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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

noch Immer auf sich warten. Ja, sie macht so wenig Anstalt 
zu kommen, dass in vielen von uns auch das bescheidenste 
Fünkchen Hoffnung dicht am Verloschen ist. Wenn jetzt von 
den feiner besaiteten Naturen dieser und jener sein Ränzlein 
schnüren und sich resigniert davonmachen würde aus der allzu 
brutal und turbulent gewordenen Welt — es wäre nur zu 
begreiflich. Wißt Ihr, wie Socrates in einer glücklicheren 
Epoche der Menschheitsgeschichte den Wert des Lebens ein 
schätzte? Als die Richter ihn ob seiner staatsgefährlichen 
Lehren zum Tode verurteilten und dann gemäß dem attischen 
Gesetz aufforderten, sein verwirktes Leben durch eine ent 
sprechende Geldbuße loszukaufen, was bot der weise Mann 
da für seinen Kopf? Eine Mine, das ist nach heutigem Gelde 
so viel wie 70 Mark oder ein paar Schuhe. Oder wißt Ihr, 
wie der reiche, blinde Kaufmann Orguelin, ein Zeitgenosse 
Friedrichs des Großen, die Welt einschätzte? Ein berühmter 
russischer Augenarzr, der auf seiner Durchreise nach Paris 
auch Berlin berührte, verpflichtete sich, ihn sehend zu machen, 
und forderte 20 Louisdor für die Operation. „Wie, 20 Louis 
dor?“ rief Orguelin aus. „Halten Sie mich für einen Esel, 
Herr Professor, der nicht weiß, was der Anblick dieser 
Lause weit wert ist? Keinen halben Louisdor gilt er unter 
Kennern!“ Und er zog es vor, blind zu bleiben. Wenn 
das die Wertschätzung war, deren sich die Welt in jenen 
glücklicheren Zeiten erfreute, wo es keine achtzigprozentige 
Steuer und keinen Bolschewismus gab, welchen Umfang müßte 
dann die Weltflucht in unseren Tagen annehmen! Aber 
sonderbarerweise hört man herzlich wenig von Mitmenschen, 
die dem Leben den Rücken kehren und in Klöster oder noch 
entlegenere Asyle desertieren. Ich habe von einem einzigen 
Manne gehört, der sich aus der schnöden Welt hinausgeflüchtet 
hat. Das war ein hoher Offizier a. D., der die neue Zeit 
der roten Kokarden und Achselstücke nicht mitmachen wollte 
und daher seinen Dienstrevolver gegen sich selbst kehrte. Aber 
dieser Offizier war 82 Jahre alt. Er hat dem natürlichen 
Schicksal also nur um eine lächerlich kurze Zeitspanne vor 
gegriffen. Alles, was jünger ist als er, hofft und lebt. Nun, 
freuen wir uns darüber! Denn es ist ein Zeichen von nationaler 
Lebensenergie und unverwüstlicher Spannkraft, und es gibt uns 
immerhin eine gewisse Gewähr, dass Deutschland, das schon 
so viele schwere Tage siegreich durchgemacht hat, auch mit 
dieser bösen Zeit fertig werden wird. 
Ein Herr Professor Jaffe, der im Novembersturm durch 
eine kuriose Welle auf den Sessel des bayerischen Finanz 
ministers gespült worden ist, hat uns neulich erzählt, wie es 
gekommen ist, dass Deutschland nicht schon im Herbst 1917 
den langersehnten Frieden bekommen hat. Er war damals in 
der Schweiz, wo um jene Zeit tausende von Deutschen mit 
den wichtigsten und geheimnisvollsten Dingen beschäftigt waren, 
ln Genf hatte er Gelegenheit, einen amerikanischen „Professor“, 
namens Herren, kennen zu lernen, der vorher angeblich in 
Paris gewesen war und daselbst angeblich mit einem Freunde 
Wilsons gesprochen hatte. Dieser Herr Herren deutele ihm 
bei einer Flasche guten Weins und einem markenfreien Butter- 
brod an, dass Amerika unter den und den Bedingungen Frieden 
schliessen würde. Herr Professor Jaffe teilte seinerseits Herrn 
Herren mit, wie sich seiner privaten Meinung nach Deutschland 
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o o o o o| neu eröffnet! |o o o o o 
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die Friedensbedingungen vorstellte, und telegraphierte die Sache 
an das Auswärtige Amt nach Berlin. Darauf erhielt er — 
unglaublich, aber wahr — keine Antwort Der Frost der 
behördlichen Gleichgiltigkeit vernichtete das zarte Friedens- 
pflänzlein in Genf, noch bevor es sich so recht entfalten 
konnte. Natürlich wollen die Herren im Auswärtigen Amt 
die Sache jetzt nicht wahr haben. Sie meinen, Herr Herren 
sei eine in Amerika ganz unbekannte Persönlichkeit, die sich 
in der Schweiz genau so lächerlich gemacht habe, wie zahl 
lose andere Leute. Aber mit dieser Ausrede werden sie 
kein Glück haben, denn es ist sehr vielen deutschen Herren 
ganz genau so gegangen wie Herrn Professor Jaffe. Ich selbst 
kenne einen hochachtbaren Berliner Käsehändler — en gros 
und en detail —, der zu derselben Zeit in wichtigen und 
höchst aussichtsreichen Verhandlungen mit einem Newyorker 
Barbier stand. Die Herren waren eigentlich schon so gut wie 
einig, und nur die mangelnde Unterstützung des Berliner 
Auswärtigen Amts ist Schuld daran, daß aus der Sache nichts 
wurde, ln diesem Fall gibt es für das Amt nicht die geringste 
Entschuldigung, denn es handelt sich diesmal wirklich um zwei 
in weiten Kreisen bekannte Persönlichkeiten. Der Berliner 
Käsehändler genießt, wie ich selbst bezeugen kann, einen 
ausgebreiteten Ruf in mindestens sechs Straßen von Berlin; es 
sind über 300 Kunden bei ihm eingetragen. Und der Newyorker 
Barbier hat, wie mir auf das bestimmteste versichert wird, 
Herrn Wilson, den Präsidenten der Vereinigten Staaten, nicht 
nur mehrere Mal rasiert, sondern ihm sogar noch im Mai 1917 
einmal die Hühneraugen geschnitten. Das Auswärtige Amt 
hat auch in diesem Fall nicht die mindeste Notiz von der 
Sache genommen. So sind wir regiert worden! 
Ein bekannter Politiker hat kürzlich der deutschen Wissen 
schaft eine weithin schallende Ohrfeige versetzt Vielleicht 
erinnert man sich, daß im Herbst 1914, also nicht lange nach 
dem Ausbruch des Weltkriegs, 93 deutsche „Intellektuelle“ 
eine Erklärung veröffentlicht haben, in der die Anklage, 
Deutschland habe den Krieg veranlaßt, es habe das Völker 
recht verletzt usw., „wissenschaftlich“ entkräftet wurde. Die 
Erklärung war zwar gut gemeint, aber so ungeschickt abge 
faßt, daß man die Empfindung hatte: Gott schütze die Re 
gierung vor ihren Freunden. Der erwähnte Politiker nun hat 
in einer Wahlrede an jenes unglückliche Manifest der Ge 
lehrten erinnert und dabei in einer zornigen Aufwallung die 
deutsche Wissenschaft eine — mit Permission zu sagen — 
„Hure“ genannt. Das geht nicht nur zu weit, sondern es ist 
auch eine Torheit von dem Herrn. Er hat die deutschen 
Hochschulen gröblich beleidigt und sich damit auf immer um 
die Möglichkeit gebracht, zum Ehrendoktor einer der deutschen 
Universitäten ernannt zu werden. Ohne jene Injurie wäre ihm 
diese Ehre sicherlich widerfahren. Denn es gehört seit ein 
paar Jahren zu den Gepflogenheiten der Universitäten, jeden 
Mann, der sich durch hohe Stellung oder durch irgend eine 
Tat, die sich später als Klugheit, manchmal auch als Dumm 
heit herausstellt, zum Ehrendoktor zu machen. Nicht nur 
Herr Wermuth, der Oberbürgermeister von Berlin, und Herr 
Liebermann, der große Maler, sind Ehrendoktoren der theo 
logischen bezw. philosophischen Fakultät, sondern auch Herr 
Theodore Roosevelt ist seinerzeit, als so etwas aus politischen 
Gründen gern gesehen wurde, in dieser Weise ausgezeichnet 
worden; was' freilich nicht gehindert hat, daß seine „Rauh 
reitergeschichten“ während des Krieges auf die Liste der 
Schundliteratur gesetzt worden sind. Unter Anderen ist auch 
Herrn Trott zu Solz, dem vormaligen Kultusminister, die 
Würde eines Doktor-Ingenieurs, und Herrn Rudolf Mosse 
diejenige eines Doctor juris verliehen worden. Im allgemeinen 
konnte jeder, der einer Universität eine größere Summe baren 
Geldes zuwendete, darauf rechnen, eines Tages das Attest 
besonderer wissenschaftlicher Verdienste in Form eines Doktor- 
Diploms auf seinem Schreibtisch zu finden. Nur jener unvor 
sichtige Politiker muß sich damit abfinden, daß ihm der Ehren 
doktor ein für alle Mal versagt bleibt. Man kann auch wirk 
lich nicht verlangen, daß die Wissenschaft die plumpe deutsche 
Bezeichnung „Flure“ mit einer Auszeichnung quittiert. Ja, 
wenn der Herr sich wenigstens noch gebildet ausgedrückt 
und einen lateinischen Fachausdruck gewählt hätte! „Die 
Wissenschaft hat sich prostituiert“ klingt viel vornehmer — 
und sagt genau dasselbe. 
Q. Schlechten 
Gegründet 1853 
Ho! - Pianolorte - Fabrikant 
BERLlNf SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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