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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

weisse Stirne. „Bitte“ — sagte sie kurz, und 
es war, als streiche ein frostiger Winterhauch 
über junge Frühlingsblüten, — — „was soll 
ich schreiben?“ 
„O ganz gleich“ beteuerte Kaltenbrunner, 
ohne ihre Enttäuschung zu fühlen. Das 
Glück, keinen Korb zu erhalten, stimmte ihn 
ganz freudig. „Nicht auf den Inhalt, nur auf 
Ihre Handschrift kommt es mir an. Schreiben 
Sie irgend etwas auf ein Blatt. Ich füge es 
dann in das Album meiner Berühmtheiten ein.“ 
Irene’s schlanke Hand bekritzelte mit etwas 
unsicheren Zügen ein Papier. Es waren Verse 
von Hebbel, die ihr einfielen. So gut sie sie 
im Gedächtnis hatte, schrieb sie sie hastig nieder. 
„Für jeden .Menschen kommt der Augenblick, 
In dem der Lenker seines Sterns ihm selbt 
Die Zügel übergibt. Nur das ist schlimm, 
Dass er den Augenblick nicht kennt, dass jeder 
Es sein kann, der vorüberrollt.“ 
Der Professor warf nur einen flüchtigen Blick darauf. 
„Tausend Dank, gnädiges Fräulein! Sie haben meinen 
Herzenswunsch erfüllt und mir diese Stunde mit Glück 
gesegnet. Seien Sie versichert, dass ich den Besuch auf 
Schloss Heldegg ewig im Gedächtnis bewahren werde.“ 
„Ich auch“ murmelte Irene hinter ihm drein. Dann, 
als sich die Tür geschlossen hatte, setzte sie sich an den 
Schreibtisch und arbeitete an einer schon begonnenen 
Novelle weiter, die ihre letzte, in hohen Gesellschafts 
kreisen spielende halte sein sollen. 
„Schuster, bleib bei deinem Leisten!“ seufzte sie. Es 
war nicht zu hören, ob sie sich selbst oder den sammel 
wütigen Gelehrten meinte. 
Luxus Düfte 
Schönheitspuder 
Cremes 
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Heiratsanträge. 
Humoreske von Max Feder. 
(Nachdruck verboten.) 
Manchmal kommt der Mensch an einen Punkt, wo 
ihm die Welt mit Brettern vernagelt zu sein scheint, und 
wo er glaubt, es bleibe ihm nichts mehr übrig, als sich 
den Kopf an diesen Brettern einzustossen. 
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die zcdhsioteuiJßbserideCjCLite 
Max Lude wig 6, G9 
Gharlattenburg 
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In solcher Lage befand sich Leutnant Hans Weller, 
als er aus dem Lazarett mit gelähmtem linken Arm ent 
lassen wurde. Mit seiner Kriegspension konnte er schon 
allein nicht auskommen, noch viel weniger die Mutter 
und die jüngeren Schwestern ernähren, nachdem sein 
Vater, der Major Weller, auf dem F'elde der Ehre bereits 
vor Jahresfrist gefallen war. Auch die Witwenpension 
reichte nicht weit. 
Zunächst unterbrechen wir uns hier, um dem verehrten 
Leser und der schönen Leserin für die Ratschläge zu 
danken, welche sie unserem Helden geben würden, um 
ihm ein reichliches Auskommen zu gewähren. Aber 
erstens musste Hans Weller sich erst daran gewöhnen, 
mit dem rechten Arm allein zu hantieren, zweitens hatte 
er den Ehrgeiz, Maler zu werden, — gewiss in seiner 
Lage eine luxuriöse Idee, aber unser Held muss nun einmal 
nicht nur mit allen seinen Vorzügen, sondern auch mit 
seinen F'ehlern genossen werden. 
Frau Major Weller, eine zarte, etwas leidende Dame, 
hatte für die Wünsche ihres Sohnes volles Verständnis. 
„Wenn Du noch die Uniform und einen gesunden 
Arm hättest, würde ich Dir sagen: heirate so reich wie 
möglich, aber jetzt —“ 
„Jetzt ist das Reichheiraten allerdings so aussichtslos 
als möglich“, sagte Hans bitter. 
„Wohl war, aber Heiratsanträge kosten ja nichts.“ 
„Recht hast Du, Mutter“, rief Hans aufspringend. 
„Einer, der in Schützengräben und Trommelfeuer lange 
genug ausgehalten hat, wird auch den Mut finden können, 
einen Heiratsantrag zu riskieren.“ 
„Und da kommt selbstverständlich Alma Schnippei 
zuerst in Betracht.“ 
„Die Tochter des reichen Butterhändlers, die ja nicht 
einmal hässlich ist, — die kann sich auch einen aktiven 
Leutnant oder einen Baron leisten. Nein, ich dachte eher 
an Herta von Senden, die ja doch von ihrer Tante ein 
Riesenvermögen geerbt hat, — die kann nicht über zuviel 
Schönheit klagen —“ 
„Ist aber ein kluges Mädchen, dass sich 
wahrscheinlich einen Professor oder einen 
berühmten Dichter leisten wird. 1 , 
„Nun ja, — ist auch Unsinn, daran zu 
denken, dass solche Mädchen einen gelähmten 
armen Kerl nehmen würden. Aber immerhin, 
hinauswerfen möchte ich mich nicht lassen, 
aber hinschreiben kann ich, — es kostet ja 
nichts.“ 
„Ja, was in aller Welt willst Du denn hin 
schreiben?“ 
„Ich will hinschreiben: Geehrter Herr 
Schnippei, ich bitte um die Hand Ihrer 
Tochter, — geehrte Frau von Senden, ich 
bitte um die —“ 
„Du bist wahnsinnig, — doch nicht an 
beide zugleich?“ 
Ja, wenn ich nur an eine schreibe und 
einen Korb bekomme, dann werde ich wohl 
nicht mehr den Mut haben, an die Andre zu 
schreiben. Also, an beide, — das ist das Vernünftigste.“ 
„Hast Du denn auch bedacht, dass Du beiden ver 
sichern musst, dass Du ihre Tochter liebst?“ 
„Das werde ich natürlich nicht schreiben .... ach, 
liebe Mutter, weshalb soll man sich da den Kopf zer 
brechen, — es ist ohnehin anzunehmen, dass die Sache 
auslaufen wird, wie das Hornberger Schiessen.“ 
Begeben wir uns nun zu der Familie Schnippei. Hier 
finden wir die Tochter Alma in Tränen aufgelöst und 
die Mutter bemüht, sie zu beruhigen. 
„Ich begreife Deine Aufregung nicht, liebes Kind, — 
diese Absage ist zwar gemein, — und Du weisst, ich 
habe von dem Baron nie viel gehalten, — aber Du 
kriegst auch noch einen Grafen mit Kusshand. —“ 
„Ja, natürlich, man kann sich ja einen kaufen, — so 
einen, der davonläuft, wenn er eine reichere erwischt, 
wie dieser Baron —“ 
„Aber sag mal, Kind, Du hast doch dem Baron 
immer versichert, Du hättest seinetwegen eine Jugend 
liebe aufgegeben. —“ 
„Ja, das habe ich so hingeredet . . . .“ 
In diesem Augenblick trat Herr Schnippei ein, einen 
Brief in der Hand. 
bringt (Eure 3uroelen, 
(Euer @olb unb Silber 
unferen ©olbanhaufsftelleu! 
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gur Verbilligung brr Cebensboltung bri unb brlft fomit brn 
Krieg oerhiirgen unb geroinnen. 
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® a u f s e , Stobtrat. 
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