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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Professor Wilfried Seume fasste mit beiden Händen 
die zarte Rechte der einst über alles geliebten Frau: 
„Nein, Ursula, es ist Dein Recht, ihn allein zu haben, 
das Recht, das ich Dir verkürzt habe jahrelang! Lass 
mich Dein Begleiter bis zum Abgang des Zuges sein und 
in meinem Hause die Zimmer bereit halten, bis Du ihn 
hierhergeleiten wirst, und wir alle Drei heimgefunden 
haben.“ 
Tränenden Auges sah sie ihn an: „Es war ein weites 
Stück, Wilfried, er aber da draussen hat uns auf den 1 
rechten Weg geführt.“ 
von = 
Kriegslist. 
Skizze von Julius Knopf. 
(Nachdruck verboten.) 
Wilhelm Mantel und Max Lindner waren schon 
Kindheit an befreundet gewesen. Sie hatten gemeinsam 
die tollsten Jungensstreiche ausgeheckt und zehn Jahre 
lang die Schulbank gedrückt mit dem Erfolge, dass sie 
den Berechtigungsschein zum einjährigen Dienst erlangten. 
Dann waren sie zu gleicher Zeit ins Berufsleben ein 
getreten. Wilhelm war Kaufmann geworden und hatte 
es als solcher im Laufe der Jahre zu einem blühenden 
Geschäft und einem schönen Vermögen gebracht. Max 
hingegen hatte sich, seiner Neigung folgend, für das Bau 
fach entschieden und sich darin, als Architekt nicht 
weiter, als zu einer mässig bezahlten Stellung aufschwingen 
können. 
Aber das focht den flotten, frischen und frohen 
Menschen nichts an. Die liebe Mutter Natur hatte ihm 
einen glücklichen Leichtsinn mit auf den Weg gegeben, 
der ihm das Leben immerdar im rosigsten Lichte er 
scheinen Hess. Fehlte es an Mammon, so richtete man 
sich eben ein, so gut es ging, oder pumpte. Lindner war 
Junggeselle geblieben. Zum ersten, weil sein Herz sich 
derait organisiert zeigte, dass es nie dauernd für ein und 
dieselbe Frau zu schlagen vermochte, zum zweiten, weil 
ihm das nötige Kleingeld zur Gründung eines Haushaltes 
fehlte und zum dritten, weil ihm in seinem Leben 
noch kein Mädchen begegnet war, dass sich mit 
Frau Trude messen konnte. 
Gertrud, vertraulich Trude genannt, war die 
Gattin seines glücklichen Freundes Wilhelm. 
Uer hatte das schöne und wohlhabende Mädchen 
heimgeführt — ein armes würde er nie ge 
nommen haben — und führte ein behagliches, 
s 9 r gloses Leben, das selbst durch den Krieg 
nicht aus dem gewohnten Geleise gekommen 
■war. Wilhelm Mantel hatte einen Eferzknax, 
, e . r ihn D. u. machte. Ausserdem schützte ihn 
® ei n ^ Reichtum vor manchen Misshelligkeiten 
er Peurung. Er entbehrte nicht gar zu viel, 
eil A1 faU ^ ruc ^ e war ei ^ ne § u * e Wirtin. 
A ^ nx Lindner in seiner grauen Uniform 
nah <aiesem Juwel einer Hausfrau Abschied 
m sie waren beide allein, denn Wilhelm 
er S 'h am .Stammtisch und politisierte — da sah 
1 r innig in die blauen Augen; „Frau 
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Vorzügliche Erfrischungen 
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vornehme Konzerte 
Reichhaltige Weinkarte 
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III 
Trude,“ flehte er mit allem Schmelz, dessen seine Stimme 
mhig war „Sie wissen, dass ich Sie gern habe, in allen 
Ehren natürlich, und dass ich Sie schätze, vor allen 
anderen Flauen. Darum — bitte, bitte, erlauben Sie mir 
einen Abschiedskuss! Er soll mir draussen im Felde 
eine schöne Erinnerung an die Heimat sein.“ 
brau Trude war eine Frau mit Grundsätzen, 
lehnte ab. 
„liier nehmen Sie meine Hand, lieber Freund. Wenn 
Sie diese küssen wollen, so habe ich nichts dagegen. 
Bitte, bedienen Sie sich.“ 
So musste sich der schneidige Max in der Tat mit 
dem zahmen Handkuss begnügen. 
Aber nach einem Jahr kam er wieder. Auf Urlaub. 
Als Unteroffizier, geschmückt mit dem Ehrenzeichen des 
Eisernen Kreuzes. Er sah vortrefflich aus. Gebräuntes 
Gesicht, blitzende Augen, gestraffter Körper Hessen ihn 
um ein Jahrzehnt jünger erscheinen. 
Brifctt 
Seine Stimmung war so gut, wie nur je in den Tagen 
jugendlicher Ausgelassenheit. 
Als er bei seinem Freunde Wilhelm den ersten Besuch 
machte, musterte ihn dieser neidvoll. 
„Du siehst ja aus, als wenn Du aus der Sommerfrische 
kämst,“ Hess er sich staunend vernehmen, „direkt von der 
Vergnügungsreise.“ 
Wie immer, war Max Lindner nicht um die Antwort 
verlegen. „Das Vergnügen kannst Du auch haben, Heber 
Wilhelm, brauchst Dich nur in den Schützengraben zu 
bemühen.“ 
Ueber Frau Trudes Gesicht huschte ein Schatten. Sie 
konnte es nicht leiden, wenn man sich über ihren guten, 
braven, aber etwas schwerfälligen Mann lustig machte. 
Aber sie sagte nichts. Sie kannte ihren Max Lindner 
und wusste, dass er ihr über kurz oder lang doch wieder 
mit dem bewussten Zärtlichkeitsanliegen kommen würde. 
Schroffe Weigerung sollte ihre Rache sein. 
Und sie hatte sich nicht getäuscht. 
Einige Tage später erschien Max Lindner wiederum 
auf der Bildfläche. Er traf sie allein, musste es auch 
wissen, da ihr Mann um diese Zeit im Geschäft war. 
Und richtig, wieder fing er an. Diesmal aber ging 
er nicht geradewegs robust auf sein Ziel los, sondern 
behandelte die Kussangelegenheit diplomatisch. 
„Frau Trude,“ begann er vorsichtig tastend, „der 
Wilhelm hat’s doch gar zu prächtig. Er sitzt in seinem 
behaglichen Heim, im warmen Zimmer, er isst gut, trinkt 
gut, hat die reizendste Frau —“ 
„Bitte,“ wehrte sie ab. 
„Hat die reizendste Frau,“ wiederholte er unbeirrt, 
die man sich nur wünschen kann und macht weiter gar 
kein Aufhebens davon. Betrachtet diese Annehmlichkeiten 
als etwas Natürliches, das ihm gebührendermassen zu 
kommt. Unsere Strapazen, unsere Kämpfe, die wir ja 
willig ertragen, sieht er als etwas Selbstverständliches an, 
dem keine besondere Anerkennung von seiner Seife 
geziemt. Diesem krassen Egoismus darf die gerechte 
Strafe nicht erspart bleiben.“ 
„Meinen Sie?“ schnellte es spitz aus Trudes Mund. 
„Frau Trude,“ bat er, „Wilhelm nimmt 
das Schöne, das ihm das Leben gebracht hat, 
mit gleichmütigen Phlegma hin. Darf ich nicht 
auch einmal wenigstens einen Brocken von diesem 
Glück abbekommen, das ihm so überreich zu 
geflogen ist? Diesen Glücksbrocken können 
Sie mir nicht verweigern, Ich hab’s mir nun 
mal in den Kopf gesetzt und lasse nicht davon 
ab. Also ich wiederhole mein Anliegen — bitte 
— einen Kuss!“ 
Wieder sah er ihr tief in die kornblum 
blauen Augen, doch die kornblumblauen Augen 
blickten kühl. 
„Schämen Sie sich, die Frau Ihres besten 
Freundes küssen zu wollen,“ 
„Nein, ich schäme micht nicht,“ trotzte er. 
„Erstens ist Wilhelm nicht mehr mein bester 
Freund, ich habe draussen einen besseren ge 
funden. Zweitens“ — er zeigte auf sein schwarz- 
weisses Band — „habe ich mir einen Dank
        
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