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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Das Ehrenwort. 
Skizze von Helene Helbig-Tränkncr. 
(Nachdruck verboten.) 
Nun wartete er schon eine Stunde lang, dass sie 
kommen müsse, ja, denn kommen musste sie, wenn ihres 
Wesens Kern der gleiche geblieben und ihrer ersten 
Jugend heisse, unzügelbare Neigung noch ihm gehörte, 
der dieser Jugend Lichtverklärer gewesen. 
Damals, als sie sich von ihm, dem jungen brot- und 
aussichtslosen Studenten losgerissen um die Gattin des 
für ihre beiden Begriffe ältlichen Professors zu werden, 
dessen Kolleg er als junger Fuchs besuchte, hatten sich 
beide in der letzten bitteren, unvergesslichen Abschieds 
stunde ein Wiedersehen geschworen, ein Wiedersehen 
nach fünf Jahren, am Ufer des Flusses, der ihrer jungen 
Liebe Sehnsuchtsstammeln umrauscht, unter den Platanen, 
deren Wipfel leise geschüttelt bei dem ersten Geständnis 
ihrer unwandelbaren Treue. 
Warum sie ihm diese Treue gebrochen? 
Ja, warum, weil Papa, der Herr Gebeimrat nicht mit 
sich spassen Hess und einfach eine solche Liebelei als 
indiskutabel zu den übrigen Akten gelegt haben würde. 
Und der Professor schien ihm nun gerade der allergeeig- 
netesle Ehegatte für sein Töchterchen zu sein, deshalb 
hatte er diese Werbung auf das Entschiedenste begünstigt. 
Und Thea Wartenberg musste sie annehmen — punktum. 
Es gab überhaupt keinen Widerstand, eine Mutter hatte 
sie nicht mehr, und die Tante, die im Hause als deren 
Stellvertreterin waltete, wäre nicht imstande gewesen, die 
Stelle einer Gegenpartei zu übernehmen. 
Und Thea selbst? — Die achtzehn Jahre, die ihr 
junges, blühendes Leben entfallet, waren noch nicht stark 
genug, um einer Liebe willen Haus und Hof zu verlassen, 
des Vaters Zorn auf sich zu nehmen und dem Geliebten 
anzuhangen, zumal ja der Geliebte eben nur ein Studentlein 
im ersten Semester war und ihrem Vater ein Nirgendwer 
bedeutete. So hatten sie es beide für selbstverständlich 
gehalten, dass sie sich trennen mussten, den üeberschwang 
ihres Trennungsschmerzes, ihres Opfergefühls Genüge 
getan und in schmerzlichem Behagen sich in die Rolle 
unglücklich liebender Heldenkinder, denen das Versagen 
eines Lebenstraumes eine Märthyrerkrone flicht, hinein 
geschluchzt. 
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KONZERT: Kapelle Brachfeld 
Täglich Anfang 
7 Uhr 
Dann war Thea Frau Professor Eichrodt geworden, 
und die Zeit war darüber hinweggestürmt. Die Zeit mit 
Krieg und Leid und Weh des Menschenherzens, das alle 
kleinen Sorgen und Sehnsüchten aus Friedenstagen in 
den Schatten einer schützenden Mauer stellte und wie 
ein Orkan über die Seelen hereinbrach. Der Student Lux 
Werther war durch Notprüfungen zum neubackenen 
Referendar herangereift und hatte den Cylinder des 
Prüfungskandidaten mit dem Stahlhelm des Lanzers ver 
tauscht, um dem Vaterlande zu dienen. 
Im Dämmer und Duft der Heimat verschwamm wie 
alles andere seine Liebe zu Thea Eichrodt, der jungen 
Professorengattin. Er hatte nichts wieder von ihr gehört. 
Nur, wenn der Donner der Geschütze ihn umtobte, wenn 
all die Erzeugnisse moderner Techniken ihre Verheerungs 
fähigkeit um ihn herum erprobten und sein Leben ge 
fährdeten, da zog wie ein Gruss, ein Sehnen nach Glück 
und verrauschter Zeit durch seine Seele das Wort, das 
einst über die zarten Lippen des geliebten Mädchens 
getreten war; „Wir werden uns Wiedersehen, nach fünf 
Jahren an dieser Stelle, ich schwöre es Dir!“ — Wenn 
nicht das Schicksal, das in diesem furchtbaren Kriege sein 
frevelhaftes Spiel mit den Menschen trieb, auch ihn zu 
seinem Opfer ausersehen, dann sollte es keine Macht geben, 
die ihn davon abhalten würde, sich dies Ehrenwort ein 
lösen zu lassen. — Und dieser Tag, an dem er die einst so 
heiss Umrungene Wiedersehen sollte, näherte sich, der 
Urlaub, der ihm zukam, brachte ihn glücklicherweise 
gerade zu dieser Zeit in die Heimat zurück. — Es war 
der Rosenmonat, Lux Werther trug bereits als strammer 
Vize den Schleppsäbel und sah ungleich stattlicher aus, 
als damals vor fünf Jahren, da er so garnichts in die Wag 
schale zu werfen halte, als seine unverbrauchte Jugend 
und die unbesonnene Liebe seiner 20 Jahre. 
Nun wartete er eine Stunde schon hier, sass aui der 
breiten Steinmauer des Rosengartens, der am Fluss ent 
lang seinen Duft verschenkte, wo einst Thea Wartenberg 
ihm die Rosen, die sie heimlich aus den Sträuchern ge 
brochen, ins Knopfloch gesteckt und den ersten Kuss ge 
währt hatte. 
Es war auf einmal alles wieder so deutlich in ihm, 
während das grosse Erlebnis der jüngst vergangenen Zeit, 
das den Abschnitt einer Weltgeschichte bedeutete, vor den 
kleinen persönlichen Geschehnissen seines Daseins in die 
Dämmerwelt der fernen Erinnerung tauchte. 
Ob sie wohl kommen wird? Wie, wenn sie fern weilt, 
seiner und im glücklichen Geborgensein, das wie eine 
Mauer sich um ihr Familienleben türmt, des Ehrenwortes 
vergass, das sie an jene Zeit band? — — 
Haben Frauen überhaupt ein Ehrenwort? Ein leiser 
Zweifel stieg atembeklemmend und seelenängstigend in 
ihm auf. Frauen von heute und vor allem — eine Thea 
Wartenberg, die Tochter des Mannes, der über Ethik so 
unvergessliche Vorlesungen hielt! — Leise rauschte der 
Fluss sein Lied, das er seit Ewigkeiten gesungen, und 
das dem jungen Krieger lern im Lande des Feindes so 
oft wie ein säuselndes Schlummerlied getönt hatte. 
Vom nahen Dreikönigsturm schlug die Uhr sechs 
dumpfe Schäge. — Es kamen zahlreiche Spaziergänger 
hier vorüber, die aus der dumpfen Enge der Stadt in 
diesem Paradies des Frühlings und des Blühens Er 
frischung suchten und einen Platz zum Rasten nach 
schwerdrückender Berufsarbeit. Auch den Verwundeten 
der umliegenden Lazarette diente der Garten zur täg 
lichen Erholung, und sie trugen ihre wunden Glieder froh 
gemut unter die Blust der Frühlingsbäume. Die weissen 
Steifhäubchen ihrer freundlichen Begleiterinnen, der opfer 
willigen Schwestern leuchteten hell und hoffnungsfreudig 
durch das zitternde Grünlaub der neu sich schmückenden 
Baumgruppen. 
Alleinige Fabrikanten BlanKöBobnous, Berlin-Neukölln
        
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