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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Stimme, ach, Grossmutter, welch’ süsses Organ! Bei den 
gemeinsamen Ausflügen, beim Tennisspiel, beim Tanz 
hatte ich Gelegenheit, ihr näher zu treten. Bald aus 
gelassen lustig, bald ernst und in ihrem Urteil über Welt 
und Menschen weit über Jahre hinaus reif ,so lernte ich 
sie kennen und lieben. 
Doch dieTagevergingen, 
der Herbst kam, und die 
Kurgäste zogen wie die 
Wandervögel auf und davon. 
Als ich die Familie in 
ihrer Heimat aufsuchte, war 
ich über den Empfang, der 
mir werden würde, sehr be 
unruhigt. „Eine Badebe 
kanntschaft“ zählt selten 
noch bis in den Winter 
hinein. J 
„Sie“, Fräulein Klara, 
war gerade am Teetisch be 
schäftigt, als ich in den Salon 
trat. Sie wandte sich zu mir 
um und wechselte leicht die 
Farbe. In der Art, wie sie 
mich begrüssie, lag auf 
richtige Sympathie. Bald 
folgte ich ihr in ein kleines 
Boudoir, wo die Jugend zu- 
sammensass, und fast eine 
Stunde lang plauderten wir 
lebhaft über die Sommer 
erlebnisse. 
Du kannst dir denken 
wie sich danach der Winter 
für mich gestaltete. Ich hatte 
so viel Verabredungen. Da 
waren die Bilderausstellun 
gen, da waren die Tanz 
verpflichtungen, die schon 
achtTage vorher versprochen 
waren — kurz und gut, 
tausend wichtige Sachen, die 
den Tag so rasch ausfüllten, 
ohne dass man etwas ge 
tan hat.“ 
Ich quälte mich mit Ge 
danken, ob ich Klara auch 
wohl das, was wir Menschen 
„Glück“ nennen, bieten 
könnte, und in diesen wider- 
streitenden Gefühlen fand ich nicht den Mut, meine Liebe 
zu gestehen. 
Ich reisste nach dem Süden, wie du weisst. Aber die 
Trennung von Klara liess mein Gefühl nur noch erstarken, 
und ich war fest entschlossen, bei meiner Rückkehr mit 
dir zu sprechen und Klara für mich zu gewinnen. 
Noch am Tage meiner Ankunft wanderte ich planlos 
durch die Strassen, und als ich bei einer Kirche vorbei 
kam, trat ich hinein und wurde Zeuge einer Trauung. 
Der feierliche Akt war vorüber. Die Menschenmenge 
setzte sich in Bewegung, und da, Grossmutter, da sah ich 
Klara, „meine Klara“, wie ich sie in Gedanken immer 
genannt, im weissen Gewand, mit Kranz und Schleier, an 
dem Arm des ihr angetrauten Gatten an mir vorüber 
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and) ©u deine Pflicht getan! 
Nun hiess es, all meinen Mut zusammennehmen. Ich 
machte meine Verbeugung und sagte verlegen: „Gnädige 
Frau, ich erfahre soeben — durch einen Zufall —“ 
Sie reichte.mir ihre Hand, die kleine Hand, die ich 
so oft an meine Lippen geführt, dann wandte sie sich 
zu ihrem Mann: „Ein Freund der Familie, Arthur, den 
Mama sehr gern hat. Sie 
werden uns doch später 
aufsuchen. 
Kannst du dir vorstellen, 
Grossmutter, was die nächste 
Zeit für mich war? Alle Er 
innerungen fand ich.wieder. 
Einige Zeit darauf be 
kam ich eine Aufforderung 
zu ihrem Jour fixe. Ich 
nahm an und ging zu Fuss 
hin. Doch als ich das Flaus 
betrat, da legte ich mir 
plötzlich die Frage vor: was 
willst du eigentlich hier? 
Wie willst du ihr gegenüber 
treten? Ich fühlte, dass ich 
mich schwer in die Rolle 
des mehr oder weniger 
gleichgültigen Gastes würde 
finden können. Sie hatte 
vergessen, aber ich nicht. 
Sie traf keine Schuld, ich 
konnte sie nicht der Un 
treue zeihen, nur ich war 
der Schuldige, in meinem 
Zagen war das entscheidende 
Wort nicht von mir ge 
sprochen worden. 
Langsam, ganz leise, als 
wenn ich im Begriff ge 
wesen wäre, das Glück von 
ihrer Schwelle zu ver 
scheuchen, ging ich die 
Treppe wieder hinunter, und 
die Eichentür fiel schwer 
hinter mir ins Schloss. 
Einen bitteren Kampf 
hatte ich mit mir zu be 
stehen, aber ich bezwang 
mich, Grossmutter! Ich 
habe Klara nicht wieder 
gesehen, bin nicht zu ihr 
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©eine Pflicht: 
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gehen. Unsere Augen traten sich. Die ihrigen streiften 
gleichgültig, wohl ohne mich zu sehen, über mich hin. 
Ich war wie erstarrt vor Schmerz, wünschte mich weit 
fort, fern von den Menschen, und folgte doch dem grossen 
Strom, von dem brennenden Wunsch getrieben, sie noch 
einmal, und zwar in der Nähe zu sehen und, wenn mög 
lich, ihre Stimme zu hören. So kam ich in die Sakristei, 
wo das junge Paar die Glückwünsche entgegennahm. 
Das Feuer im Kamin flackerte nur noch schwach 
auf, und Frau Rittner strich liebkosend mit leichter 
Hand hin und wieder über das Haupt des Enkels. 
„Nun weisst du, Grossmutter w r arum ich entschlossen 
bin, nicht zu heiraten “
        
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