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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Ackerbürger hatten sogar noch 
in aller Eile Fahnen heraus 
gehängt, während Wilhelms 
Konkurrenten grün und gelb 
vor Neid wurden, von ihren 
Ehehälften mit sanftem Hin 
weis auf die Ehre, die dem 
„Berliner“ widerfuhr, zu Tode 
gemartert. Alles schaute, da 
auf einmal hörte man das 
Rollen eines Wagens. 
„Junge,“ rief Wilhelm zum 
Lehrling hinauf, der oben im 
Dachfenster sass und genauen 
Auslug halten sollte, „kannst 
du sehen, wer da kommt?“ 
„Das ist der Statthalter —“ 
rief der Junge, aber weiter 
kam er nicht, denn auf Wil 
helms Zeichen brach die Musik mit „Heil Dir im Sieger 
kranz“ los, Wilhelm und seine Leute schrien: „Vivat der 
Herr Statthalter!“ Und die vom Augenblick mitgerissenen 
Umstehenden brüllten mit, ein kleiner Junge hatte sich 
auf den Kirchturm geschlichen und zog mit aller Gewalt 
die Glocke, kurz, es war ein Mordspektakel. Inzwischen 
rollte der Wagen heran, ein gewöhnlicher Leiterwagen, 
auf dem ein alter Bauernknecht sass, der, von dem 
Empfange überrascht, höflich seine alte Mütze lüftete. 
Der Gegensatz war so drollig, dass alles in jubelndes 
Hurra ausbrach, Wilhelm ausgenommen, der wütend 
auf den Knecht losfuhr: 
„Wer sind Sie, was wollen Sie?“ 
„Ick bün de Statthalter vom Herrn Amtsvorsteher,“ 
war die Antwort. Wilhelm schwindelte es vor den 
Augen, ein alter Mann, der neben ihm stand, bestätigte: 
„Ja, dat is Herrn Amtsvorsteher sin Stattholler!“ 
„Statthalter, was heisst Statthalter hier?“ keuchte 
Wilhelm, dem die Ahnung einer riesengrossen Dumm 
heit aufstieg. 
„Statthalter,“ belehrte Gretchen ihren Zukünftigen, 
„Statthalter nennt man in Pommern auf einem Gute den 
Vorarbeiter!“ 
Und dem hatte Wilhelm solch feierlichen Empfang 
bereitet! Lasst uns schweigen von dem, was dieser 
Entdeckung folgfe; heute ist Gretchen Wilhelms Frau, 
ist er aber übermütig, erinnert sie ihn nur an den „Statt 
halter von Pommern“, und er gibt klein bei. 
Arete im Westen. 
Von Bruno Salinger, z. Z. im Felde. 
(Nachdruck verboten.) 
Ich spreche von einer ganz bestimmten Arete und 
will dadurch nicht etwa die griechische Tugend oder gar 
meine humanistische Bildung andeuten. 
Ich bin ein grosser Verehrer des Films, d. h. eigent 
lich seiner schönen mehr oder minder — gewöhnlich 
minder, ich will aber nichts aus der Schule geplaudert 
haben, jungen Vertreterinnen und Interpretinnen. Habe 
auch selbst ein paar Film^ geschrieben, leider Gottes 
sagen meine Freunde, aber das ist böswillige Verneinung; 
ihre Aufführung ist nur an der Kurzsichtigkeit der 
Fabriken gescheitert, ich trage wirklich keine Schuld 
daran. — 
Mir war zufällig eine Nummer des „Film“ in die 
Hände gefallen und da entdeckte ich ihr Bild; also ein 
fach süss. 
Ein liebes Gesichtchen mit keck in die Höhe ge 
richtetem Näschen, dazu lange Ringellocken, die ihm 
einen ungemein kindlich verträumten, mädchenhaften 
Ausdruck verliehen. 
Und dann die Hand, die war wundervoll mit langen 
gepflegten Nägeln und rosigen runden Kuppen. 
Was diese Aesthetik bedeutet, merkt man erst hier, 
wo man sie entbehrt. 
Kurz und gut, ich dachte Tugend kann niemals etwas 
schaden, und — soviel Kenntnisse des Klassischen hatte 
ich mir noch hinübergerettet 
um Arete übersetzen zu können 
— und verliebte mich un 
bändig in das Bild. 
Einsam genug fühlte ich 
mich ja in unserer welten 
fernen Verlassenheit. 
Hm, ich war vor Verdun 
und sie in Berlin, bisserl weit; 
für platonische Liebe hatte 
ich aber nie viel übrig; da 
war guter Rat teuer. 
Wäre ich in Berlin ge 
wesen, hätte ich mich in 
meine schönste Uniform ge 
worfen und ohne weiteres, 
sans facon, Anstandsbesuch 
j gemacht, dreist genug bin ich 
dazu. Zwei Tage sann ich 
nach, dann fasste ich einen heroischen Entschluss — 
ich musste ihr schreiben. Adresse, nun das ging eventl. 
durch die Filmgesellschaft, bei der sie „arbeitete“. Das 
nennt man nämlich in Fachkreisen arbeiten, daraus kann 
man schon ersehen — „wie ich auch zum Bau ge 
höre — ? 1“ 
Und dann schrieb ich — ich musste doch wenigstens 
einen anständigen Vorwand haben — ich sei Autogramm 
sammler und möchte ihr Bild gern in meiner Sammlung 
haben, mit Widmung natürlich. Ich rechnete dabei 
stark aut ihre etwas gewiss vorhandene frauliche 
Eitelkeit. 
Drei Tage hin, drei Tage zurück, einen Tag da 
zwischen, in sieben Tagen konnte die Verbindung her 
gestellt sein, wenn meine Zeilen nicht erst in’s Hand 
täschchen wanderten und dort liegen blieben. 
Zur Vorsicht schrieb ich dieserhalb am anderen 
Morgen gleich noch eine Ansichtskarte hinterher. 
Wissen Sie, was der Erfolg war? Zwar kein Bild, 
aber ein reizender Briet in einem Kästchen tip toper 
Zigaretten, alle Hochachtung, famose Marke. Besuch 
mache ich aber doch, wenn ich auf Urlaub fahre, jetzt 
erst recht. 
Sind doch zu nett, die lieben kleinen Mädchen. 
Alleinige Rabnkanren Bl<v^K6 BoOrnus. Berlin -NcuköUr»
        
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