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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

sondern bei Klein Hellen zu bleiben. Wie reizend 
konnte das Kind plaudern und spielen, was hatte es für 
drollige Einfälle! Beiden verging der Nachmittag so 
schnell, dass sie erstaunt fragten; .Schon?“, als das 
Mädchen zum Abendbrot bat. 
„Heut’ gehen wir aber pünktlich um 10 Uhr schlafen, 
nicht wahr, Ludwig?“ 
„Aber, liebes Kind, Du hast mich doch so sehr um 
einen Artikel gebeten! Wann sollte ich den wohl 
schreiben, wenn nicht abends“, sagte er müde. 
Da flog sie ihm an den Hals „Nein, Du sollst diese 
dummen Artikel nicht mehr schreiben, das geht auf 
Kosten Deiner Gesundheit. Ich habe genug von diesem 
Leben und Treiben, es ist im Grunde doch oberflächlich! 
Wir drei gehören zusammen und wollen uns nicht ver 
lieren. Siehst Du, ganz plötzlich ist mir diese Erkenntnis 
gekommen.“ 
Er schloss ihr mit einem Kuss den Mund und nahm 
sie in seine Arme. , „Aber abschreiben wirst Du doch 
noch manchmal etwas für mich?“ 
„Ja, Schatz“, lächelte sie glücklich, „aber nur 
Politisches.“ 
Berliner Momentbilder. 
(Nachdruck verboten.) 
1. Der Blinde. 
Im Lustgarten geht eine Dame mit ihrem sieben 
jährigen Töchterchen auf und ab. Sie warten auf den 
Mann und Vater, der sich ein paar Bücher aus der 
Königlichen Bibliothek holt. Die Dame spielt gelang 
weilt mit ihrem Schirm, das Kind trudelt seinen Reifen 
vor ihr her. Plötzlich bleibt es stehen: Sein Reifen ist 
gegen einen Mann gerollt, der auf einem kleinen Schemel 
kauert und aus einem uralten Leierkasten ein paar 
quäkende, kaum hörbare Töne herauskurbelt. Er trägt 
einen mächtigen grünen Schirm über den Augen, und 
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auf seiner Brust pendelt ein kleines Pappschild, auf dem 
etwas geschrieben steht. 
Das Kind fängt an, zu buchstabieren: b und 1 und i 
heisst bli, n und d heisst nd. „Blind.“ Es guckt den 
Mann an, guckt auf den a.lten Schlapphut, der zur 
Empfangnahme milder Gaben auf der quäkenden Dreh 
orgel liegt, und läuft zur Mutter. 
„Mutti, da ist ein armer, blinder Mann. Ich will ihm 
10 Pfennig schenken.“ 
„Ich hab kein Zehnpfennigstück bei mir“, sagt die 
Mutter gelangweilt, blickt auf ihre Uhr und spaziert weiter. 
Das Kind läuft zu dem Blinden zurück, der ruhig 
weiterdudelt. Es sieht ihm traurig zu. Als die Mutter 
langsam vorübergeht, fragt das Kind: 
„Mutti, hast du nicht wenigstens 5 Pfennig bei Dir?“ 
Die Mutter sagt ärgerlich „nein“ und geht weiter. 
Das Kind sieht dem Blinden wieder zu Der Blinde 
dudelt apathisch: äh nut nut, äh pf—pf—pf. Plötzlich 
läuft das Kind wieder zur Mutier. 
„Mutti, bitte, lütte, gib mir doch einen Pfennig, einen 
einzigen Pfennig für den armen, blinden Mann.“ 
Die Mutter ist ärgerlich, sieht aber doch in ihrem 
Geldtäschchen nach und gibt dem Kind einen Pfennig. 
Das Kind läuft glücklich zu dem blinden Mann zurück, 
der automatenhatt weiterdudelt, und legt das Pfennig 
stück feierlich in den grossen, schmutzigen Schlapphut 
auf der Drehorgel. Sein Herzchen klopft, und seine 
Augen leuchten. Es hat eine gute Tat getan. 
Da sagt der Blinde; „Ne, mein Kind. Unter 5 Pfennig 
wird nich angenommen — bei die teuren Zeiten. Nimm 
man Deinen dreckigen Pfennig wieder weg!“ 
2. Die Revolutionäre, 
Paule und Ede gehen Arm in Arm die Friedrich 
strasse hinunter, in der Richtung nach dem Belle-Alliance- 
Platz. Paule singt, Ede pfeift: Die Arbeiter-Marseillaise. 
Dabei geraten sie bald an die Bordkante des Bürger 
steiges, bald an die Häuserwände. Ab und zu auch 
gegen einen Passanten. Sie haben eben am Schlosse 
geholfen, Revolution machen, haben gehört, wie 
Liebknecht vom Schlossbalkon herunter seine Freiheits 
rede gehalten hat, und sind davon ein wenig trunken. 
Davon und von einer Flasche Rum, die ihnen in die 
Hände gefallen ist, als eine Anzahl Genossen bei einem 
Budiker den Anfang mit der grossen „Teilung“ gemacht 
hat, die ja nun wohl vor sich gehen wird. 
Eben ist Paule wieder einem Vorübergehenden gegen 
die Schulter gelaufen — einem feinen Herrn mit blankem 
Zylinder und elegantem Ueberzieher, Friedensstoff. Der 
Herr murmelt etwas, was sich wie „Gesindel“ anhört. 
Da wird Paule nüchtern. 
„Wat willste? Gesindel? Sag so wat noch een Mal, 
mein Bürschchen! Det kann dich den Kopp kosten! 
Jetz is es aus mit die Grosskootzigkeit! Jetz sind wir 
die Herren, vastehste?“ 
Ede beruhigt ihn und zieht ihn mit sich fort. „Lass 
doch den ollen Bourgeois! Der wird sich genug 
wundern, wenn er nach Hause kommt, und seine Speise 
kammer mit die gehamsterten Schinken und Jänse is 
leer. Un morjen spunnen se ihm ein.“ 
„Meenste?“ fragt Paule. „Gloobste wirklich, dass se 
alle die reichen Kerls festsetzen?“ 
„Na aber sicher! Jutwillig jeben die ihr Jeld doch 
nich her.“ 
„Ob se woll alles herjeben müssen?“ 
„Bis zu de Stiebein! Wird allens nazionalisiert. In 
eener Woche sin wir de feinen Leute. Denn wohnen 
wir am Kurfürstendamm un essen bei Dressein. Det 
wirste erleben!“ 
Jetzt sind sie am Apollo-Theater. Ede will vorüber 
gehen, aber Paule hat eine Idee. Er will den schönen 
Adend im Theater beschliessen. Sie machen Kasse; 
Es reicht. Sie lösen zwei Eintrittskarten k 1 Mark und 
gehen hinein. Auf Zehenspitzen. Denn die Vorstellung 
hat schon begonnen. 
/ 
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