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Full text: Berliner Leben Issue 21.1918

Schmollend lief die Kleine hinaus, verschwand in 
ihrem Zimmer und schloss sich ein. 
Jetzt war sie für niemand mehr zu sprechen. 
Und nun sie ganz ungestört und sicher war, nun zog 
sie das Zigarettentäschchen wieder heraus und begann 
trotzdem mit vollen Zügen zu rauchen. 
Lang ausgestreckt lag sie auf dem Diwan, blies den 
Rauch in die Luft und dachte nun in aller Seelenruhe 
über alles nach, was die Eltern ihr eben gepredigt hatten. 
Plötzlich fuhr sie erschrocken in die Höhe. 
Das waren des Vaters Schritte! Mein Gott! Wenn 
er noch einmal käme, ihr etwas zu sagen! 
Es würde einen heillosen Skandal geben, denn er 
duldete in solchen Dingen keinen Widerspruch — es 
gäbe einen grässlichen Aerger! 
Ratlos lief sie umher — plötzlich, mit kurzem Ent 
schluss riss sie das Fenster auf, warf die brennende 
Zigarette hinaus und zerteilte den Rauch. 
Aber, o Schreck, als sie hinaussah, war die Zigarette 
auf die Mütze eines Feldgrauen gefallen, der, mit einer 
Aktenmappe unter dem Arme, soeben ins Haus treten 
wollte. 
Dieser neue Schreck aber Hess sie noch mehr erzittern, 
denn der Feldgraue kam doch sicher mit einer amtlichen 
Meldung zum Papa. 
Was würde das nur geben?! 
Aber der Schreck mit dem Kommen des Vaters war 
unnütz gewesen — seine Schritte verklangen bereits weit 
hinten im Korridor. 
Dagegen bereitete dieser unglückselige Feldgraue ihr 
jetzt ernste Sorge, denn schon wurde draussen die 
Glocke gezogen. 
Sie schlich an die Tür und hörte, wie das Mädchen 
mit dem Fremden sprach. Er fragte nach dem Geheim 
rat. Das Mädchen ging. Die Sekunden wurden ihr 
Ewigkeiten. Endlich kam Minna zurück und führte den 
Fremden in den Salon, wo er einen Augenblick warten 
möchte. Jetzt öffnete Lotte schnell die Tür ein wenig 
und lugte durch die Spalte. 
Der Feldgraue war es! 
Was nun?l Jetzt hiess es, schnell und energisch zu 
handeln. Kurz entschlossen trat sie in den Salon ein. 
llllllllllilllinillillllllllM 
Da stand ein schmucker, feldgrauer Unteroffizier, in 
dessen hellgraue Mütze ein kleines rundes Loch ge 
brannt war. 
Lotte sah einen Augenblick lang unglaublich verwirrt 
drein und wusste sich keinen Rat. 
Der junge Kriegsmann aber blickte sie mit freu 
digem Erstaunen und unverhohlener Freude lange und 
fröhlich an. 
Endlich raffte sie alle Kraft zusammen und begann 
zu sprechen: 
„Ich weiss, weshalb Sie kommen, mein Herr! Ich 
bitte sehr um Verzeihung! Ich hatte wirklich nicht die 
Absicht, Ihnen Schaden zuzufügen.“ 
Da antwortete er schmunzelnd; 
„Ach, Ihnen, gnädiges Fräulein, verdanke ich dies 
kleine Luftloch?“ wobei er die beschädigte hellgraue 
Feldmütze aufhob. 
Lotte war tief beschämt. Bittend sagte sie: „Ich war 
so in der Erregung, dass ich gar nicht wusste, was ich 
eigentlich tat! Natürlich bin ich sofort bereit, Ihnen den 
Schaden zu ersetzen! Nur bitte ich Sie sehr, nichts 
meinem Papa zu sagen!“ 
„Aber nein, gewiss nicht!“ wehrte er lächelnd ab. 
„Uebrigens ist der Schaden ja doch gar nicht der Rede 
wert. Da sollten Sie erst mal sehen, wie die Mützen 
aussehen, die wir an der Front tragen!“ 
„Es ist mir aber doch überaus peinlich,“ entgegnete 
sie mit zartem Erröten. 
Und da fragte er mit fröhlicher Laune: „Nur möchte 
ich mir die bescheidene Frage erlauben, weshalb Sie die 
Zigarette denn nicht in einen Aschenbecher, wie doch 
allgemein üblich, geworfen haben?“ 
Jetzt wurde sie purpurrot. Und kleinlaut gestand sie: 
„Ich rauchte gegen den Willen meines Vaters, und 
um nicht entdeckt zu werden, warf ich die Zigarette 
zum Fenster hinaus.“ 
Schmunzelnd nickte er. 
„Also gnädiges Fräulein sind so leidenschaftliche 
Raucherin?“ 
„Na, leidenschaftlich nun gerade auch nicht — aber 
ab und zu rauche ich ganz gern mal eine.“ 
„Und das hat der Herr Papa verboten?“ 
„Leider ja! Aber Sie werden mich nicht verraten, 
wie?“ Flehend sah sie zu ihm auf. 
„Aufs Wort nicht!“ Militärisch stramm schlugen die 
Hacken zusammen. 
Dann machte sie einen Knix und wollte hinauslaufen. 
Doch schnell trat er ihr entgegen. 
„Jetzt habe aber auch ich eine Bitte!“ 
Erstaunt, leicht verlegen sah sie ihn an. 
„Möchten Sie mir nicht vorher erlauben, dass ich 
mich vorstelle? Karl Waldau heisse ich.“ 
Beinahe wäre sie jetzt doch in den Sessel gefallen, 
so erstaunt und erschrocken war sie. 
Und er, der sie von Anfang an nicht mehr aus dem 
Auge gelassen hatte,“der von einer Minute zur andern 
immer neuen Liebreiz an ihr entdeckt hatte, er sah sie 
jetzt mit strahlenden Augen an. 
Endlich sagte sie zaghaft: 
„Verzeihen Sie, dass ich Sie nicht gleich wieder 
erkannt habe!“ 
„Aber ich bitte sehr, gnädiges Fräulein — nach so 
vielen Jahren und dann die Veränderung, die der Feld 
zug mit mir vorgenommen hat — da kann das schon 
nicht wundernehmen.“ 
Flerzhaft reichte er ihr die Hand hin. 
Und — wenn auch schüchtern, legte sie die ihrige 
hinein. 
Doch als er dann das schmale Händchen küssen 
wollte, zog sie es, mädchenhaft errötend, schnell zurück. 
„Wenn Sie erlauben, rufe ich den Papa!“ 
Bewundernd sah er ihr nach — reizend war sie, 
entzückend! Der alte Vater hatte ganz recht! 
An der Tür aber trat ihr der Herr Papa schon ent 
gegen und zwar mit überaus freudigem Erstaunen. 
„Was sehe ich? Mein lieber Herr Waldau! Da sind 
Sie ja schon! Herzlich willkommen!“ 
Lächelnd erwiderte der junge Kriegsmann: „Ich 
komme verfrüht, ich weiss es wohl — aber verzeihen 
Sie der ungestümen Jugend!“ 
„Wie gern! Bitte, nehmen Sie Platz!“ 
Doch als die graue Mütze auf dem Tische lag und 
der alte Herr das kreisrunde Loch sah, lächelte er ganz 
erstaunt und sagte zu seinem Gaste: 
„Haben Sie denn auch noch einen Kopfschuss be 
kommen?“ 
Worauf Lotte von neuem erschrak. 
„Das nicht, Herr Geheirarat,“ erwiderte Karl fröhlich, 
„aber dies so unscheinbare kleine Löchelchen ist doch 
auch eine ganz unschätzbare Erinnerung für mich.“ 
Und da dankte Lotte ihm denn heimlich durch einen 
stillen, glücklichen Blick. 
Nun kam auch Mama hinzu. Und dann verplauderte 
man eine kurzweilige halbe Stunde miteinander. 
Alleinige Fabrikanten Blank 6 Bohrous, Berlin -Neukölln
        
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