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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

hinten und von hinten nach vorn. Kein einziger seiner 
Kollegen hatte jemals eine Rolle so gut gelernt, wie er. 
Auch mit seinem Spiel war der Direktor leidlich 
zufrieden. Es war ja keine erstklassige Leistung, die 
konnte man von dem guten Lerchenhain auch nicht 
verlangen, aber er fiel doch nicht unangenehm auf. 
Und das war schliesslich die Hauptsache. Die anderen, 
die ersten Kräfte, würden das Stück schon zu einem 
gedeihlichen Erfolge führen. — — 
Die Generalprobe war vorüber und Lerchenhain 
befand sich auf dem Heimwege, da holte ihn sein Freund 
und Kollege Gröning mit hastigen Schritten ein. 
Er hatte diesmal zu seinem Aerger keine Rolle 
erhalten, trotzdem aber einigen Proben beigewohnt. 
„Also morgen ist Dein grosser Tag, Manfred,“ rollte 
sein tiefer melodischer Bass. 
Lerchenhain nickte gedankenschwer. Ihm war 
bänglich zu Mute und zaghaft fragte er: „Wie gefalle 
ich Dir?“ 
Gröning neigte das von einem zerzausten Kalabreser 
bedeckte Mimenhaupt: „Hm, hm, — ja, ja — so, so —!“ 
Lerchenhain erschrak. „Was willst Du damit sagen: 
Lim, hm, ja, ja, so, so —?“ 
„Lim, hm — ja, ja —“ wiederholte Gröning. „Lieber 
Freund, Du bist ein begnadeter Künstler, aber eine zu 
gerade, aufrechte und vor allem einfache Natur. Heut 
zutage aber verlangt die Welt, namentlich die Kritik, 
vom Künster Tiefe und Kompliziertheit. Man verlangt 
eine besondere Note.“ 
„Wie meinst Du das?“ fragte Lerchenhain unsicher 
und machte ein verblüfftes Gesicht. 
„Ich meine, dass Du Deine schöne Rolle zu schlicht 
auffasst. Zu oberflächlich. Die Tiefe, lieber Freund, die 
Tiefe fehlt. Ich zum Beispiel —“ 
Er schwieg und steckte die Hände in die Ueber- 
ziehertaschen. 
„Nun, Du zum Beispiel?“ versuchte Manfred Lerchen 
hain ihn auszuholen. 
Und da Gröning noch immer schwieg, so wieder 
holte er die Frage; „Na, und Du, wie würdest Du die 
Rolle spielen?“ 
„Llast Du vielleicht etwas Rauchbares bei Dir?“ 
blinzelte Gröning lüstern, anstatt die Frage zu be 
antworten. 
Aufs äusserste gespannt und in höchster Aufregung 
zog Lerchenhain seine Zigarrentasche, der Gröning mit 
schnellem Griff den gesamten Inhalt von zwei Zigarren 
entnahm. Die eine versenkte er in der Brusttasche, die 
andere zündete er sich bedächtig an. 
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„Teurer Kronensobn,“ sagte er endlich, „nun pass mal 
aul. Ich würde in diese Figur, die Du simpel und unauf 
fällig zu geräuschlos spielst, eine Nüance hineinlegen, die 
sie unbedingt zum Mittelpunkt des ganzen Stückes machen 
und das Interesse von Publikum und Presse einfangen 
dürfte. Also, kurz und bündig, ich würde die Gestalt als 
die eines Stotterers auf fassen. Natürlich nur ganz leicht 
stotternd. Nur angedeutet. Das gäbe der Gestalt eine 
besondere Farbe. Mit der gewöhnlichen Sprechart ist für 
unsereinen heutzutage nicht viel zu machen — aber 
künstlerisch stottern — das ist eine Sache. Im übrigen 
will ich nichts gesagt haben. Mach’ Du, was Du willst. 
Aut Wiedersehen! Und Hals- und Beinbruch morgen.“ 
Er ging und Hess den Freund allein — allein mit 
seinen Zweifeln. Denn im heftigsten Zwiespalt verbrachte 
Lerchenhain den Rest des Tages. Wab Gröning gesagt 
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hatte, war so falsch nicht. Er fühlte es selbst, er war 
zu farblos, zu blass, es lag kein Mark in den Knochen 
seiner Figur. Und wenn er ein bischen Stotterei in die 
Rolle legte, so mochte das vielleicht von grosser Wirkung 
sein. Man konnte nicht wissen. So erwog er unablässig: 
„Stottern oder nicht stottern?“ Selbst im Traum verfolgte 
ihn diese Frage und müde und abgespannt erwachte er 
am anderen Morgen. Noch einmal Hess er sich die Rolle 
von seiner Wirtin überhören. Es ging wie am Schnürchen, 
er konnte sie wortgetreu hersagen, langsam und im 
Galopp, ganz nach Bedarf. 
Wieder ging er mit sich zu Rate, ob er die Rolle im 
üblichen Unterhaltungston oder stotternd auffassen sollte 
und schliesslich, als er einige Sätze stotternd versuchte 
und seine Wirtin sich die Seiten vor Lachen hielt und 
juchzte: „Llerr Lerchenhain, das ist ja zum Quietschen!“ 
da entschied er sich für das Stottern. Wirtinnenstimme 
— Publikumstimme — sagte er sich, stottern wir mit 
künstlerischer Mässigung. 
Und so stotterte er am Abend.' 
Als er nach dem ersten Auftritt hinter die Kulisse 
trat, packte ihn der Direktor an den Arm, hochrot 
vor Wut: „Mann, Mensch, Herr, sind Sie denn nicht 
recht gescheidt? Was machen Sie für Sachen? Warum 
stottern Sie auf einmal?!“ 
„Eine Abtönung, die ich mir ausgetüftelt habe, Herr 
Direktor,“ erwiderte Lerchenhain. Und etwas ängstlich 
fuhr er fort; „'Oder gefällt sie Ihnen nicht und soll ich 
von meiner nächsten Szene an nicht mehr stottern?“ 
„Sie, Mensch,“ schrie sein Herr und Gebieter in 
masslosem Zorn, „Sie können doch nicht zwischen Ihrer 
Antrittsszene und der nächstfolgenden urplötzlich mit 
einer normalen Zunge bedacht worden sein! Wenn Sie 
schon ein — na, ich will nichts gesagt haben — sind, 
das Publikum ist es nicht!“ 
Und so stotterte Herr Manfred Lerchenhain seine RoHe 
notgedrungen bis zu Ende, zum Aerger des Direktors, 
zum Befremden der Hörer und der Kollegen, und zur 
stillen Schadenfreude seines Freundes Gröning. . . . 
Am andern Morgen las man in der Zeitung: „Herr 
Lerchenhain, dem zum ersten Mal eine grössere Rolle 
anvertraut war, schien sie nicht gelernt zu haben, denn 
in seiner Verlegenheit stotterte er unaufhörlich. Er ist 
einfach unmöglich, denn das Mindeste, was man von dem 
unbegabtesten Schauspieler verlangen kann, ist doch, dass 
er seine Rolle lernt.“ 
Nie wieder ist Manfred Lerchenhain von seinem 
Direktor mit einer grossen Rolle betraut worden.
        
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