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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Interesse gelesen. Oder sind die roten Striche da am 
Rande nicht von Ihnen?“ 
„Casimir sind Sie?“ Es lag ein leichtes Erschrecken 
in ihrer Stimme, und es schien *5hm, als blickten ihre 
Augen ihn fremder, strenger an als bisher. Ein Aerger 
stieg in ihm auf. Also auch hier das alte Vorurteil! 
Auch für Antoinette war er in diesem Moment nur der 
Zeitungsschreiber, der vom sicheren Standquartier aus, 
dreissig Kilometer hinter der Gefechtslinie, das Blut der 
Männer da vorn in Druckerschwärze umdestillierte. Aber 
mochte sie denken, was sie wollte. Mochte sie ihn für 
einen Heimkrieger, eine Etappendrohne halten und damit 
beweisen, wie wenig sie den Jugendfreund im Grunde 
kannte. Er spürte es geradezu körperlich, wie sich Sinne 
und Gefühl in ihm verhärteten. 
Es entstand eine Pause. Die Boule - Uhr auf dem 
Kaminsims tickte doppelt so laut als bisher. Endlich 
griff Antoinette langsam nach der Zeitung und deutete 
auf die rot angestrichenen Stellen. 
„Ist das alles wahr, was Sie hier schreiben? Das von 
dem Unteroffizier, der mit ein paar Handgranaten eine 
ganze feindliche Kompagnie erledigt hat? Und hier, das 
von dem Brigadier und seihen drei deutschen Maschinen 
gewehren?“ 
„Nein, es ist nicht wahr“, sagte er mit rauher Stimme. 
Es klang beinahe provozierend. 
„Und was Sie hier von den Kämpfen bei Roye 
schreiben? Ich bin Generalstochter und spreche täglich 
hohe Offiziere. Ich weiss, wie es an der Front aussieht. 
Gerade die Vorgänge bei Roye am 26. März kenne ich 
genau. Was Sie da dem Volke erzählen, sind ja Märchen.“ 
„Es sind Märchen“, sagte er noch rauher, mit einem 
feindseligen Ton, der fast ungeschliffen klang einer Dame 
gegenüber. 
Sie stand auf und ging ans Fenster. Die Boule-Uhr 
tickte unerträglich laut. Das liebe kleine „Vogelbauer“ 
mit seinen weissen Möbeln und freundlichen Vorhängen 
schien Gustave jetzt nüchtern und kalt, völlig fremd. 
Auch er stand auf und zuckte die Achseln. Das hiess: 
„Aus! Fertig!“ 
Antoinette kam vom Fenster zurück, mit bleichem 
Gesicht und verschleierten Augen. „Wie geht es Ihrer 
Schwester?“ fragte sie leise. Man musste doch etwas 
sprechen, so lange man sich noch gegenüberstand. Und 
er antwortete. Es wurde ein banales Gespräch, der Ton 
auf beiden Seiten konventionell. Und doch schien es 
jedem, als klänge durch die nüchterne Sprache des 
andern eine mühsam unterdrückte Wärme hindurch, eine 
Ahnung von Sonne hinter bleigrauer Wolkenwand. 
Er reichte ihr die Hand zum Abschied. Aber sie 
ergriff sie nicht, sondern sah ihm mit langem, suchenden 
Blick in die Augen. Es klang, traurig, als sie dann 
sagte: „Also Sie wollen mir das Rätsel nicht erklären. 
Für mich ist es ein Rätsel.“ Sie machte eine Kopf 
bewegung zur Zeitung hin, die noch auf dem Tisch lag. 
„Ich kenne Sie und weiss, dass Sie ein gerader Charakter 
sind, und kein . . . kein . . .“ 
„Kein Casimir, wollen Sie sagen?“ 
„Ja, das wollte ich sagen.“ 
Wie sie ihm so traurig in die Augen sah, als suchte 
sie dort etwas, ohne es zu finden, ergriff er ihre Hand 
und umschloss sie mit den seinen. Er meinte, die Wärme 
dieser kleinen Hand bis an’s Herz hinan zu spüren. 
Aber er blieb stumm. Er erwiderte nur ihren Blick. 
Da brach das verhaltene Gefühl in ihr durch. 
„Lieber Herbette, sprechen Sie! Wenn Sie noch 
mein Freund sind, erklären Sie mir den Zusammenhang. 
Sie sind kein Casimir, ich weiss es! Weshalb zeigen 
Sie sich mir in einer so . . . so wenig schönen Maske? 
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Habe ich Sie durch meine Fragen verletzt? Dann ver 
zeihen Sie mir. Sagen Sie mir, dass Sie nicht Casimir 
sind; oder wenn Sie es wirklich sind, dass alles wahr 
ist, was da gedruckt steht. Eins oder das andere. Ein 
Drittes kann es ja doch nicht geben!“ 
Er sah ihr warm in die lieben, grauen Augen, aus 
denen jetzt unverhüllte Zärtlichkeit sprach. Er drückte 
ihre kleine, warme Hand noch fester und sagte ernst; 
„Mein liebes Fräulein — der Mund sprach „Fräulein“, 
das Herz dachte „Antoinette“ — es gibt dennoch ein 
Drittes. Ich bin Casimir, und was Casimir schreibt, ist 
nicht wahr; oder, um es milder auszudrücken, es ist 
idealisiert, in’s Heldenhafte umgedichtet. Das Tatsächliche 
der grossen Kampfhandlungen, ihre taktische und strate 
gische Bedeutung, wird mir und den anderen Bericht 
erstattern vom Generalstabs-Chef und seinen Leuten in 
die Feder diktiert. Die schmückende Details und die 
kleinen Bravourstücke sind eigene Arbeit. Manchmal 
bauen sie sich auf wirklichen Vorgängen auf. Denn wir 
haben Helden in der Armee — Helden, vor denen man 
knieen möchte. Zum Beispiel ist die Sache mit dem 
Brigadier und den Maschinengewehren wirklich passiert. 
Nicht ganz so, wie es da steht; es waren nur zwei 
Maschinengewehre, ich habe drei daraus gemacht. Manch 
mal sind die Details aber auch frei erfunden. Nackte 
Lüge, wenn Sie so wollen.“ 
Antoniette verspürte eine Schwäche in den Knieen 
und setzte sich, die Augen immer starr auf Herbette ge 
richtet. „Und wozu die Lüge?“ Es war mehr gehaucht 
als gesprochen. 
„Weil sie nötig ist!“ sagte Herbette laut und mit 
dem Ton innerster Ueberzeugung. „Weil ein Volk, das 
um seine Existenz kämpft, ein Narkotikon braucht, welches 
die Energie belebt und den Schmerz, wenn auch nur 
auf Minuten, betäubt. Sehen Sie, es hat Momente ge 
geben, wo Frankreich an sich selbst verzweifelt hat, wo 
eine verhängnisvolle Stimmung fast zu Schritten geführt 
hätte — nun, Sie wissen selbst, vor welchem Abgrund 
wir damals standen, als Sie aus Paris geflüchtet sind, und 
auch später mehr als ein Mal. In solchen Momenten ist 
alles, aber auch alles erlaubt, was der Nation einen Funken 
ihres Selbstvertrauens zurückgibt . . .“ 
„Auch die Lüge?“ 
„Jawohl, auch die Lüge! Können Sie sich denn 
überhaupt einen Krieg denken ohne die Lüge? Können 
Sie es sich denken, dass Millionen, die gestern noch 
friedliebende Bürger und Bauern gewesen sind, heute mit 
erbarmungslosem Ingrimm in dem Blute von „Feinden“ 
waten, die ganz wie sie selbst gestern noch keine Fliege 
töten konnten, wenn ihre Leidenschaft nicht methodisch 
aufgepeitscht wird? Zuweilen sind Tatsachen da, die das 
Blut zum Kochen bringen. Wenn sie aber fehlen, muss 
man sie erfinden! Und sie fehlen meistens. Der Krieg 
ist etwas fürchterliches. Ich wünschte, ich könnte an ein 
goldenes Zeitalter glauben, das ihn nicht mehr kennt. 
So lange es aber noch Kriege gibt, muss selbst ein 
Aristides die Mittel billigen, die das Volk zur Verteidigung 
von Haus und Herd befähigen. Die Disziplin und der
        
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