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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Wer lange in einer vergifteten Atmosphäre gelebt hat, muß 
sich erst langsam wieder an reinere Luft gewöhnen. Nicht 
anders geht es Deutschland, das jahrelang in einem nur für 
besonders scharfe Augen durchdringüchen Lügennebel befangen 
war und sich jetzt allmählich wieder an das klare Licht der 
Wahrheit gewöhnen muß. Das ist gar nicht so leicht, wie 
man glauben sollte. Es ist uns Allen nachgerade zur lieben 
Gewohnheit geworden, daß uns ein X für ein U gemacht 
wird, und geschieht das einmal nicht, was ja jetzt hin und 
wieder vorkommt, so setzen wir uns inslinktmäßig zur Wehr. 
Namentlich die Tagespresse kann sich nur schwer daran ge 
wöhnen, die Dinge wieder so zu sehen, wie sie in Wirklich 
keit sind. Auf viele Zeitungen wirkt die Wahrheit noch 
immer wie das rote Tuch auf den Stier. (Ich bitte um Ent 
schuldigung wegen dieses Vergleichs; es soll keine Beleidigung 
für den Stier sein). Hat da kürzlich in einem Organ des 
Gastwirtsgewerbes ein Hausarzt einem Herzleidenden die 
folgende Diät verschrieben: Morgens eine Tasse Milch, ein 
Butterbrot; um 10 Uhr ein Schinkenbrot und Kompott; Mittags 
Gemüse, Fleisch, Kompott; Abends Brot mit Ei und kaltem 
Aufschnitt. Darob große Empörung in den Tageszeitungen. 
Ob denn das Gastwirtsorgan sich über die Bevölkerung lustig 
machen wolle? Ob es glaube, daß ein Herzleidender in dieser 
Zeit wirklich nach dem obigen Rezept leben könne? Und so 
weiter im Tone des ehrlichsten Zorns. Ja, was soll man dazu 
sagen? Da entschließt sich endlich einmal ein Organ, die 
Verhältnisse so zu nehmen, wie sie wirklich sind, und mit der 
fable convenue zu brechen, daß die tägliche Ration des besser 
situierten deutschen Staatsbürgers aus den vorgeschriebenen 
2V2 Gramm Fett, 30 Gramm Fleisch und 250 Gramm Brot 
bestehe, und sofort fällt die Presse über den „Verleumder“ 
her. Sollten die Fierausgeber der betreffenden Zeitungen noch 
niemals einen Blick in die Speisekammern ihrer eigenen Frauen 
getan haben? Oder sollte sich in diesen Speisekammern 
wirklich kein Viertel Pfund Butter und kein einziges Ei be 
finden? Ich bin nicht naiv genug, das anzunehmen. Ich glaube 
eher, daß die Zeitungen bedauernswerte Opfer ihres Berufs 
sind, Opfer des blauen Dunstes, den sie seit Jahren ihren 
Lesern vorzumachen gezwungen waren. Sie haben die 
Oeffentlichkeit so lange systematisch zum Glauben an eine 
Märchenwelt erzogen, bis sie schließlich selbst an die Wahr 
heit all der Märchen glaubten. „Illusionismus“ nennt das der 
Psychiater. Es wird wohl noch einige Zeit dauern, ehe die 
letzten Spuren dieser Kriegskrankheit aus dem deutschen 
Geistesleben verschwunden sein werden. 
Als ich in den ersten Dezembertagen durch die Straßen 
ging, um praktische Revolution zu studieren, sah ich zwei 
Arbeiter im eifrigen Disput bei einander stehen. Ich stellte 
mich in ihre Nähe, scheinbar in den Anblick einer jener 
Bonbons-Auslagen vertieft, die in Berlin zu lausenden aus der 
Erde geschossen sind, seit es keinen Zucker gibt. Der Eine, 
Größere, belehrte mit überlegener Miene den Andern, 
Kleineren, über Zweck und Ziel der Revolution. Aber je 
länger er dozierte, um so unzufriedener wurde der Kleine. 
Immer hitziger klang das „na und?“, mit dem er jede neue 
Belehrung des Größen quittierte, und schließlich wandte er 
sich mit einem „na, wenn Ihr weiter nichts wißt, dann könnt 
phot. Binder, Berlin, phot. Zander Ät Labisch, Berlin. 
Man ja Tzatschewa 
Filmkünsllerin. 
Maria Fein als Michaline Kramer 
Hauptmann „Michael Kramer“ 
Kammerspiele.
        
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