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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Dem Wastl seine Volkssöhl. 
Skizze von Hans Regina von Nack. 
Nachdruck verboten 1 
Ja, ein jeder Mensch hat halt so sein Steckenpferd; 
das meinige ist, die Volksseele zu studieren! Das ist 
gar nicht so einfach, wie man sich’s vorstellt. 
Es können einem dabei die unglaublichsten Dinge 
passieren! 
Als Beispiel will ich Ihnen ein kleines Erlebnis von 
mir erzählen. — 
Es war in Aussee. 
Ich hatte eine Bergtour auf die Saarsteine unter 
nommen. Zwei Stunden ungefähr mochte ich schon 
geklettert sein, als sich der Himmel seltsam verdüsterte. 
Milchige Nebelmassen kamen vom Gipfel her auf mich 
zugewallt. 
Ein feiner Regen setzte ein. 
Zu dumm! Sollte ich umkehren? 
Nein! In einer halben Stunde musste ich bei der 
Saarsteinhütte angelangt sein, da war ich früher unter 
Dach. 
Ich stieg also in beschleunigtem Tempo weiter. Was 
war jetzt das? Mitten unter den Regentropfen, die mir 
ins Gesicht schlugen, taumelten weisse Flocken. 
Ich dachte: Entweder schneit es Regen, oder es 
regnet Schnee. 
Während ich noch über dieses Phänomen nach 
grübelte, tauchte urplötzlich — wie aus der Versenkung — 
vor mir die Hütte mit dem steinbeschwerten Dache auf. 
Halb erfroren und durchnässt, wie ich war, pries ich 
mich glücklich, ins Trockene zu kommen. 
Als ich in die verräucherte Stube, die zugleich als 
Küche fungierte, eintrat, sprang ein Mann, der neben 
dem offenen Herde gesessen hatte, auf und schaute 
mich prüfend an. 
„Grüss Gott!“ sagte ich. 
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| BERLIN W. • POTSDAMER STR. 139 | 
! ECKE UNKSTR., NAHE PLATZ ! 
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Der brummte nur etwas. 
Nachdem er mich genugsam gemustert hatte, wandte 
er sich, da der Eindruck, den ich auf ihn machte, offenbar 
ein befriedigender war, ruhig wieder dem Herde zu und 
rührte schweigend an seinem Schmarren weiter, der in 
einer flachen Pfanne über dem Feuer brodelte. 
Ich begann gleich eine Unterhaltung anzuknüpfen und 
da erfuhr ich denn, dass die Sennerin, namens Nandl, 
gleich erscheinen werde, sie sei nur um Wein in den 
Felsenkeller gegangen. 
Voll Interesse betrachtete ich die sehnige Gestalt des 
Mannes mit dem hageren Gesicht und den struppigen 
Haaren und konstatierte erfreut, in ihm ein würdiges 
Objekt für mein Volksseelenstudium gefunden zu haben. 
„Mit wem habe ich eigentlich das Vergnügen?“ 
fragte ich. 
Er entgegnete lauernd mit der diplomatischen Gegen 
frage: „Wie meinen S’ jetzt dös?“ 
Herrlich! Ein unverdorbenes Naturkind! 
„Ich meine, wer Sie sind!?“ 
„A so! — Der Wastl bin i!“ 
„Sehr erfreut, Herr Wastl, mein Name ist Nack.“ 
„Hm,“ machte er. 
Da brachte die Nandl den Wein. 
Sie erklärte sich gerne bereit, mir gleichfalls einen 
„Schmorrn“ zu kochen. 
Ich fühlte aber mit Bedauern, dass ich diesen beiden 
prächtigen, urwüchsigen Leuten nicht gerade sehr will 
kommen sei. Besonders der Herr Wastl benahm sich 
riesig zurückhaltend. 
Du musst irgendwie sein Vertrauen zu gewinnen 
suchen, dachte ich. 
„Herr Wastl, ich lade Sie ein; seien Sie mein Gast!“ 
„A na, in d’ Stadt mag i net!“ lehnte er ab. 
Prachtvoll! Ich jubelte innerlich; so etwas von un 
verfälschter Natur war mir noch nicht vorgekommen. 
„Da haben Sie ganz recht!“, sprach ich. „Ich wollte 
damit auch nur sagen, dass ich heute alles, was Sie hier 
essen und trinken für Sie zahle!“ 
„So? — Nandl, nacha gehst glei no amol in Keller 
und bringst an bessern Wein!“ 
Die Nandl ging. 
Unterdessen nahm aber der Wastl auch mit der 
minderen Qualität vorlieb und trank mit unheimlicher 
Virtuosität den Krug auf einen Zug leer. 
„Was sind Sie eigentlich von Beruf?“ erkundigte 
ich mich. 
Wieder dieser misstrauische Blick. „Jager.“ 
„Jäger, na natürlich! Das hätte ich mir gleich 
denken können!“ 
„Seil man i al“ 
Also gerade freundlich ist er nicht, überlegte ich, 
aber er wird schon mit der Zeit aus sich herausgehen. 
Das ist ja gerade das Schöne an diesen unverbrauchten 
Aelplern, dass sie zurückhaltend und doch offenherzig sind! 
Die bessere Weinsorte brachte denn auch meinen 
Gast in rosigere Laune. 
Ich fand den Wein abscheulich; beim Trinken hatte 
ich das Gefühl, eine in Essig getauchte Bürste zu 
schlucken. 
Dem Wastl schmeckte er; nach dem dritten Kruge 
schon begann er gesprächig zu werden, erzählte haar- 
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