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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Ein Bauernweib. 
Skizze von W. Popper. 
(Nachdruck verboten.) , 
Auf der von Schlingrosen und Clematis umrankten 
Veranda sass Oswald Heger, der Hofschauspieler a. D., 
und las das Morgenblatt. Alter Gewohnheit getreu las 
er nicht zuerst den Leitartikel, sondern die Theater- und 
Kunstnachrichten, die er mit so neugierigem Blicke über 
flog als hätte er noch seinen Namen darin finden können. 
— Ach, wie lange schon nicht mehr! Er las von neuen 
Stücken, von neuen Darstellern, von beliebten und be 
rühmten Bühnenkünstlerinnen, die nicht mit ihm jung 
gewesen, die er nicht in seinen Armen halten und 
küssen durfte. 
Dass die Nachwelt dem Mimen keine Kränze flicht, 
hatte er längst verschmerzt, aber von der Mitwelt vergessen 
zu sein, sich so ganz überlebt zu sehen, das tat weh. 
Du lieber Gott, die Nachwelt! Wenn der Vorhang fiel, 
war alles aus. 
Die Zeitgenossen hatten ihn vollständig vergessen und 
huldigten anderen Grössen; die Gegenwart bescherte ihm 
statt der glänzenden Erfolge nur die Gebrechen und Leiden 
des Alters. — Wie schön, wie unaussprechlich schön war 
doch die Vergangenheit! Er sah sich wieder in dem 
Griechengewande Phaon’s, sah wie er die glutrote Rose 
an den Busen Melitta’s steckte, wie sie ihm mit den noch 
röteren Lippen zulächelte. Welch glückliche Stunden 
hatte er in dem Liebesnest Melitta’s verlebt! Es hatte 
nicht die segensreiche Himmelstochter Ordnung darin 
gewohnt, oft musste er seidene Strümpfe, Schleier und 
Handschuhe bei Seite schieben, um sich auf das Sofa 
niedersetzen zu können. Doch hatten sie alle drei in der 
schmalen Sofaecke Platz: Er selbst, die Geliebte und deren 
Schosshündchen Puck. — Sie waren die besten Kameraden; 
auf den Brettern teilten sie die Lorbeeren, und Abends, 
in dem engen Stübchen, teilten sie die Wurst und tranken 
aus demselben Glase. 
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Nun freilich, es kam auch hier, wie es zu kommen 
pflegt; Andre Städtchen, ander Mädchen! — Er erhielt 
ein Engagement an eine grössere Bühne, Melitta aber 
tröstete sich mit einem kahlköpfigen Baron. 
Die grössten Triumphe halle er doch als Faust ge 
feiert, und keine Rolle hatte er so ganz in sich aufge 
nommen, mit keiner war er so völlig verschmolzen, wie 
mit dieser; ja er fühlte sich so identisch mit dem Doktor 
Faust, dass er sich über Hals und Kopf in die schöne 
Margarethe verliebte, die von einer der grössten Bühnen 
Deutschlands auf einige Gastvorstellungen gekommen war. 
— Er verschwendete last eine halbe Jahresgage, um 
Blumen und Schmuck zu kaufen, und Einlass in die 
Schatzkammer ihres Herzens zu gewinnen 
Da sie nur in fünf Gastrollen auftrat, wollte er diese 
fünf Abende zu Monaten dehnen, an deren Süssigkeit er 
ein ganzes Lebenlang zehren wollte. 
Dennoch sägte er nicht zu dem Augenblicke; „Ver 
weile noch, du bist so schön!“, denn er erhoffte immer 
noth Schöneres von dem kommenden Tage und hätte 
jeder Stunde gern Flügel angeheftet, um das Gehoffte, 
Ersehnte, noch früher zu erla'ngen. 
Das Glück, dass man dreimal erlebt, einmal in der 
Vorfreude, dann in der Gegenwart und endlich in der 
Erinnerung, gemessen wir doch am ruhigsten in der Er 
innerung, denn dann erst ist es vollkommen unser und 
kann uns von niemandem geraubt, von nichts getrübt 
werden. Auch ist es dann von allen Schlacken befreit, 
und was ihm davon anhaltete, wissen wir so zu ver 
klären, dass wir Dichtung und Wahrheit selbst kaum 
mehr unterscheiden können. 
Was wollte er denn noch? Er hatte ja seine Er 
innerungen, die in unerschöpflicher Fülle auf ihn ein- 
slrömten, ihn erfrischten und verjüngten! 
Er legte die Zeitung nieder, -blies den blauen Rauch 
aus seiner Zigarre und genoss die stille Morgenstunde, den 
Duft der Linden und den Gesang der Amsel in vollen 
Zügen, als seine alte Wirtschafterin heraustrat, um ihm 
zu melden, dass eine Frau da sei, die sich durchaus nicht 
abweisen lassen wollte, ehe sie mit ihm gesprochen. 
„Was für eine Frau denn?“ fragte er. 
„Na ein Bauernweib halt, mit dem Kopftuch auf 
dem grauen Scheitel.“ 
„Dem grauen Scheitel, sagen Sie? Sie wissen doch, 
ich bin zu dieser Stunde lür niemanden zu sprechen.“ 
„Nun ja, ein alt’s Weib, eine zaundürre Frau; sie 
hat uns übrigens einen Korb mit frischen Eiern und 
ein Stritzel Butter gebracht.“ 
„Dann lassen Sie sie nur herkommen", rief Heger 
lächelnd. 
Eine Minute später trat schüchtern und befangen 
eine alte F'rau auf den Schauspieler zu und küsste ihm 
ehrfurchtsvoll die Hand. 
„Verzeihend gnä Herr“, sagte sie, „dass ich Sie 
stören tu, aber wie ich g’hört hab’, dass Sie noch am 
Leben sein und hier draussen in der schönen Villa wohnen, 
hab’ ich Sie noch einmal sehen wollen, eh’ ich stirb’, 
und hab’ Ihnen zum Zeichen meiner Erkenntlichkeit einen 
Strauss Nagerin bringen wollen.“ 
Bei diesen Worten zog sie einen grossen Strauss 
süssduftender Nelken unter ihrem Umschlagtuch hervor. 
„Ja woher kennen Sie mich denn, gute Frau?“ 
fragte Heger, nachdem er in dem verwitterten Gesichte 
vergebens nach bekannten Zügen geforscht hatte. 
„Ich hab’ in meiner Jugend in Wien bei einer Frau 
Baronin dient und hab’ manigsmal am Suntag in’s 
Theater gehen dürfen, und da hab’ ich den Herrn von 
Heger als Marquis Posa g’sehn und heisse Tränen 
vergossen, wie dieser edle Mann so jung hat sterben 
müssen . . Ja, wir auf der Galerie oben, mir habend 
g’spürt, dass der gnä Flerr mit uns Armen und Unter 
drückten g’iüblt hat, und wenn wir auch nicht All’s 
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