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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Der ersehnte Augenblick. 
Von Franz Wichmann. 
(Nachdruck verboten.) 
„Nun muss sich alles, alles wenden.“ Irene von 
Heldegg wurde das Zitat nicht los. Wie ein immer 
wiederkehrendes Leitmotiv klang es in den Saiten 
ihrer Seele. Professor Kaltenbrunner hatte ge- 
schriebei), dass er zu Pfingsten seine Absicht aus 
führen und die alte Burg an der Lomme besuchen 
wolle. 
So angesehen die junge Schlossherrin in der 
Welt dastand, so wenig Freude halte sie noch an 
derselben erlebt. Nach dem frühen Tode der 
Mutter war ihr, dem einzigen Kinde, die Sorge 
um den alternden Vater zugefallen. Schon in 
früher Jugend hatte sie gedichtet, Novellen und 
Romane brachten später den ersten Erfolg. 
Herr Hartwig von Heldegg hatte den Stolz 
iosnes Geschlechts bisher nur in der Pflege des 
Ahnenkultus, nicht auf dem Gebiete von Literatur 
und Kunst gesucht. Er schimpfte auf die müssige 
Beschäftigung seiner Tochter. Als aber ihre Ar 
beiten klingenden Lohn einbrachien, begann er 
zu schmunzeln. Der Stammsitz seiner Väter war 
schwer verschuldet, der zugehörige Landbesitz 
allmählich veräussert worden und nichts als die 
Ruinen der alten Burg, sowie das neuere Schloss 
in seinen Händen geblieben. Sein äusserer Glanz 
musste schon im Interesse der Ahnen um jeden 
Preis gewahrt werden, aber leider vermochte Herr 
Hartwig, dessen einzigen Beruf der Sport bildete, 
nichts dazu beizusteuern als gelegentlich den Gewinn 
einer Wette. In den letzten Jahren, da zunehmendes 
Gichtleiden den Schlossherrn ans Lager fesselte, waren 
auch diese Einnahmen völlig in Wegfall gekommen, und 
die schwere Aufgabe, den Talmiglanz des Heldegg’schen 
Daseins nicht erblassen zu lassen, hatte allein auf Irenes 
schmalen Schultern gelegen. Man musste Gäste empfangen, 
sich bewundern, ja beneiden lassen, und aus all’ diesem 
bunten Scheinleben immer wieder die Stoffe zu jenen 
zierlichen Salongeschichten aufgreifen, die ihr Publikum 
aus Irenes gewandter Feder verlangte. Im Herzen wider 
strebte ihr längst dieses Komödienspie! mit Mund und 
Feder. Ihre dichterische Begabung sehnte sich nach der 
Behandlung ganz anderer Motive, aber die zunehmende 
Gebrechlichkeit des Vaters, dem es immer schwerer fiel, 
sich über Wasser zu halten, zwang sie, die lästigen Sklaven 
ketten weiter zu schleppen. 
Nur in einem Punkte hatte die junge Adelige sich ihre 
Freiheit gewahrt. Kam der Alte auf die Frage ihrer Ver 
ehelichung, so setzte sie ihren eigenen Kopf auf. So 
stark sie sonst war, — auch hier den Standesinteressen 
alles zu opfern, fühlte sie sich zu schwach. Und wohin 
sollte es auch führen, wenn sie die Hand eines der reichen 
Bewerber annahm! Bisher hatte die Welt sich immer 
täuschen lassen, auch über die Höhe ihrer Einnahmen 
auf literarischem Gebiete gingen übertriebene Gerüchte um. 
Sie hätte sich zu Tode geschämt, wenn bei ihrer Verhei 
ratung die wahren Verhältnisse zu Tage gekommen wären. 
Wo es sich um Liebe handelte, durfte sie nicht dem 
falschen Schein, der ihre Persönlichkeit umgab, sondern 
nur dieser gelten, und das Recht auf Glück war sie ent 
schlossen, nicht wie alles andere für die Aufrechthaltung 
von Phantomen hinzugeben. 
Das unerwartet rasch erfolgte Ableben ihres Vaters 
schien ihr Recht geben zu sollen. Jetzt mit fast 30 
Jahren brauchte sie keine Rücksicht mehr zu nehmen, 
und ohne Gewissensbisse konnte sie sich den heimlichen 
Gedanken an Hermann Kaltenbrunner überlassen. 
Alleinige Fabrikanten Blank6 Bohrous. Berlin -Neukölln 
Der Professor, der um ein paar Jahre älter sein 
mochte als sie selbst, war der einzige Mann, der 
bisher Eindruck auf sie gemacht hatte. In einem 
Seebade, dass sie im letzten Sommer nach dem 
Tode des Vaters zur Erholung mit einer be 
freundeten Familie aufgesucht, hatte sie den ihr 
so sympathischen Gelehrten kennen gelernt. 
Rechnete man die etwas entstellende goldene 
Brille ab, so war er ein hübscher, hochgewachse 
ner Mann, breitschulterig, mit luftgebräuntem Ge 
sicht, das den leidenschaftlichen Touristen verriet. 
Zugleich war er ein eifriger Sammler von allem, 
was ihn interessierte, — und dazu gehörte jeder 
lebende und tote Gegenstand, der ihm aufstiess. 
Trotz aller Gelehrsamkeit haftete ihm etwas Ur 
wüchsiges an, das grade Gegenteil von den Irene 
so verhasst gewordenen Salonmenschen, und wenn 
sie während des Sommeraufenthalts einander nicht 
näher gekommen waren, so lag das wohl in der 
scheuen, fast ängstlichen Zurückhaltung des Pro 
fessors, die sich auch in seinen manchmal steif 
und linkisch erscheinenden Bewegungen ausprägte. 
So oft er sich in Irenes Nähe befand, las sie 
ihm stets ein besonderes Interesse, den heimlichen 
Wunsch einer Mitteilung vom Gesichte, aber offen 
bar fand er nicht den Mut, sich auszusprechen, 
und grade das gefiel ihr im Gegensatz zu den 
oft dreisten und aufdringlichen Bewerbungen, die 
ihr bisher zu Teil geworden waren. Wenn der 
rechte Augenblick gekommen ist, wird er schon 
sprechen, tröstete sie sich, und einmal musste ja 
der Mund übergehen von dem, wessen Herz voll war. 
Ein einziges Mal schien es so weit gewesen. Da hatte 
sie Kaltenbrunner mit einem ihrer Romane in der Hand 
am Strande getroffen. Er hatte darüber zu sprechen 
begonnen, auf die Berühmtheit ihres Namens hingewiesen, 
dann aber waren sie durch Bekannte gestört worden, und 
ehe sich eine weitere Gelegenheit bot, war ihre beider 
seitige Abreise erfolgt. 
Zum Abschied hatte er ihr einen Strauss von Feld 
blumen überreicht, den er selbst gesammelt. Sagte das 
nicht mehr, als alle die prachtvollen und teuren Bouquets, 
die ihre eleganten Verehrer in den feinsten Blumenläden 
erstanden! 
Die Trennung hatte Irenens Gefühle nur gesteigert, in 
den langen Wintermonaten hatte sie immer an den Pro 
fessor denken müssen und nun hielt sie seinen Brief in 
Händen, die ersten Zeilen, die er ihr zu schreiben gewagt 
hatte. Er kam, um das romantische Lommetal kennen 
zu lernen, die historisch interessante Ruine Heldegg zu 
besuchen und dabei auch ihr auf dem Schlosse seine Auf 
wartung zu machen. Eigentlich hatte sie das selber so 
eingefädelt. Von seinem Interesse für Altertümer und 
schöne Landschaften ausgehend, hatte sie ihm so lange 
von den Reizen der Gegend vorgeschwärmt, bis er ver 
sprochen hatte, sich im nächsten F'rühjahr selbst von ihren 
Vorzügen zu überzeugen. Jetzt wollte er die kurzen 
Pfingstferien dazu benutzen, und die etwas steife Förm 
lichkeit seines Briefes vermochte ihre F'reude keineswegs 
zu trüben. Grade so hatte sie erwartet, dass er schreiben
        
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