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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

wie ich es vorhergesagt habe. Ich tröstete Papa, aber der gibt mehr 
auf Onkel Max und den Finanzrat. Die Herren tuschelten eine Stunde 
lang miteinander. Victor sagt, der Finanzrat habe seine Effekten schon 
vor einer Woche per Fiieger nach der Schweiz bringen lassen, und 
Papa geraten, dasselbe zu tun. Da kennt er Papa aber verdammt 
schlecht. Der heisst sich eher den kleinen Finger ab, als dass er den 
Staat um einen Pfennig betrügt. 
Es wehen Friedenslüfte! Von heule ab gibt es wieder Weisswaren 
und Luxuswäsche ohne Bezugsschein. Ich habe mir sofort eia Korsett 
bei Lewandowsky gekauft, ein Gedicht! Über und über mit Spitzen. 
Und sitzt wie angegossen. Schade, dass Botho es nicht sehen kann. 
30. November. Der Kaiser hat in aller Form abgedankt! . . . . 
Wir haben trotzdem unsere Fahne zum Fenster herausgehängt, weil alle 
lieben feldgrauen Jungen nach Hause kommen Ob wohl auch Heinz 
dabei ist? Und ob er mich heute so verehrt wie damals, als ich noch 
im Flügclkleide in die Mädchenschule ging? Hoffentlich ist er nicht 
ausgerechnet bei der Armee Mackensen, Die soll nämlich in Ungarn 
interniert werden. Solch eine Schmach! Papa wurde ganz bleu h. als 
er es erfuhr. Victor wollte ihn beruhigen und meinte, die Sache sei 
nicht so schlimm. Bei Friedensschluss kämen ja doch alle nach Haus. 
Aber Onkel Max verdarb es wieder. Er sagte, die Hauptsache sei ja, 
dass Mackensen selbst in Sicherheit sei. Er mit dem Stab und der 
Armeekasse sei schon längst aus der kritischen Gegend fort. Da 
schlug Papa mit der Faust auf den Tisch: Er habe bisher immer ge 
hört, dass der Kapitän als letzter das sinkende Schiff verlasse, und nicht 
als erster. Aber dann biss er sich auf die Lippen und meinte: „Es 
wird und kann ja gar nicht wahr sein.“ „Da es in den Zeitungen steht, 
sichet nicht!“ sagte Onkel Max. 
Als Botho kam, fingen die Herren wieder von der Sache an. Wer 
habe vor einem Vierteljahr einen so schmählichen Ausgang des Krieges 
für möglich gehalten? „Volk und Armee haben eben die Nerven ver 
loren“, meinte Botho, Darüber ärgerte sich Onkel Max. Er wandte 
sich an Papa und fragte; „Erinnerst Du Dich noch, was ich dem Wolf 
ram, dem Zeitungsschreiber, nach unserer verunglückten Offensive bei 
Reims gesagt habe? Ich beantragte damals 25 auf den Blossen für 
jeden, der einem ganzen grossen Volke zumuten wollte, vier Jahre lang 
0 KINTSCHER 0 
Liliör— und Weinstuben 
Moteslrasse öT, Ecke Martin Lulherstras$e. 
zu bluten und zu hungern und dabei noch die Nerven zu behalten. 
25 auf den Blossen, jeden Morgen, bei nüchternem M-gen! Vor allem 
den Pressehelden und den Etappenrittern!" Das ging auf Botho, der 
aber zu vornehm war, Notiz davon zu nehmen. 
Ich werde mir noch die Augen verderben bei der schlechten Beleuchtung. 
Es ist eine Verordnung gekommen, dass keine hundertkerzigen Glühbirnen 
mehr brennen dürfen, wegen- der Kohleuknappheit, Infolgedessen habe 
ich meine Schieihtischlampe ausschalten und die Decke> beleuchtung an 
knipsen müssen. Die hat nur fünfzigkerzige Birnen. Allerdings 10 Stück, 
aber ich kann dabei doch viel weniger sehen als bei meiner Schreib- 
lischlampe. 
Eben kommt Anna,, das Stubenmädchen, und raisonniert über die 
Lichtverschwendung. Es dürfe in jedem Zimmer nur eine einzige Glüh 
lampe brennen, heisse es in der Verordnung. Ich weiss nicht, ob das 
stimmt, aber was soll ich machen? Die Dienstboten sind ja heute die 
Herren, und so begnüge ich mich fortan mit einer Glühbirne. Sehen 
kann ich aber nicht dabei, und schreiben erst recht nicht Darum 
Schluss für heute. “Naumann. 
-A- -a, ^ jX-. -sA-s- As-/»— 
\ Cafe Maxim 
Frhtdrichslrasse 218. 
^ Konzert von 7 Uhr ab. niiiitmii Flotter Betrieb. 
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H. Noack 
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Vergrössemngen und Oelgemälde 
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