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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

mag, so viel steht fest: ein Patriot ist er nicht gewesen. 
Denn er hat sein Silber vergraben, statt es der altgerma 
nischen Reichsbank oder dem damaligsn Kriegsamt zur 
Einschmelzung zu übergeben. Der Appell an die Opler- 
freudigkeit der Nation hat bei ihm taube Ohren gefunden. 
Da drängt sich mir unwillkürlich die Frage auf: Ob wohl 
im Jahre 3000 unsere Nachkommen bei ihren Aus 
grabungen auf deutschem Boden wiederum auf Schätze 
von Edelmetall stossen werden, die in den Jahren 1914 
bis 1918 der Erde übergeben worden sind, statt auf dem 
Altar des Vaterlandes niedergelegt zu werden? 
Die „Sowjets“ in Russland gehen bei der Durch 
führung ihrer Weltbeglückungspläne energisch zu Werke, 
das muss man ihnen lassen. Sie übersetzen das kommu 
nistische Prinzip rücksichtslos in die Wirklichkeit und 
heben das Privateigentum auf, wo sie es zu fassen kriegen. 
Die wichtigsten Fabriken sind Staatseigentum geworden, 
die Banken sind „nationalisiert“, die grossen Güter unter 
die Bauern auigeteilt. Jetzt haben sie in Petersburg die 
Wohnungen in den feineren Stadtvierteln räumen lassen, 
damit die Arbeiterbevölkerung gesunde und angenehme 
Unterkunft finden kann. Die Sowjets sorgen auch dafür, 
dass die Wohnungen mit behaglichem Mobiliar aus 
gestattet werden. Jede Arbeiterfamilie erhält Tische und 
Stühle, einen Diwan und zwei hervorragend weiche Sessel. 
Natürlich auch Betten und einen Schreibtisch. Was die 
Arbeiter mit dem letzteren anfangen sollen, ist nicht ganz 
klar, denn viele können nicht schreiben, und die meisten 
wollen nicht schreiben Aber ein Schreibtisch lässt sich 
ja auch noch anders verwenden; die Fläche als Nudel 
brett und die Fächer als Stiefelschrank. Das Küchengerät 
ist einstweilen noch knapp. Deshalb erhalten alle 
Wohnungen eines Hauses nur eine Garnitur zur gemein 
samen Benutzung. Aber jedenfalls tun die Sowjets alles 
menschenmögliche, um den Arbeitern den Himmel auf 
Erden zu verschaffen. Das eigentümliche ist nur, das 
viele Arbeiter von dem Segen, der auf sie herniedergeht, 
nichts wissen wollen. Sie sind nicht zu bewegen, ihre 
ungesunden Wohnungen im Keller oder im Hinterhaus 
obskurer Strassen zu verlassen und in die Prunkräume 
der Villenviertel überzusiedeln. Sie wollen bleiben, wo 
sie bekannt sind, wo sie dem Bäcker und Grünkram 
händler die Hand schütteln können, und wo sie es nicht 
allzu weit zur Fabrik haben. Sie finden mit einem Male, 
dass sie sich hier eigentlich immer ganz wohl gefühlt 
haben. Die Sowjets sind natürlich ausser sich über diesen 
Unverstand und Mangel an Talent zum Glücklichsein. 
Und sie haben beschlossen, die widerstrebenden Arbeiter 
einfach dazu zu zwingen, das Erbe der reichen Leute 
anzutreten, das ihnen durch die Umwälzung zugefallen 
ist Das wäre ja auch wirklich noch schöner, wenn jeder 
Arbeiter nach Belieben in seinen engen Verhältnissen 
bleiben dürfte! Die Zeiten sind vorbei, wo jeder tut, 
was er will. Die Arbeiter haben nnn einmal Revolution 
gemacht, sie haben gesiegt und müssen die P'olgen tragen, 
ob sie wollen oder nicht. Also marsch mit ihnen nach 
dem noblen Newski-Prospekt, und wer sich untersteht 
Olga Desmond. phot. Georg Geruch, Berlin. 
Mein Tanz soll ein Gottesdienst der Schönheit sein, ein Kultus der Kunst!“
        
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