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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Fremde Federn. 
Von G. Ferida. 
(Nachdruck verboten.) 
Sie sassen gemütlich plaudernd um den runden Ess 
zimmertisch. Das Mädchen hatte eben abgeräumt, nur 
die Teetassen standen noch vor ihnen. Der bunte Seiden 
schirm der Lampe verbreitete ein. trauliches Licht, und 
die blanken Zinnteller und Krüge auf der Kredenz 
glänzten matt aus dem Halbdunkel herüber. 
„Ich habe noch zu arbeiten,“ sagte Ludwig, „und 
muss Dich mal wieder allein lassen, mein kleines 
Frauchen. Oder willst Du mir etwas helfen? Damit tätest 
Du mir wirklich einen Gefallen; gleichzeitig hättest Du 
auch etwas, um den Abend auszufüllen.“ * 
„Ach ja, gern, man kann doch nicht immer lesen. 
Aber was ist es denn?“ 
„Sieh mal, Kollege Kugler ist krank, und da hat er 
mich gebeten, für ihn eine kleine Feuilletonskizze zu 
schreiben. Eigentlich liegt mir das nicht; als Politiker bin 
ich nur ans Fachsimpeln gewöhnt. Nun habe ich mich 
aber zwei, drei Stunden hingesetzt, und ich glaube, das 
Ding ist ganz leidlich geworden. Nur viel streichen und 
verbessern musste ich, und da wollte ich Dich eben bitten, 
die kleine Plauderei nochmal abzuschreiben.“ 
»Aber mit tausend Freuden! Bringe es nur gleich 
her, ich bin ja sehr gespannt. Was mein kluger Mann 
aber auch alles kann!“ 
Ludwig holte das Manuskript, und Hilde machte sich 
gleich an die Arbeit. Je länger sie schrieb, umso eifriger 
wurde sie. Aus der Neugier wuchs mit der Zeit persön 
lichste Anteilnahme, und sie schrieb mit glühenden 
Wangen Satz für Satz. Am liebsten hätte sie Ludwig 
an ihrer Freude teilnehmen lassen, aber wenn man ihn 
mitten in seiner Arbeit störte, konnte der sonst so rück 
sichtsvolle Gatte recht ungemütlich werden. Also schrieb 
sie weiter, jetzt in einem Zuge bis zum Schluss. Und 
nun zögerte sie. Sollte sie ihrem Mann einen lustigen 
Streich spielen und das Geschriebene auch mit ihrem 
eigenen Namen unterzeichnen? Ob er es überhaupt 
merken würde? Kurz entschlossen setzte sie ihren Namen 
unter das Manuskript. 
Die grosse Esszimmeruhr schlug zwölf mit schweren, 
sonoren Schlägen. Ludwig kam aus seinem Arbeits 
zimmer; er sah müde und abgespannt aus. 
„Komm Kind, wir wollen schlafen gehen. Wie schön 
und sauber Du das geschrieben hast, ich danke Dir.“ 
Damit schob Ludwig die Blätter in seine Rocktasche und 
ging voran ins Schlafzimmer. Nun war an Unterhaltung 
nicht mehr zu denken; er antwortete erst müde und ein 
silbig, dann gar nicht mehr auf ihre Fragen. Da wusste 
sie, er war eingeschlafen. 
♦ ♦ 
♦ 
Am nächsten Morgen klingelte das Telefon und das 
Mädchen meldete, der Chefredaktör der „Neuen Zeitung“ 
wünsche die gnädige Frau zu sprechen. 
Schminken 
Puder 
„Hailoh, hier Frau Reckert.“ „Guten Morgen, gnädige 
Frau; ich möchte Ihnen nur mein Entzücken aussprechen 
über die reizende, geistvolle Plauderei, die Sie uns da 
geschickt haben.“ Und nun folgte ein Schwall von 
Worten, den Frau Hilde kaum verstand, weil sich alles 
vor ihren Augen zu drehen schien. Schliesslich hörte 
sie noch die Frage: „Wann darf ich wieder auf einen 
Artikel rechnen? Sie müssen unbedingt bald, recht bald 
etwas anderes schreiben.“ Frau Hilde hatte gerade noch 
soviel Geistesgegenwart, um von Erziehungspflichten und 
häuslichen Arbeiten zu sprechen, dann hängte sie brüsk 
den Hörer an. 
Linden- Büfett 
iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiilllllliiiililllllllilllllliiiiiiiillllllllliiiilllllllllliiililill 
Unter den Linden 17-18 
Vornehmste Bar 
der Friedrichstadi 
j ■ 
Erst jetzt kam ihr zum Bewusstsein, was sie getan 
hatte. Da gab es nur eins: Beichten. Aber als Ludwig 
nach Haus kam, wusste er schon alles. Halb belustigt, 
halb ärgerlich sagte er: „Das Schlimmste ist, das man 
auch mir keine Ruhe lässt und mich bittet wieder einen 
Artikel von Dir zu bringen. Ich war selbst ratlos, was 
ich machen sollte, mochte Dich doch aber auch nicht 
blossteilen.“ 
„Ach, dann opferst Du mir eben wieder mal zwei 
Stunden, schreibst etwas Nettes, und ich sorge dann für 
das weitere “ Sie lachte ihn schelmisch an, wirbelte ihn 
durch das Zimmer und Ludwig gab nach. 
Nun kam eine abwechslungsreiche Zeit für Frau Hilde. 
Einladungen, Blumen, Briefchen gingen der „geistreichen 
Schriftstellerin“ zu, und sie lebte sich ganz in ihre Rolle 
hinein. Sogar das Honorar betrachtete sie als ihr Eigen 
tum,' und sie genoss den süssen Reiz, selbsterworbenes 
Geld für überflüssige Dinge auszugeben. Sie kleidete sich 
eleganter, ging überall hin, wo man sah und gesehen 
wurde und brachte Ludwig mit Bitten und Tränen immer 
wieder dazu, etwas für sie zu schreiben. 
Allerdings kränkte es sie oft, dass man in ihr nur 
der Schriftstellerin, nicht der Persönlichkeit huldigte. Ja, 
ihre guten Freunde zogen sich sogar zurück, als wären 
sie befremdet von dieser neuen Rolle, die sie ausserhalb 
des Hauses spielte. 
Mann und Kind litten natürlich unter ihrer häufigen 
Abwesenheit, und auch in der Wirtschaft, die in der ersten 
Zeit wie eine gut geölte Maschine in altgewohnter Weise 
weitergegangen war, machte sich das Fehlen der Haus 
frau bemerkbar. Nun überlegte Ludwig hin und her, 
wie er alles wieder in die alte schöne Ordnung bringen 
könne, ohne Hildes Eitelkeit zu verletzen oder sie sonst 
wie zu kränken. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe. 
Klein Hellen erkrankte an einer leichten Kinderkrank 
heit, und als der befreundete alte Hausarzt kam, zog 
Ludwig ihn ins Vertrauen. Die beiden schmiedeten 
nun ein Complott. 
Als der Arzt am nächsten Tage wiederkam, nahm er 
Frau Hijde beiseite. „Gnädige Frau, unsere Hellen kann 
bald wieder aufstehen, aber Ihr Mann gefällt mir garnicht.“ 
Er zog die Stirn in Falten und machte ein höchst be 
denkliches Gesicht „Total überarbeitet! Wenn das so 
weiter geht, stehe ich für nichts. Wie gesagt, sehr ernste 
Symptome.“ 
Frau Hilde bekam einen gelinden Schreck. „Und was 
soll ich tun, liebster, bester Herr Doktor?“ 
Tja, da gibt es nur eins: So wenig wie möglich 
Arbeit, und soviel es geht Ruhe, Spazieren gehen und 
Schlafen. Na, ich komme nächste Woche mal wieder 
vor. Empfehle mich, gnädige Frau. 
Beim Mittagessen blickte Frau Hilde ihren Mann ver 
stohlen von der Seite an. Konnte man ihm denn etwas 
ansehen? Nun ja, recht blass und abgearbeitet sah er 
aus — aber hatte sie sich denn in der letzten Zeit auch 
um ihn gekümmert? , Liebevoll legte sie ihm das schönste 
Stück Fleisch auf den Teller und nahm sich vor, am 
Nachmittag nicht in den „Intellektuellenbund“ zu gehen.
        
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