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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

zweckmässig sind! Es ist also töricht, den 17695 
Verfügungen — es sind wieder 15 mehr geworden 
— die Schuld an Verhältnissen aufzubürden, die 
einfach nur eine Folge der menschlichen Unvoll 
kommenheit sind. 
Eine Folge der vielen Kriegsverordnungen ist die 
enorme Zunahme der Kriminalfälle. Wo viel 
Gesetze sind, da gibt es viel Gesetzesverletzungen. 
Wo viel Gesetzesverletz*ungen Vorkommen, da 
häufen sich die Gerichtsverhandlungen. Und wo 
die Verhandlungen überhand nehmen, da fehlt der 
nötige Raum dafür. In- dem bekannten, roten 
Kriminalgerichts-Gebäude in Moabit reichen denn 
auch schon längst die Säle nicht mehr aus für die 
Behandlung der vielen Wucher-, Schleichhandels 
und Schiebungs-Prozesse. Man hat sich daher ge- 
nötigt gesehen, den kleinen Saal, den man vor vier 
Jahren der Kriegs-Wohlfahrtspflege zur Verfügung 
gestellt hatte, wieder für Schwurgerichtsverhand- 
Kindertanzgruppe, 
Kati Erika Jüterbock, 
die vielseitige Lehrmeisterin in einer rhytmischen 
Studie. 
aus der Schule für harmonische Körperbildung und Tanzkunst 
von Kati Erika Jüterbock, Berlin W, Motzstr. 17. 
Jungen zu benutzen. Auch hier prallen also die Bedürfnisse des Krieges 
und die Anforderungen des bürgerlichen Lebens hart aufeinander. 
Ganz wie in Charlottenburg, wo die Kriegsämter und Kriegswirtschafts- 
Stellen über 4000 Räume teils für Schreibmaschinen, teils für-die im Kriege 
so vorteilhaft bekannt gewordenen Klubsessel an sich gerissen haben, 
so dass es an Wohnraum für die Bevölkerüng fehlt. Und schlimmer 
noch als mit dem Raum sieht es mit den Menschen aus. Der harte 
Krieg fordert — oder forderte wenigstens bis vor ein paar Tagen — 
den letzten kampffähigen Mann und die letzte arbeitsfähige Frau für 
die Verteidigung des Vaterlandes. Aber eine Armee von Männern und 
Frauen ist auch erforderlich, damit daheim alles bis zum Schnürsenkel 
und zum Streichholz organisiert werden kann. Eine weitere Armee ist 
damit beschäftigt, zu kontrollieren, ob die organisatorischen Anordnungen 
auch alle pünktlich befolgt werden, und ob nicht etwa aus Teltow oder 
Kaputh ein paar Pfund Kohl oder Aepfel auf unorganisiertem Wege nach 
Berlin gelangen. Und wieder eine Armee dient der wichtigsten aller 
Aufgaben, nämlich dem Schleichhandel, der dafür sorgt, dass trotz der 
Organisation und der Kontrolle jede Familie wenigstens annähernd so viel 
Lebensmittel erhält, wie sie braucht, um nicht zu verhungern. Dazu 
kommt nun noch die Armee von Gerichtspersonen, vom Senatspräsidenten 
herunter bis zum Gerichtsdiener, die umständlich festzustellen bat, inwie 
fern die Schleichhandels-Armee etwas tut, was die Organisations-Armee 
verbietet. Deutschland hat zwar 70 Millionen Einwohner, aber für alle 
diese Armeen reicht die Bevölkerung doch nicht aus Der Krieg ist ja 
nun wohl zu Ende Wäre er es nicht, so würde die Frage entstehen: 
Muss der Krieg authören, damit wir organisieren können, oder muss die 
Organisation aufhören, damit wir Krieg führen können? 
Im Berliner Museum befindet sich ein kostbares silbernes Tafel 
service aus der Römerzeit, das man vor 50 Jahren am Fusse des 
sogenannten Galgenberges der alten Bischofsstadt Hildesheim gefunden 
hat. Es besteht aus 74 Stücken und wiegt über 107 Pfund. Die 
Gelehrten haben festgestellt, dass der Fund ungefähr 
aus den Jahren um Christi Geburt herum herrührt, 
also wohl aus der Zeit der grossen Teutoburger 
Schlacht zwischen den Cheruskern unter Fürst 
Hermann und den römischen Kolonialtruppen, die 
General Varus befehligte. Dank dieser Schlacht 
am Teutoburger Walde, die bekanntlich mit einem 
Siege der Cherusker endete, sind die Römer nicht 
weiter nordwärts gekommen, also auch nicht in die 
Gegend von Hildesheim. Der Silberfund vom 
Galgenberge kann mithin keinem Römer, sondern 
muss einem Germanen gehört haben; freilich 
einem sehr reichen, denn 107 Pfund Silber haben 
damals wohl annähernd den Wert gehabt wie heute 
107 Pfund Gold. Vielleicht handelt es sich um 
das Eigentum eines leistungsfähigen Kriegslieferanten, 
der für die cheruskische Armee die Lieferung 
von 10000 Paar Kernleder-Sandalen oder ebensoviel 
Bärenfell-Uniformen gehabt hat. Wer will das wissen? 
Aber wem auch das Prunkservice gehört haben 
phot. A. Schmoll, Berlin (3). 
Kati Erika Jüterbock, 
im slavischen Tanz.
	        
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