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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

gefragt und auch gestern spät abends noch erhalten 
habe. Jener, der heute in aller Frühe wieder ab 
gereist sei, hätte selbst ersucht, den falschen Nygrin 
zu verhaften, da jener schon manche Schwindelei 
auf seinen Namen gemacht habe. 
Als man dem Künstler das erzählte, brach er in 
ein lautes Gelächter aus. 
„Na, mein Geld bin ich los. Aber Sie sind 
die Geleimten. Wahrscheinlich hat gestern bei dem 
Menschenauflauf irgend ein raffinierter Gauner sich 
mein Malheur zu Nutzen gemacht —“ 
„Schweigen Sie,“ herrschte ihn der Kommissar an. 
So kam es, dass Hans Nygrin, der gefeierte 
Künstler, in Baden-Baden eingesperrt wurde. Erst 
am zweiten Tage gelang es, das Missverständnis 
aufzuklären. Der andere Nygrin wurde aber nie 
gefunden. Der Schauspieler aber selbst schwur 
sich mit einem heiligen Eide zu, nie wieder unter 
falschem Namen zu reisen. 
Leichner 
Der Aberglaube 
hinter den Kulissen. 
Von Oskar Klein. 
(Nachdruck verboten.) 
Die dramatische Kunst ist heute ein Geschäft geworden, 
wie jedes andere; viele meinen sogar, ein Handwerk, ob 
mit Recht oder Unrecht, bleibe dahingestellt. Jedenfalls 
geht der moderne Schauspieler, besonders der an einem 
grossen Theater engagierte, heute zur Vorstellung wie 
der Beamte ins Bureau, der Geschäftsmann in sein 
Kontor. Die Poesie des einst so lustigen — oft freilich 
auch unsagbar traurigen — Künstlerlebens ist ver 
schwunden, und andere Zustände herrschen jetzt bei der 
Bühne als vor beispielsweise 20 bis 30 Jahren. Der 
moderne Schauspieler hat viel gelernt und — leider — 
auch sehr viel vergessen; eines jedoch ist ihm treu ge 
blieben, der Aberglaube. Man verstehe mich nicht falsch, 
unsere Künstler sind gewiss mindestens ebenso aufgeklärt 
wie jede andere Gesellschaftsklasse; aber ihr Beruf, der 
sie zwingt, jeden Abend aufs neue vor dem Publikum 
ihr Examen abzulegen, dessen Gelingen von so vielen 
Kleinigkeiten abhängt, hat es mit sich gebracht, dass ge 
wisse kleine Eigen- oder Gewohnheiten ihnen in Fleisch 
und Blut übergingen und noch heute, halb unbewusst, 
beachtet werden. 
Besonders gilt das allerdings von den Mitgliedern 
kleiner und kleinster Theater, den sogenannten „reisen 
den Gesellschaften“. Dort ist es z. B. verpönt, aus dem 
Zuschauerraum über die Rampen auf die Bühne zu steigen. 
Wer es dennoch tut, kann erleben, dass er denselben Weg 
wieder zurück nehmen muss, da sonst das „Geschäft“ im 
Orte in Frage gestellt würde. Wenn der Vorhang nach 
Schluss des Stückes zum letzten Male gefallen ist, ziehen 
ihn noch heute viele Provinztheaterdirektoren vor dem 
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Verlassen des Lokales wieder in die Höhe, sei es auch 
nur ein kleines Stückchen, weil sonst die nächste Auf 
führung unbesucht bleiben könnte. Auch bei den so 
genannten Abstechern, wenn die Gesellschaft eine Vor 
stellung ausserhalb ihres augenblicklichen Standquartiers 
gibt, wird es nicht gern gesehen, wenn der Vorhang bei 
der Ankunft im Theatersaale heruntergelassen ist; schnell 
eilt ein besorgter Schauspieler herbei, um ihn hoch 
zuziehen. Unglück bringt es auch, wenn bei einer 
Uebersiedlung von Ort zu Ort, die durch Wagen erfolgt, 
der Kutscher vor einem falschen Hause hält oder gar 
mit vollbesetztem Wagen umwenden muss: dann „schlägt 
der Ort nicht ein“. Das erste Billet, an einen kleinen 
Jungen verkauft — Kinder bedeuten überhaupt Glück 
beim Theater — zeigt, dass eine gute Einnahme zu er 
warten steht. Auch ein Mann ist wenigstens kein 
schlechtes Vorzeichen. Aber wehe, wenn ein weibliches 
Wesen, womöglich gar ein altes Mütterchen, sich als 
erste an der Kasse einstellt! Das bedeutet das Aller 
schlimmste. Ich hatte einen Direktor, der in solchen Fällen 
der betreffenden alten Frau lieber das Billet schenkte, um 
nur nicht von ihr das erste Geld nehmen zu müssen. 
Auf der Bühne wird eine Katze gern gesehen, ein 
Efund jedoch ohne weiteres verjagt, obwohl es sicher 
keine grösseren Tierfreunde gibt als gerade die 
Schauspieler. Wer von den Schauspielern seinen 
Spiegel zerschlägt, heisst es, wird seine Stellung 
verlieren, wer seine Stiefel — Bühnenstiefel natür 
lich — auf den Garderobentisch stellt, ruft dadurch 
Zank und Streit hervor, auch Pfauenfedern bedeuten 
in der Theaterwelt Verdruss, desgleichen das Be 
gegnen einer Hochzeit. Glückbedeutend ist aber, 
wenn einem ein Leichenzug auf dem Wege zum 
Theater begegnet. 
Amulette und Talismane werden viel getragen. 
So ist mir der ebenso'rührende wie komische Fall 
bekannt, dass eine Sängerin bei jedem ersten Auf 
treten die letzte, halbgerauchte Zigarre ihres ver 
storbenen Mannes im Busen trug. Aber nicht nur 
die Damen, auch die Herren sind von dergleichen 
nicht frei. Ein Baritonist musste seine Frau neben 
sich in der Kulisse stehen haben, bevor er auftral. 
Kam sein Stichwort, so gab sie ihm schnell einen 
Kuss und klopfte ihm auf den Rücken, dann war 
er gegen alles Unheil gefeit. Bekannt ist ja auch, 
dass sehr viele Bühnenangehörige sich vor dem 
Auftreten bekreuzigen, besonders wenn -sie „neu“ 
sind oder eine sehr schwierige Partie oder Rolle 
haben, ein Brauch, den man begreifen kann. 
Im Gegensätze hierzu gibt es Künstler, die vor ihrem 
Auftreten dreimal ausspucken, was ihnen Beifall bringen 
und das gefürchtete Steckenbleiben verhindern soll; 
wieder andere sprechen irgendeinen Satz oder auch nur 
ein bestimmtes Wort unaufhörlich vor sich hin. Der 
selige Lehfeld z. B. lief, wenn er irgendwo zum ersten 
Male gastierte, vor Beginn der Vorstellung ruhelos hinter 
der Szene umher, fortwährend in den verschiedensten 
Modulationen „Fisch! Fisch!“ vor sich hinsprechend. 
Lehfeld sah es, nebenbei bemerkt, auch für unheil 
bringend an, wenn die Schauspieler seinem Spiele von 
den Kulissen aus zusahen. Als er, damals schon eine 
Ruine, als Richard III. gastierte, mussten wir alle auf 
sein ausdrückliches Verlangen sofort nach unserem Ab 
gang von der Szene die Bühne verlassen und in der 
Garderobe bis zu unserem Wiederaultreten bleiben. „In 
jeder Kulisse steht ein verkappter Richard und grinst 
einen an!“ hatte Lehfeld dem Direktor in seiner be 
kannten Weise zugebrüllt, worauf dieser, um des lieben 
Friedens willen, die Kulissen frei halten liess. Durch 
gefallen ist Lehfeld an dem Abend aber doch. ■—• 
G Schdieclitß 
M Hol-Pianolorte-Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
Mi mUIwmIIIIm 
Gegründet 1853 
nur: KOCtlStr. 62
        
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