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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Nun gab es zu jener Zeit einen berühmten Sänger, 
namens Jean Abel!, der lange Zeit in England, am 
Hofe der Stuarts, als Kapellmeister wirkte. 
Als Opfer der Revolution, welcher Jakob II. ein Ende 
setzte, wurde auch der Tenor, da er der neuen Regierung 
verdächtig erschien, verbannt. So fasste er den Entschluss, 
Europa zu bereisen und Konzerte zu geben. 
Da er ein Meister des Lautespiels war, so wählte er 
dies Instrument zur Begleitung seiner herrlichen Stimme 
und feierte in allen Städten Deutschlands und Hollands 
grosse Triumphe. 
Nun belohnte man damals die Künstler nicht in der 
selben freigebigen Weise, wie heute. Und zudem war 
unser Musiker sehr verschwenderisch. 
Eines Tages, da der herumziehende Künstler zu seinem 
Leidwesen gerade grosse Spielverluste erlitten hatte, kam 
er nach Warschau, der Hauptstadt des damaligen König 
reichs Polen. 
Und es ging sogar das Gerücht, dass er mit seiner 
Leier auf dem Rücken und einer vollständig leeren Geld 
katze hier zu Fuss anlangte. 
Doch sein Ruhm war ihm vorausgeeilt und der König 
August gab seinen unumstösslichen Willen kund, ihn noch 
an demselben Abend singen zu hören. 
Sofort wurde ein Edelmann im Galawagen nach der 
Herberge entsandt, in welcher der Reisende abgestiegen 
war, mit dem unwiderruflichen Befehle, ihn ins König 
liche Palais zu bringen. 
Jeder andere als Jean Abell hätte diese Tatsache als 
einen glücklichen Zufall des Himmels betrachtet. 
Doch er, mit seinen phantastischen Launen, sah die 
Sache anders an. 
Der Gesandte des Königs traf den Künstler bei seinem 
Abendessen, dass der Gastwirt ihm nur misstrauisch auf 
getischt hatte, dem er jedoch trotzdem alle Ehre antat. 
„Sie gestatten mir,“ erwiderte er dem Gesandten stirn 
runzelnd, „es ein wenig seltsam zu finden, dass ein 
Herrscher, der für keinen grossen Musikkenner gilt, 
sich erlaubt, mich sofort nach meiner Ankunft sozusagen 
beim Halse zu nehmen, um ein Talent zu missbrauchen, 
das zu schätzen er unfähig ist. Das verletzt mich in 
meiner Mannes- und Künstlerehre.“ 
- - „Soll das heissen, dass Sie mir zu folgen zögern?“ 
fragte der Edelmann. 
„Das ich zögere? Keineswegs. Ich nehme es ein 
fach nicht an.“ 
„Aber .... Herr Künstler,“ erwiderte der verwirrte 
Botschafter, es ist Ihnen wahrscheinlich unbekannt, dass 
noch niemals, aber niemals dem Befehle eines Königs 
der Gehorsam verweigert wurde!“ 
„Nun wohl! So sagen Sie Ihrem Könige, dass ich 
erkältet, sehr erkältet, dass ich heiser bin. 
Der Edelmann unterdrückte ein spöttisches Lächeln, 
verbeugte sich und sagte dem Künstler, dass er Seiner 
Majestät von dem betrübenswerten Zustande, in welchem 
er ihn gefunden hatte, Bericht erstatten wolle. 
Dann wandte er sich dem Gastwirt zu, flüsterte ihm 
einige Worte ins Ohr und bestieg von neuem den Wagen. 
-So!“ dachte Jean Abell, „nun werde ich endlich mein 
•Essen in Ruhe verzehren können!“ 
Doch der Dichter behauptet nicht mit Unrecht, dass 
der Weg zwischen Kelchesrand und Lippe zuweilen 
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ein recht weiter sei, und der Musiker sollte dieses an 
sich selbst erfahren. 
In dem Augenblicke, da er sich den vor ihm stehenden 
lockenden Gerichten wieder zuwenden wollte, ver 
schwanden sie plötzlich, wie in einem Märchen. Sein 
Schreien, Widersprechen, seine Einwendungen, alles blieb 
erfolglos; der gefühllose Gastwirt liess alles bis auf dass 
Tischtuch hinaustragen. 
Dann verbeugte er sich ehrfurchtsvoll und sagte: 
„Ich hedaure diesen Zwischenfall aufs tiefste, verehrter 
Meister. Doch der königliche Bote hat mir strenge unter 
sagt, Sie auch nur das Geringste vor der Ankunft des 
Leibarztes des Königs gemessen zu lassen.“ 
„Gehen Sie alle zum Teufel!“ schrie der Tenor, ohne 
seine Stimme zu dämpfen. Ein schönes Land, in dem 
man Gäste Hungers sterben lässt! Ich verlasse es so 
schnell als möglich!“ 
„Ich habe auch den Auftrag, Sie von hier nicht ent 
weichen zu lassen.“ 
„Das ist Freiheitsberaubung, ich werde ihr zu ent 
gehen wissen!“ 
Der Künstler nahm sein leichtes Gepäck zur Hand. 
Doch er war kaum bis zur Schwelle des Plotels gekommen, 
als er statt eines friedlichen Arztes einen Tross Reiter auf 
sich zusprengen sah. 
Ohne Abell Zeit zum Nachdenken zu lassen, bemäch 
tigten sie sich seiner, setzten ihn auf das Pferd eines 
Reiters und sprengten im Galopp davon! . . , 
Einige Augenblicke später waren sie im Palast des 
Königs angelangt und der Künstler musste hier wohl oder 
übel absteigen. 
Ein grosses Gefolge geleitete ihn in eine weite Halle, 
die von einer breiten Galerie umgeben war. Hier sass 
der König inmitten seines ganzen Hofes. 
Es war der Konzertsaal 
Ein grosser, leerer Lehnstuhl stand auf der Bühne. 
Im Augenblick war der Sänger gefesselt und hineingesetzt. 
Plötzlich wurde ein Signal gegeben. Und nun erhob 
sich der Lehnstuhl zu aller Erstaunen mittels eines Auf 
zuges, schwebte empor und schaukelte schliesslich wie 
ein Kronleuchter in der Mitte der Saaldecke. 
Staunen, Ueberraschung und Erregung schlossen dem 
armen Künstler den Mund. Dafür öffnete er seine Augen 
um so weiter. 
Da ertönte ein neues Signal. 
Und im selben Augenblick trabten sechs braune, aus 
gewachsene wohlgenährte Bären durch verschiedene Türen 
in den Saal. 
Majestätischen, langsamen Schrittes reihten diese Vier- 
füssler sich im Kreise um den Lehnstuhl und schnupperten 
mit erhobener Schnauze nach der menschlichen Beute, die 
sie dort eigens für sich aufgehängt wähnten. 
Die Todesangst des Tenors lässt sich kaum erraten. 
Seine Kehle schnürt sich zusammen, die P'urcht benimmt 
ihm den Atem. 
„Beruhigen Sie ihn,“ sagte der Monarch zu seinen 
Höflingen, „indem Sie ihn vor die Wahl stellen: entweder 
zu singen oder sich von diesen ausgehungerten Bestien 
auffressen zu lassen.“ 
„Meine Laute! Meine Laute!“ schrie der unglückliche 
Tenor unverzüglich und alle seine Stimmmittel schienen 
durch ein Wunder wiedergekehrt zu sein. 
Mit leidenschaftlicher Begeisterung spielte und sang er 
eine ganze Stunde lang. Die Zuhörer waren entzückt 
und alles Mitgefühl und alle Neigung auf seiner Seite. 
Da bot der König ihm eine Ruhepause an. Doch der 
Künstler will nichts davon wissen und erklärt, dass er 
erst dann mit seinem Gesang aufhören würde, wenn er 
die Bären aus dem Konzertsaale hinaustraben sähe. 
Der Hof August II. belustigte sich noch lange über 
diesen eigenartigen Konzertabend. 
Jean Abell wurde glänzend bezahlt. Aber man wird 
es ihm nachfühlen können, dass er keine grosse Lust 
verspürte, andere Veranstaltungen in Warschau zu geben. 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
Ho! - Pianolorf c - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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