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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Hasenfuss. In Geldsachen so wenig wie in anderen Dingen. Je nervöser 
die da draussen werden, desto mehr müssen wir den Kopf oben behalten. 
Wohin sollte das führen, wenn das ganze Volk seine Milliarden jetzt 
von den Banken und Sparkassen holen wollte? Das Land stände vor 
dem Bankerott, denn so viel Geld gibt es nicht, wie da zur Auszahlung 
kommen müsste!“ Mama sah den Finanzrat an und seufzte. Sie ist ja 
in Gelddingen immer anderer Meinung wie Papa. Ich wollte ihr zu 
Hilfe kommen, aber es muss wohl sehr dumm gewesen sein, was ich 
gesagt habe. Ich fragte, warum denn die Regierung nicht einfach Geld 
drucken lasse, wenn nicht genug da sei. Der Finanzrat lachte, dass die 
goldene Kette auf seinem Bauch wackelte. Es war geradezu beleidigend 
einer Dame gegenüber. Und Papa sah mich scharf an, über den Klemmer 
hinweg. Dass hiess: „Dumme Gans!“ Er kann es nun einmal nicht 
leiden, wenn ich mich in ernste Gespräche mische. 
8. November. Es war himmlisch bei Harden. Ich wusste gar 
nicht, dass er solch interessantes Schauspieler-Gesicht hat. Und dass 
er so entzückend bleich ist und so — wie soll ich sagen? — so 
ätherisch unterernährt. Was er sagte, hat mich nicht besonders 
interessiert. Mir ist es gleich, i o Ludendorff oder ein Andeter schuld 
an dem .Schmachfrieden“ ist, den wir jetzt schliessen müssen. 'Wenn 
es nur erst so weit wäre, und man wieder tanzen dürfte! Und dann 
brauchte auch Botho nicht wieder ins Feld! Er bat sich übrigens sehr 
unartig benommen. Erstens hat er mit Kusine Eugenie mehr gesprochen 
als mit mir. Sie hatte allerdings ein entzückendes Kostüm mit Kräusel- 
stickerei an, natürlich von der Behmer, unter dom tut sie es ja nicht. Und 
ausserdem war sie gepudert. Sie behauptet zwar immer, den Leich- 
ner’schen Puder sehe man nicht, ich habe es aber doch gemerkt. Dabei 
weiss ich bestimmt, dass ich viel niedlicher ausgesehen habe als sie. in 
meinem neuen Seidenkleid; ist übrigens auch von der Behmer, etsch! Und 
daun hat Botho eine sehr unfeine Bemerkung gemacht, als Harden uns 
phot A. Grohs, Berlin 
Drei Vertreter des Berliner Humors. 
Oben: Guido Thielscher. 
Links; Robert Steidl. Rechts: Henry Bender. 
auffoiderte, alle unsere Wohnungen für die Soldaten zu öffnen, wenn 
sie zurückkehrten. Ich fragte Botho, ob Mama etwa ihr neues Bieder 
meier-Wohnzimmer hergeben sollte. Darauf meinte er, dass wir sogar 
unsere Schlafzimmer zur Verfügung stellen müssten, und ich selbst mein 
halbes Bett. Das war natürlich abszön gemeint. Ich war beleidigt und 
gab ihm keinen Kuss, als er mich nach Hause brachte. 
Auf den Strassen war übrigens alles still. Mamas Angst, dass Un 
ruhen ausbrechen und wir in einen Strasseutumult geraten könnten 
W’ar also ganz unbegründet. .So schnell revolutioniert es sich nicht in 
Deutschland“, sagte Botho. .Dazu steckt dem Plebs viel zu viel Disziplin 
in den Knochen. Und ausserdem hat der Oberbefehlshaber in den 
Marken gestern die Revolution ausdrücklich verboten.“ 
10. November. Wer ist nun die .dumme Gans“? Eben kommt 
Onkel Max und erzählt Papa, dass die Reichsbank in 60 Druckereien 
Papiergeld drucken lässt, weil die Banken nicht genug zum Auszahlen 
haben. Was habe ich gesagt? Aber wenn ein junges Mädchen mal 
einen gescheidten Einfall hat, dann lachen der Herr Papa und der Herr 
Finanzrat. Es scheint, ich habe Papa doch sehr überschätzt. 
Unsere Wohnung ist heute wieder der reine Taubenschlag. Es fliegen 
aber nur Täuberiche ein und aus, und alle machen sehr ernste Ges chter 
Natürlich die Politik! Und dabei weiss niemand etwas genaues. Nicht 
einmal, ob der Kaiser abgedankt hat. Ich fragte Bruder Victor, der 
eigentlich Bescheid wissen müsste. Wozu ist er denn von der Reichs 
bekleidungsstelle reklamiert? Doch nicht nur, um Papa einen Anzug 
nach dem andern aus dem Schrank zu luxen, für die Herren Munitions 
arbeiter, die 1000 Mark im Monat verdienen 1 Aber der wusste es auch 
nicht. Er meinte nur, es werde S. M. wohl nichts anderes übrig bleiben, 
als zu gehen, denn Theodor Wolff habe es verlangt. Da weiss ja bei 
nahe Bruder Hänschen mehr mit seinen 9 Jahren! Er hat ein neues 
Lied gelernt, das ihm seine Schulkameraden beigebracht haben, und das 
er nun den ganzen Tag singt: 
Eins, zwei, drei, 
Der Krieg ist bald vorbei. 
Wenn Wilhelm im Zylinder geht, 
Auguste nach Kartoffeln steht. 
Eins, zwei drei. 
Dann ist der Krieg vorbei!
        
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