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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

noch ein wenig beleuchtete. Frau Ursula 
erkannte die Züge auf dem Briefe nicht, 
den ihr soeben ihr Zimmermädchen auf 
silberner Schale reichte. Feldpost —■ Gott, 
sie hatte eine Anzahl bekannter und un 
bekannter Feldgrauer, die sie regelmässig 
mit einer kleinen Liebesgabe beglückte. 
Vielleicht ein Gruss, ein Zeichen dank 
barer Anerkennung, weither aus einem 
Schützengraben! Es lohnte sich nicht, des 
halb Licht zu machen, man träumte so 
schön im weichen Sessel von Zeiten, die 
nicht wiederkehrten und solchen, die viel 
leicht einmal, einmal wieder einen Hoff 
nungsschimmer in ihre Seele zaubern 
könnten. — 
Das Dasein eines Briefes lässt aber 
doch nicht zur Ruhe kommen, aus der 
tiefer sich gründenden Dunkelheit leuchtete 
fanalartig der weisse Umschlag. — 
Und das helle Licht der elektrischen 
Stehlampe löste nun bald das Rätsel. Steile, 
grosse, klare Buchstaben standen da auf 
dem Papier, und Ursula las und las: 
„Mutter, einzig liebe Mutter, da 
lieg ich nun mit einem Schuss im 
Oberschenkel weit von Dir und kann 
nicht zu Dir eilen auf Flügeln der 
Liebe, wie ich mir’s so schön ge 
dacht, als mein Hauptmann mir das 
Eiserne Kreuz 1. Klasse angeheftet. 
Ja, glaube nur, an Dich und Deine 
liebe, liebe mütterliche Güte aus 
meinen Kinderjahren dachte ich und 
an Deine treuen Hände, mit denen Du meine 
Wunde pflegen würdest. Denn es ist ein grausames 
Zugeständnis; Wenn der Mann schwach wird, ruft 
er nach der lieben Mütterlichkeit, die er in starken 
Zeiten von sich gestossen und doch nie vergessen 
wird, und die ihn wieder aufrichten muss in dem 
Bangen, dem Schrecklichsten. Eine ganze Weile 
wird’s wohl dauern, ehe sie mich wieder brauchen 
können, vielleicht weist man mich ganz fort, denn 
der Knochen ist kaput, und der Stabsarzt meinte, 
es würde nie mehr solch einen strammen Kerl 
geben, wie erst, das Bein bleibe steif. Eins, Mutterle, 
musst Du mir versprechen, ich hab’ solch Heimweh 
nach Dir, holst Du mich, den Undankbaren, lässt 
Du Dein grosses Mutterverzeihen auf mich aus 
strömen? Hol Dir Deinen grossen Jungen, pfleg 
ihn gesund — und — dann — es ist da mit den 
Fingern auch etwas nicht ganz in Ordnung, die 
Feder zu halten vermag ich nicht länger, Papa 
kann ich es nicht mehr mitteilen, er weiss noch 
nichts. — — — 
Nun gute Nacht, Du meine Heimat und Gott 
befohlen Dein Fred _, 
Der Name einer kleinen, weitentlegenen Stadt stand 
darunter. — — — 
MARMORHAUS Kurfürstemlamm 236 
IMMER NOCH 
das eleganteste, vornehmste und beste Lichtspielhaus Gross-Berlins 
Das Letzte könnte Ursula schon gar nicht mehr lesen 
und das Erste nur undeutlich, denn ihre Augen liefen 
über von schweren Tränen. Dann ging sie still an ihren 
Schrank und zog den umfangreichen Atlas hervor. Der 
sollte ihr die Gegend zeigen, die kleine Stadt von deren 
Dasein sie bis her noch keine Ahnung gehabt und die 
ihr Glück jetzt barg. Nun wusste sie, wohin sie ihre 
Gedanken führen sollte in der kommenden Zeit. Ihre 
Gedanken nur? Nein, sich selbst, in einigen Tagen 
schon würde sie die Hände ihres Kindes drücken, das 
ihr neu geschenkt war und das sich heimgefunden hatte 
zu ihr. Und nun legte sie den dunklen Kopf auf die 
WEIN -STUBEN- HUTH 
==iiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiii== 
= WEINGROSSHANDLUNG = 
BERLIN W. • POTSDAMER STR. 139 
ECKE LINKSTR., NAHE PLATZ 
bunte Landfläche, auf der die ganze 
schöne Welt unseres Vaterlandes ver 
zeichnet stand und faltete vor sich auf 
dem Tisch die Hände. Wie war das nur? 
Und wie kam es über sie, dies grosse 
Glück? Andere Mütter verlieren ihr Alles 
in diesem schrecklichen Kriege, ihr aber 
war ihr Kind geschenkt, dass sie es pflegen, 
stützen und lieben und ihm beistehen 
durfte von nun an, wenn es seine Glieder 
nicht mehr gebrauchen konnte, wie 
einst, — — — 
Und sie durfte nun auch teilhaben an 
seinem Heldentum, hatte immer daran 
teilgehabt, ohne dass sie es geahnt •— — 
Da plötzlich aber wich alle Seligkeit 
aus ihrem Antlitz es stand da ein Satz in 
dem Briefe, über den sie nicht hinweg 
konnte. Papa weis noch nichts. Ein 
dunkler Schatten huschte über ihre Stirn. 
Er, der ihr einst ihr Kind geraubt! Nur 
als diesen kannte sie ihn noch. Mochte 
es so bleiben, er nichts erfahren, so hatte 
sie ihren Jungen ganz für sich, um sich 
schadlos zu halten für all die armen, 
darbenden Jahre! In ihrem Innern ar 
beiteten schwer die Gedanken. Was ahnte, 
wusste er vom Glück dieser Stunde, das 
nur dem Mutterherzen Vorbehalten blieb? 
Und doch: Auch er bangt jetzt vielleicht 
in tagelangem, zermürbendem Warten! 
Durfte sie dann allein die Schwere dieses 
Glücks erleben, gab es nicht noch einen 
auf der Welt, der einst, als ihnen das 
Kind zum ersten Male geschenkt worden, mit ihr die 
Grösse dieser Seligkeit getragen? Stand nicht die Wage 
des Rechts und Unrechts in gleicher Flöhe? Und wie 
stand es mit dem grossen Mutterverzeihen, von dem Fred 
geschrieben? 
Zögernd schritt sie zu ihrem Schreibtisch, nahm ein 
Zettelchen zur Hand und schrieb in Eile die Worte für 
eine Drahtnachricht an ihn, dem sie nie mehr etwas 
mitzuteilen geglaubt hatte; 
„Fred nicht unschwer verwundet, ich fahre morgen 
mit dem Frühzug in Richtung Köln. 
Ursula.“ 
Dann ging sie in stiller Seligkeit und dem beglückenden 
Frieden rechtgetanen Tagewerks selbst auf das Telegraphen 
amt. * + 
♦ 
Als Ursula am anderen Morgen reisefertig beim 
Frühstück sass und in freudiger Aufregung ihre letzten 
Anordnungen für eine vielleicht längere Reise traf, fuhr 
unter ihren Fenstern ein Auto vor. Sie achtete seiner nicht, 
aber als die Klingel schrill durchs Haus zuckte und hinter 
dem Mädchen, das die Meldung frühen Besuches brachte, 
die hohe, leicht gealterte Gestalt dessen erschien, der einst 
ihres Lebens Inhalt gewesen, da suchte sie unwillkürlich 
nach einem Halt, denn ihre Füsse drohten zu wanken. 
„Wilfried, Du — Sie fahren mit?
	        
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