruhe, der 
Weltabgeschiedenheit. Mitleidig blickte der Kahnführer, 
nicht weiter zu stören wagend, auf das Ehepaar hin. Er 
sah ja den verwundeten Arm, die Trauerkleider der 
Dame und zog daraus seine Schlüsse. • 
Endlich aber glaubte er seiner Herzensregung folgen 
und ein Trostwort sagen zu müssen. 
„Ja, meine Dame, der Krieg zerstört vieles Glück, 
aber auch in Friedenszeiten kann man verlieren, was 
einem am nächsten steht. Meine liebe Frau wurde mir 
durch den Tod entrissen und mein einziger Sohn — na, 
ich will Sie nicht belästigen.“ 
Der Major war aber gar nicht damit einverstanden, 
dass der Kahnführer seine Rede abbrach. Er hoffte den 
Schmerz seiner Gattin abzulenken, wenn er jenen zu 
einer Mitteilung seines Geschickes veranlasste. 
„Ist Ihr Sohn verunglückt?“ fragte er deshalb. „Er 
zählen Sie nur weiter.“ 
„Nicht verunglückt“ erwiderte der Alte kopfschüttelnd 
und die Ruder in der Schwebe haltend, so dass der Kahn 
ganz langsam durch die leichten Wellen sich fortbewegte. 
„Er ist mir bei Nacht und Nebel davongegangen. Jetzt 
müsste er auch ein Kämpfer für unser Vaterland sein. 
Vielleicht ruht er schon in fremder Erde.“ 
„Warum verliess er Sie denn?“ forschte der Major. 
„War er etwa ein Tunichtgut?“ 
„Durchaus nicht. Er war ein ehrlicher, fleissiger 
Junge, der mir wacker in Haus und Hof half. Die Sache 
lag aber anders. Nach dem Tode meiner Frau nahm 
ich eine entfernte Verwandte zu mir, eine Waise, denn 
eine Frauenhand tat mir in der Wirtschaft not. Die 
Luise ist ein braves Mädel, sie ist aber arm, ganz arm. 
Als ich nun merkte, dass mein Fritz sein Herz ihr zu 
wandte, nahm ich ihn mir hier in diesem Kahn vor und 
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setzte ihm auseinander, dass er ein tüchtiger Junge wäre, 
der unser Besitztum wohl erhalten, sogar imstande sein 
würde, es zu vergrössern. Zu meinem Hause gehört ein 
schönes Stück Land, aber das Nachbarbesitztum ist noch 
schöner und grösser. Mein Wunsch war es immer, es 
zu erwerben und mit dem meinen zu vereinigen. Ich 
habe ja etwas Geld, aber nicht genug, um es kaufen zu 
können. Jetzt wäre die Gelegenheit gerade so günstig. 
Ich machte ihm klar, dass mein Wunsch, den er selbst 
teilte, nur in Erfüllung gehen könnte, wenn er ein Mädel 
mit Geld erheiratete. Mein Junge wies meine Bitte, von 
der Luise zu lassen, rundweg ab. Ich kam mit meiner 
Mahnung zu spät und alle weiteren Versuche, ihn zu 
bekehren, hatten keinen Erfolg. Lange Zeit mühte ich 
mich in Güte ab. Als ich einmal harte Worte gebrauchte, 
lief er davon. Seitdem ist jeder Sonnenschein aus meinem 
Hause verschwunden. Das Mädel tut nach wie vor seine 
Ptlicht, aber eine trübe Stimmung lastet auf seinem 
Herzen. .Es fehlt der Frohsinn.“ 
„Haben Sie sich denn nicht bemüht, Ihren Sohn zur 
Rückkehr zu bewegen?“ 
„Nein, Herr Major! Wenn er es fertig brachte, sein 
Elternhaus so zu missachten, dass er es verliess, so hat 
er eben keine Liebe mehr zu den Seinen. Da ist es 
besser, er bleibt fort, und ich als Vater muss mein Ge 
schick ertragen.“ 
Die matten Augen des alten Mannes hatten plötzlich 
Kraft gewonnen und das verwitterte Antlitz trug den 
Ausdruck eiserner Energie. Der Major sah, dass der 
Förster mit seiner Behauptung, jener wäre ein braver 
Kerl, aber ein Dickkopf, recht hatte. 
„Es wird vielleicht doch noch einmal alles wieder 
gut“ tröstete nun ihrerseits Frau von Roswal. 
Der Major war plötzlich nachdenklich geworden. 
„Seltsam wäre es doch, höchst seltsam!“ murmelte er 
vor sich hin und seine Augen wurden lebendiger, sogar 
ein Lächeln huschte über sein ernstes Gesicht. 
„Wie ist doch Ihr Name?“ fragte er dann. 
„Knoll, Herr Major.“ 
„Hm!“ 
Die Ruder hatten sich wieder ins Wasser gesenkt 
und trieben den Kahn nun der Anlegestelle zu. Der 
erste, welcher ihn verliess, war wiederum der Spitz, der 
besonders um den Major herumsprang. 
„Kann man bei Ihnen eine kleine Erfrischung be 
kommen?“ fragte Frau von Roswal den alten Knoll. 
„Ich weiss es nicht, meine Dame, ob Luise etwas 
Milch übrig hat. Sie ist jetzt ja nur recht knapp. Ich 
werde einmal nachfragen.“ 
„Oder wir begleiten Sie sogleich,“ 
Sie ging mit dem Alten, der den Kahn wieder aui 
den Ufersand gezogen hatte, dem Hause zu. Der Major, 
welcher mit dem Hunde spielte, folgte erst ein ganzes 
Stück später. 
Plötzlich aber hörte Molly zu spielen auf, blieb zuerst 
mit erhobener Nase witternd stehen und lief dann in das 
dichte Unterholz des Waldes, der dicht an den Garten 
zaun des Grundstückes herantrat, hinein. Gleich darauf 
erhob sich ein Freudengeheul, welches gar nicht enden 
wollte. Der Major blieb stehen und spähte in das Dickicht 
hinein, um zu erforschen, was den Hund denn so ausser 
sich vor Freude brächte. Als er aber nichts zu ent 
decken vermochte, betrat er auf einem kaum merkbaren 
Fusspfade das Gebüsch und fand schliesslich einen Soldaten, 
der den Spitz im Arme hielt. 
„Meine Ahnung!“ flüsterte der Major. „Meine 
Ahnung!“ 
Jetzt strahlte ungetrübte Freude aus seinen Augen. 
„Guten Tag, lieber Knoll!“ rief er, die Sachlage be 
greifend, mit gedämpfter Stimme. 
„Herr Major! Hier sind Herr Major zu fänden?“ 
stammelte der Feldgraue, der sich der Liebkosungen 
Mollys gar nicht erwehren konnte. 
„Ja, Knoll, ein Zufall hat mich hierher geführt. Ach, 
es gibt keinen Zufall! Eine Fügung des Himmels tat es 
und zu guter Stunde.“ 
Er trat jetzt an den Soldaten heran, der den Hund 
niedergesetzt hatte, und gab ihm die Hand. Es war der 
verlorene Sohn des alten Kahnführers. Er gehörte zu 
dem Bataillon des Majors und war ihm, als der Kampf 
am fürchterlichsten tobte, persönlich nahe getreten. 
„Heut Morgen erhielt ich Ihre Meldung, dass Sie in 
dem Erholungsheim in Berlin eingetroffen sind. Morgen 
wollte ich mich nach Ihnen Umsehen. Nun treffen wir 
uns aber schon hier, wo wir es gar nicht erwarteten.“ 
„Hier ist meine Heimat, Herr Major.“ 
„Ich weiss es seit einer halben Stunde oder hoffte 
vielmehr nur, dass meine Vermutung doch richtig sein 
möchte.“ 
„Ich hatte meine Heimat verloren, Herr Major, und 
möchte sie gern wiedergewinnen!“ erklärte Fritz Knoll 
freimütig. 
„Erzählen Sie mir einmal, wie alles gekommen ist. 
Beeilen Sie sich aber, denn meine Frau ruft schon. Ich 
komme sogleich, Gretchen!“ fügte er laut rufend hinzu. 
Der Feldgeraue erstattete wahrheitsgetreuen Bericht.
        
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