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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Aus Eva van Kosters’ Tagebuch. 
(Nachdruck verboten.) 
1. November. Wie recht hat Schiller, wenn er’geistreich aus- 
ruft: ,0 Gott, das Leben ist doch schön!“ Vetter Botho ist nämlich 
plötzlich aus dem Felde gekommen. Das heisst, er sagt „aus dem Felde“, 
Papa weiss es aber wieder besser. Er nennt ihn den „Etappen-Bothen“, 
und setzt hinzu: „Bothe mit lh“, damit mau den Witz auch ja versieht. 
Mir soll’s gleich sein, wenn er nur wieder hier ist, der liebe Junge! 
Er hat 14 Tage Urlaub, und da wollen wir uns fein amüsieren. Er hat 
mir bestimmt versprochen, mich überall hinzuführen, wo junge Mädchen 
ohne Hausschlüssel eigentlich nicht hingehören. Hoffentlich hält er 
besser Wort wie bei seinem vorigen Urlaub, wo er mir auf Ehrenwort 
versichert hat, dass der Krieg in zwei Monaten aus sein werde. Er hat 
zwar ausdrücklich gesagt, „kleines Ehrenwort“, aber ich habe doch daran 
geglaubt und mir ein paar Tanzschuhe gekauft. Papa gegenüber sind 
es Ptomenadenschuhe. Jetzt liegen die Schuhe im Kasten, und mein 
kostbarer Bezugschein ist weg! Aber Botho ist da, und das ist die Haupt 
sache. Freut euch des Lebens! Ich habe vor Vergnügen den ganzen 
Vormittag Operetten geklimpert, meinen Liebling Kollo, alle Solostücke 
aus „Sterne, die wieder leuchten.“ Dahin gehen wir nämlich heute 
Abend. Das Bummel-Programm soll mit Berliner Theater anfangen — 
das hat Papa merkwürdigerweise sofort erlaubt — und mit Adi-Haus 
aufhören. Davon wissen die Alten aber noch nichts. 
4. November. Heut ist’s ungemütlich bei uns. Onkel Max ist 
gekommen und hat einen Rattenschwanz von Schauergeschichten mil 
gebracht. In der russischen Botschaft sollen in den letzten Wochen 
400 Kuriere, alles Bolschewisten, mit vielen Kisten angekommen sein, 
und in einer Kiste hat man revolutionäre Aufrufe an das deutsche Volk 
gefunden. „Raus mit dem hetzerischen Gesindel!“ hat Papa gerufen; er 
war ganz erregt. Und jetzt sitzen die Herren im Rauchzimmer bei 
einem Ersatz-Cognak und stecken die Köpfe zusammen. Ich bin zweimal 
durchgegangen, habe aber nicht viel hören können. Mil den Matrosen 
in Kiel scheint etwas nicht in Oidnung zu sein. Meuterei oder der 
gleichen. Vetter Botho muss mir heute Abend alles erzählen. 
üebrigens Vetter Botho! Der Junge hat mich schön angeführt. Die 
„Sterne, die wieder leuchten“ sind ja ganz harmlos! Sehr hübsch, 
reizend gespielt, aber nicht die Spur von equivoque. Da hätte ja Mama 
hingehen können! Nur hier und da mal eine zweideutige Bemerkung, 
und die habe ich nicht einmal verstanden. Schön war es aber doch! 
Namentlich weil wir in der Loge sassen und ich meinen neuen Hut auf 
behalten konnte mit dem Kronenreiher von der Margarethe Friedländer 
•in der Lützowstrasse. Botho hat mehr nach mir als nach der Bühne 
gesehen. Er glaubte wohl, ich bemerkte das im Dunkeln nicht! 
Eben war Kusine Eugenie hier. Ich weite, Bothos wegen. Sie 
fragte, ob ich am Donnerstag mit zum Harden-Vortrag kommen wollte, 
aber das war nur ein Vorwand. Sie möchte am liebsten mit Botho 
allein hingehen, deshalb gehe ich aber getade mit, und ich werde mich 
sogar besonders fein machen. 
5. November. Die Graulerei nimmt aber auch gar kein Ende. 
Erst war heute wieder Onkel Max da und jagte uns einen Schreck mit 
det Nachricht ein, dass auch in Hamburg Unruhen ausgebrochen seien. 
Dann kam Finanzrat Mayer, Papas Hofjude. Er fragte, ob Papa nicht 
sein Geld von der Bank abheben wolle. Alle Leute täten es, denn 
man könne doch nicht wissen, was passierte, wenn auch in Berlin Un 
ruhen ausbrechen sollten. Da kam er aber schön an. Papa setzt seinen 
Klemmer auf und sah ihn scharf an, wie er immer tut, wenn er den 
ehemaligen Offizier markieren will. Dann sagte er ruhig: „Ich bin kein 
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»a dar Kreta» Praaaaaa uad Ala daait »arbaadaaaa Pacht» aa Aar 
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araart» von ihaaa, das» »1» bla zur Naaordbuag das Daatsebao ' 
Ralch» d»a Inhabern d»r tatoia:.; lohao 0»»alt la Caotaobland 
halfaa, das Besteche Volk gegen di» drob»ad»a Gefahren dar 
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Aaarchia, dar Huagaraaot ood dar Tra«<5h*rr«obaf t so ackötia». 
Urkundlich ttotnr Uoaarar Hoohatalgaohiadi$an Uatar- - 
•«hrift.aad Oalgadruckl«« Kaiaarllchan luaiagal-. ( 
Gagabea Aaeroogao, dan 2tt. Novaabar 1918. 
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phot Berl. Illustr. Ges. (2). phot. A. Grobs, Berlin (1). phot. Gcbr. Hankel, Berlin (1)» 
Die Revolution in Berlin. 
Rechts unten die Abdankungsurkunde Kaiser Wilhelms 11.
        
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