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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

er soll ihn abrufen, irgendwohin — weit fort.“ „Der 
Prokurator tut was ich will, und Iwan wird seine Stelle 
behalten.“ „Du selbst wirst Deinen Bräutigam bitten, 
den Priester zu verbannen.“ Wie ein Blitz schoss Darja 
der Gedanke an die Erzählung von der gläsernen Schale 
durch den Kopf. Iwan war Revolutionär, wusste das die 
Mutter? Sie musste ihn retten. Sie liebte ihn. Sie wollte 
ihm von der Gefahr sagen, die ihm drohte. Er würde 
ihr dankbar sein, er würde — er musste sie lieben. 
Die Gräfin beobachtete die Tochter. In ihr war nur 
der Gedanke: den Priester verderben — ihn fortbringen, 
es unmöglich machen, dass er sprach, dass er erzählte, 
was niemand wissen durfte. Sie sah Darjas entschlossenes 
Gesicht und den weichen Ausdruck ihrer Augen. Diese 
Bundesgenossin musste ihm genommen werden. War 
Darja auf ihrer Seite, konnte sie von dem Prokurator 
verlangen, was sie wollte. Einen Augenblick noch zögerte 
sie, dann ging sie über den dicken Teppich, leise, zögernd, 
wie ein Tiger, der seine Beute beschleicht. Sie legte den 
Arm um das Mädchen und flüsterte ihr ein paar Worte 
ins Ohr. Entsetzt fuhr Darja auf. „Das ist unmöglich, 
Mama,“ schrie sie, „unmöglich. Er schaut keine Trau 
an, keine.“ „So scheint es. Er weiss seine Leidenschaft 
gut zu verbergen — vor Dir. Er weiss, dass Du ihn 
liebst.“ „Schweig, es ist nicht wahr, es kann nicht 
wahr sein.“ 
Darja rannte im Zimmer hin und her. „Mutier, Du 
sagst mir das, um mich von meiner Liebe abzubringen, 
aber ich glaube es nicht, nie nie — Dich, Dich soll er —“ 
„Willst Du einen Beweis?“ flüsterte die ruhige, zärtliche 
Stimme. „Du hast das Paket gesehen, das er mir brachte —. 
Komm mit.“ Sie führte Darja in das kleine Boudoir, wo 
sie Iwan empfangen. Da lag noch das Paket auf einem 
seidenen Sessel. „Nimm es Darja, und mache es auf. 
Heimlich hat er sich angeeignet was darinnen ist. Wieder 
und wieder befahl ich ihm, es zurückzubringen. Wenn 
Du es gesehen hast, wirst Du mir glauben.“ 
Darja zitterte. Dann riss sie das alte, nach Tabak 
riechende Papier auf. Vor ihr lag ein kleiner, blauer 
Atlasschuh. 
„Wenn Sie mich lieben, versprechen Sie, mir eine 
Bitte zu erfüllen,“ schiieb Darja am gleichen Tage ihrem 
Bräutigam nach Petersburg. 
„Ich gewähre Ihnen jede Bitte, Sie haben zu befehlen, 
Ihrem ergebenen Diener,“ war die Antwort, die sie erhielt. 
Ihr Kopf glühte, ihre Wangen glänzten. Nun konnte 
sie ihn verderben, der sie nicht ansah in scheinheiliger 
Reinheit. Sofort schickte sie den Boten mit der Antwort 
zurück. Keine Strafe schien ihr zu hart. Der Brief ent 
hielt die Anklage Iwans als Anarchist und Führer der 
revolutionären Bewegung. 
In der Nacht konnte sie nicht schlafen Die Liebe zu 
dem Manne, den sie verderben half, der Hass gegen den, 
der sie unbeachtet Hess, rissen an ihr. Wie hiess das 
Urteil, das ihm drohte? Erst ungewiss, dann lauter 
und deutlicher hörte sie die Antwort; Der Tod. — — 
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Noch stand der Mond am Himmel, während die Sonne 
kaum erwacht war, da Hess Darja den Priester zu sich 
kommen. Sie wusste nicht, was sie wollte, aber sie musste 
ihn sehen, sicher sein, dass er noch lebe. 
Der Wintermorgen konnte das Zimmer nicht erleuchten, 
eine Kerze brannte trübe, als Iwan vor ihr stand. 
„Rechtfertigen Sie sich,“ keuchte Darja. Erstaunt sah 
er sie an. „Was ist?“ „Was war in dem Paket, das Sie 
gestern brachten?“ zischte sie. „Fragen Sie Ihre Mutter." 
„Ich habe es gesehen.“ „Das tut mir leid für Sie “ „Und 
das wagen Sie mir zu sagen, Sie leugnen nicht —“ „Nie.“ 
„So sind Sie verloren.“ „Ich habe nichts Unrechtes getan.“ 
Er stand so gebietend vor ihr, so stark mit dem blauen 
Glanz der grossen Augen, dem ruhigen Lächeln um den 
Mund. Darja schwindelte. 
Er tot, tot, kreisten ihre Gedanken. Sie stürzte sich 
auf ihn, umklammerte ihn und flüsterte heiser. „Rette 
Dich, flieh, rasch, sofort. Man wird Dich töten, und ich 
liebe Dich.“ Iwan suchte sich frei zu machen. „Warum 
will man mich töten“ Darja stammelte: „Ich, ich, selbst — 
man weiss in Petersburg von der Partei — Du bist 
Revolutionär!“ — 
Da sprang er zurück, dass Sie taumelte. „Sie haben 
mich verraten, Darja Petrowna?“ sagte er mit kalter Stimme, 
„so komme das Blut aller Armen über Sie, das noch un 
schuldig vergossen wird.“ Sie kam wieder zu ihm.“ 
„Rette Dich doch, Iwan, ich liebe Dich, und Du musst 
mich auch lieben. Sage mir ein Wort und ich zerreisse 
das Urteil, der Prokurafor tut was ich will.“ Sie war von 
Sinnen. Umklammerte seinen Hals und flüsterte immer 
wieder: „Liebst Du mich? Ich will Dich retten.“ 
Ruhig und kalt löste sich der Mann von ihr. „Ich 
will nicht von Ihnen gerettet werden, Darja Petrowna.“ 
Lautes Pochen tönte durch die Morgenstille. Verstört 
erschien ein Diener. „Hier ist ein Brief des allergnädigsten 
Herrn Prokurators und draussen —“ dem Mann schlot 
terten Arme und Beine, „und draussen sind Wachen aus 
der Flauptstadt, die wollen den Priester mitnehmen.“ 
Darja riss den gefalteten Bogen auf. „Ihr Wunsch 
ist erfüllt, und Russland wird ihnen dankbar sein, mein 
angebetetes Täubchen, schrieb der Prokurator. „Solche 
Leute müssen aus der Welt verschwinden.“ 
Schneeweiss, zitternd, sah Darja auf. Iwan stand 
schon auf der Schwelle. Ohne nach ihr zu sehen, schloss 
er die Tür. 
Einen Augenblick stand sie bewegungslos. Dann stürzte 
sie hinaus, die Treppe hinunter. Sie hörte ein Rasseln 
wie von Ketten. Vier Soldaten hatten Iwan zwischen sich 
genommen und zerrten ihn nach dem Schlitten, der draussen 
stand. Die Pferde zogen an. Da stand sie unter der 
Haustür. 
„Iwan! Lasst ihn da!“ schrie sie. Die Stimme ver 
hallte im Sausen des Schlittens, den drei rasche Pferde 
entführten Ein paar Sekunden sah sie Bajonette, einen 
blonden Kopf. Sie rannte in den Schnee, die Arme 
erhoben, rufend, schreiend. Sie rannte weiter und weiter 
in seidenen Pantoffeln, ohne Tuch und Mantel. Der 
Schlitten war verschwunden, das Klingen der Schellen 
verhallt 
Darja sank in den hohen Schnee mit einem Schrei — 
schrill und verzweifelt, wie ihn der Mann ausstösst, der 
auf hohem Kirchturm arbeitend, plötzlich den Halt unter 
den Füssen verliert: Niemand hört den Schrei, während 
er stürzt — tiefer und tiefer — ohne Hilfe zu finden. — 
Von den neuen Verlagswerken, welche die „Liller Kriegs 
zeitung“ ihren feldgrauen Kameraden und der Heimat bietet, ist 
eine Arbeit von besonders wissenschaftlichem Wert der von Leut 
nant Feulner verfasste kunstgeschichtliche Führer durch die Bau 
denkmäler des schicksalsreichen Lille, ein mit hundert Bildern ge 
schmücktes, vornehm ausgestattetes Werk, dem das französische 
Schrifttum keine Darstellung von gleich umfassender Sachkenntnis 
und Gründlichkeit an die Seite zu stellen hat.
        
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