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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

würde, und war er nur erst einmal da, liess sich ein unge 
störtes Alleinsein herbeiführen, so konnte auch der ersehnte 
Augenblick nicht ausbleiben. 
Mit klopfendem Herzen zählte die junge Schlossherrin 
die langsam verstreichenden Minuten. Endlich ging die 
Klingel. Das Mädchen meldete Herrn Professor Kalten- 
brunner. 
„Ich freue mich, ihn zu empfangen“ sagte sie, sich 
gewaltsam zur Ruhe zwingend, nahm ein Buch zur Hand 
und setzte sich an das geöffnete Fenster, durch das ver- 
heissungsvoll der Sonnenglanz und Blütenduft des Früh 
lings herein strömte. Nervös fuhr ihre weisse Hand 
glättend über das dunkle Haar. Um nicht zu sehr von 
der Erscheinung des Erwarteten abzustechen, hatte sie 
absichtlich ein einfacheres Kleid als sonst angelegt und 
sie fühlte sich ordentlich wohl in dieser weniger modischen 
Tracht. Ein beseligendes Vorgefühl des Kommenden 
belebte das feingeschnittene, schmale und kluge Gesicht, 
und als ein leises Klopfen vernehmbar wurde, lehnte sich 
die schlanke und doch volle Gestalt wie in sehnsüchtiger 
Erwartung zurück. Sie hatte die Grenze ihres Lebens 
frühlings erreicht, ohne dass sich ihr Frauenlos erfüllte. 
Nun konnte die nächste Viertelstunde bestimmt sein, alles 
Versäumte gut zu machen. 
„Herein!“ rief sie und ein ermunterndes Lächeln empfing 
den sich etwas linkisch durch die Tür schiebenden Be 
sucher. „Ah, kommen Sie heute als Botaniker zu mir?“ 
Der fragende Blick, den sie auf seine grüne Blech 
trommel warf, nötigte Kaltenbrunner zu einer Erklärung. 
„Verzeihung, Gnädigste “ 
„Was hätte ich zu verzeihen?“ fiel sie ihm rasch ins 
Wort. 
„Dass ich Ihnen nicht einen Strauss dieser seltenen 
Blumen bringen konnte, die unter dem Gemäuer der 
Ruine wachsen. Leider fand ich mit vieler Mühe nur 
einzelne Exemplare, deren gelehrte lateinische Namen Sie 
kaum interessieren werden. Aber Sie kennen ja meine 
Leidenschaft, was das Sammeln betrifft.“ 
Irene von Heldegg war aufgesprungen. Da der Pro 
fessor noch immer an der Tür stand, ging sie ihm einige 
Schritte entgegen und streckte ihm die Hand hin. „Nun, 
die Hauptsache ist, dass sie Wort gehalten haben und 
gekommen sind, ob mit oder ohne Blumen.“ 
Er folgte ihrer Einladung, Platz zu nehmen, und liess 
sich auf den nächsten Sessel nieder. „O — dass ich die 
Ruine, die Sie mir so begeistert schilderten, nicht ver 
gessen würde, konnten Sie wohl denken.“ 
„Nur die Ruine?“ fragte Irene gedehnt und ihre Augen 
blickten ein wenig von der Seite zu ihm hinüber. 
Er beachtete es nicht. Seine Hand spielte wie in 
leichter Verlegenheit mit den Quasten des Sessels. Die 
vornehme Eleganz des reizenden, kleinen Boudoirs schien 
ihn in seinem unsalonmässigen Touristenanzug zu genieren. 
„Gewiss nicht“ antwortete er rasch. „Das neue Schloss 
interessiert mich kaum weniger als das alte. Es weist 
die Stile verschiedener Epochen auf.“ 
„Und seine Bewohner?“ 
„Sie verkörpern sich mir in Ihnen, gnädiges Fräulein. 
Und ich bin Ihnen von Fierzen dankbar, dass Sie mir 
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die Bekanntschaft dieser höchst sehenswerten Gegend 
vermittelt haben “ 
Das Fräulein von Heldegg konnte ein Lächeln nicht 
unterdrücken. Er war noch immer der Alte und es gehörte 
nicht geringe Kunst dazu, ihn zum Sprechen zu bringen. 
Statt gerade auf das Ziel loszugehen, schlich er wie eine 
Katze um den heissen Brei herum, es blieb wirklich 
nichts übrig, als auf halbem Wege entgegenzukommen. 
„Sie müssen sehr zeitig, wohl gleich nach Sonnenauf 
gang, die Ruine besucht haben“ meinte sie, in einiger 
Verlegenheit, wie sie den ersehnten Augenblick herbei 
führen sollte. 
„In der Tat. Und ich fürchtete auch fast, zu so früher 
Stunde noch garnicht bei Ihnen angenommen zu werden*. 
„O warum nicht. Mag es auch Feiertag sein. Ich 
halte es mit der Erholung wie mit der Arbeit. Man kann 
mit keiner früh genug beginnen“. 
„Bei einer Dame ist das letztere bewundernswert“ 
versuchte er zu schmeicheln, in der Hoffnung, sich damit 
gegen einen allenfallsigen Korb sichern zu können. 
„Durchaus nicht. Sie sehen ja, ich halte mich nicht 
mit grossem Toilettemachen auf“ meinte sie mit bezeich 
nendem Blick auf ihr schlichtes, doch entzückendes 
Hauskleid. 
„Eine seltene Tugend“ verbeugte er sich. „Wie viele 
Männer würden sich glücklich schätzen, solch eine Frau 
zu besitzen.“ 
Irene fühlte die Entscheidung nahen. Lichte Glut 
färbte ihre Wangen und sie warf einen schnellen, prüfenden 
Blick auf sein bärtiges Gesicht. „Meinen Sie? Die Weisen 
sagen, dass alles Glück ein Traum sei.“ 
„Dann ist aber doch das Träumen selbst ein Glück.“ 
Die unerwartete Schlagfertigkeit seiner Entgegnung 
verwirrte sie. „So träumen Sie auch?“ fragte sie, die 
Stimme dämpfend. „Ich hielt sie eigentlich für keinen 
Illusionisten.“ 
„Ich denke, das ist ein jeder mehr oder weniger. 
Noch letzte Nacht, — wenn ich es sagen darf, gnädiges 
F'räulein, habe ich von Ihnen geträumt.“ 
Irene wandte sich errötend ab. „Aber Herr Professor!“ 
„Sie zweifeln? Es ist wahrhaftig wahr.“ 
Die derbe Ehrlichkeit gefiel ihr. Sie wagte es, ihm 
ihr erglühtes Gesicht zuzuwenden. „Und was träumten 
Sie?“ kam es wie flüsternd von ihren Lippen. 
„Dass Sie mir eine Bitte, ich kann wohl sagen, einen 
Herzenswunsch, erfüllten. Aber jetzt, da ich wach bin 
und die Dinge der Wirklichkeit mich umgeben, finde ich 
kaum den Mut.“ 
Sie schlug die schwer bewimperten Augen zu Boden. 
„Sprechen Sie nur. Es wird ja nichts Unrechtes sein.“ 
„Gewiss nicht, und Ihnen keineswegs neu. Aber 
doch wird es oft als Belästigung empfunden, die der 
Ruhm nun einmal mit sich bringt. Sie haben einen Namen, 
gnädiges Fräulein, die gebildete Welt spricht von Ihnen. 
Und Sie kennen ja meinen Eifer, zu sammeln. Auto 
graphen gehören zu meinen kostbarsten Schätzen. Schon 
im Seebade, wo wir uns kennen lernten, quälte es mich, 
doch immer fehlte die Gelegenheit, meinen Wunsch zu 
äussern. Heute indessen, da Sie mich so liebenswürdig 
empfangen, möchte ich nicht länger zögern — —“ 
Das Fräulein von Heldegg machte eine Bewegung, 
als müsse sie etwas von sich abschütteln. Ein befremdetes 
Staunen im Blick erhob sie sich und fuhr sich wie aus 
einem Traume erwachend mit der Hand über die hohe,
        
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