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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Lux Werthers Blicke glitten suchend und sehnend den 
Kiesweg entlang, der sich in der dunklen Taxusgruppe 
verlor und auf dem unaufhaltsam die Feldgrauen auf- und 
abfluteten, die ihre Genesungszeit nützten und den Früh 
ling kosteten. 
Wieder fesselte seine Blicke ein seltsames Paar. — Er 
ein Versehrter in des Wortes 
härtester und schwerster Be 
deutung, mit schwerem Arm 
stützte ersieh auf die Schulter 
der neben ihm pilgernden, 
um ein paar Zoll kleineren 
lieblich zarten Frauengestalt 
in Schwesterntracht. 
Langsam, ganz behutsam 
und zögernd tasteten sie vor 
wärts, des bärtigen Mannes 
Linke stützte sich auf einen 
Stock, die feldgraue Uniform 
zeigte von heissen Kämpfen 
und wildbewegten Stürmen. 
Teufel nochmal, solch ein 
Anblick! — 
Lux Werther war nicht 
weich, wollte es auch nicht 
werden, aber — das Herz 
krampft sich einem zusam 
men dabei! Es ist doch 
fürs Leben, für ein ganzes, 
langes, schicksalsreiehes Le 
ben, das man noch vor sich 
hat. Solch eine Halbheit, 
die gebrochene Kraft voll 
wertiger Mannesjahre! 
Des jungen Mannes 
Augen blickten gespannt. 
Einen Augenblick hatte er 
Theas Schwur und ihr 
Kommen vergessen, er 
dachte an seinen Leutnant, 
den er bei Mouronvilliers 
einst zu Tod verblutet aus 
der Schlacht getragen, besser 
tot — als 
Seine Augen starrten 
noch immer nach der Rich 
tung, von wo die Beiden 
sich ihm näherten, starrten 
und öffneten sich weiter und 
weiter, um ganz zu erfassen das ungeahnte Ereignis, das 
sich ihnen zeigte, die Frauengestalt mit dem blonden Haar, 
das sich über die steife Haube bauschte, mit Liebe und 
unendlicher Wehmut zu schauen. 
„Thea,“ flüsterten seine Lippen, und seine Hände 
tasteten vor sich ins Leere, als wollten sie ergreifen, 
wonach sie gebangt so viele viele Jahre lang. 
Ja, sie war’s, seine zarte, verwöhnte, behütete Thea, 
die einst in stiller, tränenschwerer Entsagungsstunde seiner 
Lippen heiligste Glut hinweggeküsst und dann mit einer 
keuschen Lüge im Herzen die Frau des anderen ge 
worden war. Hatte sie ihn entdeckt, war sie gekommen, 
um ihr Wort einzulösen mit ihrem — Gatten, jenem ewig 
Versehrten, in dem er seinen einstigen Lehrer wieder 
erkannte? — Die Beiden traten jetzt zu der Holzbank, über 
die ein weisser Fliederstrauch seinen Schatten deckte. 
Schwerfällig senkte sich die Llünengestalt des Mannes nieder 
auf den Sitz, das steife Bein weit von sich reckend, der Stock 
entglitt seiner Hand, ängstlich suchte er nach einem Halt, 
da sprang Lux Werther hinzu, während die junge Frau 
fürsorglich ein Kissen aus dem Beutel zog, der ihr am Arme 
hing, um es dem Leidenden hinter den Rücken zu schieben. 
Ein dankbar verstehender Blick traf den jungen Mann, 
der sich mit scheuem Grusse zurückzog. Im nahen Wild 
rosengang war eine Bank, da ruhte Lux Werther aus, er 
schlug die Flände vors Gesicht und schluchzte wild auf 
vor schmerzlicher Qual. 
Von hier konnte er die stille Gruppe ganz genau be 
obachten, konnte sehen, wie die junge Frau dem wunden 
Krieger den Schweiss von der Stirn wischte und ihm eine 
der wilden Rosen ins Knopfloch steckte, und wie auf 
seinem von Schmerz durchfurchten Antlitz ein dankbares 
Lächeln die herben Lippen besonnte. 
Dann sah Lux Werther, 
wie Thea sich entfernte, 
nachdem sie ein paar Worte 
mit dem Manne gesprochen, 
der meist teilnahmlos, in sich 
versunken dasass, und dessen 
Brust durch einen krampf 
haften Husten geschüttelt, 
auf und niederbebte. 
Wenige Sekunden und 
Lux Werther war an ihrer 
Seite. — — — — 
Sie war nicht erstaunt, 
sie fragte nicht, von wo 
und warum er gekommen, 
nur ganz klar, wenn auch 
leise klangen ihre Worte: 
„Ich habe mein Ehren 
wort gehalten, Lux, es ist 
mir nicht ganz leicht ge 
worden,“ — — — — — 
Fragend sah er sie an. 
Sie lächelte nur; ein stilles, 
friedvolles Lächeln. 
„Mein Leben ist aus 
gefüllt,“ begann sie wieder, 
nicht nur zur Gattin, son 
dern wie Du siehst, auch 
zur Pflegerin hat mich das 
Schicksal bestimmt, und ich 
bin stolz, dass auch ich 
einen solchen Kriegsdienst 
leisten kann. Mein armerVer- 
wundeter trägt ein schwer 
es Los.“ — —• — — 
Sie sah mit ihren scheu 
en Vögleinsaugen zu ihm 
auf wie einst, voll Angst,Ver 
trauen und Liebe, aber die 
Angst war gewichen, er sah 
nur noch den F'riedensglanz 
vollbrachter Pflicht darin. 
„Und Du bist glücklich, Thea?“ fragte er bang. 
„Glücklich, ja, denn ich habe gelernt, dem Leben die 
Pflichten abzunehmen, die es für uns herbeiträgt, und ich 
habe in der grössten aller Zeiten mein Leben nützen dürfen. “ 
,,Und — unsere Liebe?“ 
Ueber ihr Gesicht glitt ein Schatten. 
„Wer wagt jetzt sein Schicksal in den Vordergrund 
zu stellen. Das ganze Vaterland muss unsre Liebe sein, 
Lux. Ich bin auch stolz auf Dich und habe so manches 
Mal — nach Dir — geforscht. Menschen, die einem nahe 
stehen, will man als Schwester lieber pflegen, als sie 
0 muH e& fcid $um 
duvd} gan$ Deuifd}tand fdfjatten? 
T’gder mu? seidenen- frgder 
dafür forgen, da0 aud) die 
andern ^etdpnen!
        
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