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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

MARMORHAUS KurfürstendamH 236 
IMMER NOCH 
das eleganteste, vornehmste und beste Lichtspielhaus Gross-Berlins 
Drei Wochen später just um diese 
Stunde hält die junge Malerin Frau Veras 
blonden Kopf in ihren Händen, und 
streicht mit unendlich leisen Geberden 
darüber hin. Auf dem Boden steht ein 
geöffneter Kotier, auf dem Tische verstreut 
liegen die Sachen des Dr. Ernst Götz. 
„Dass ich ihn nie Wiedersehen soll!“ 
Das ist ein so wilder Aufschrei, wie er 
nur in dieser Verzweiflung aus kraftvoller 
Menschenbrust kommt. 
„Vera, werde ruhig. — Denn siehe, er 
ist doch bei Dir. Genau wie heute vor drei 
Wochen, weisst Du noch? Er lebt doch in 
Dir und dem Kinde.“ — — — 
Immer weicher wird die Mädchenstimme, 
immer behutsamer das Streicheln ihrer 
Hände. Die blonde Frau stöhnt auf. 
„Mach Licht, Rita, ich kann sie nicht 
ertragen die Dämmerung, heute nicht!“ 
Das Deckenlicht flammt auf, von weichen 
Seidenfalten aufgefangen. Vera Götz blickt 
wie irr um sich. Ihr Blick streift den Feld 
koffer. Ein Kasten steht darauf, fest ver 
schnürt. 
Sie reisst ihn hoch, mit fieberheissen 
Händen. Irgend etwas musste sie doch 
noch von ihm finden, dass nur für sie war. 
Ein Gruss — ein letztes Erinnern . . . Der 
Deckel gleitet herab. Sie blickt enttäuscht 
auf den Inhalt: Ton, farbiger Ton. Aber 
plötzlich ist die Freundin bei ihr, und 
schiebt mit sachten Fingern das Seiden 
papier zurück. Kinderköpfchen aus Ton geformt , . . 
Es Hegt ein Suchen, ein Tasten in dem Ausdrucke 
des Kindergesichtchens. Vera empfindet instinktiv, es 
stammt aus der Zeit, in der er so sehr gelitten hat, 
wo er sein Kind noch nicht kannte. Mechanisch löst 
sie die letzte Figur aus dem weichen Papier. Die 
Freundin stösst einen kleinen Schrei aus. 
„Das bist ja Du, Vera!“ 
„Ich?“ Seltsam benommen blickt die blonde Frau 
auf das Bild aus warmem, roten Ton. Das soll sie sein? 
So sieht sie aus? Seltsam, der Ausdruck in diesen Zügen 
ihr doch so fremd . . . 
Die Malerin aber blickt mit umflorten Augen aut dieses 
kleine Kunstwerk. „Mein Weib,“ steht darunter, „im 
Oktober 1916.“ ... —- Und das Mädchen denkt 
an die Stunde heute vor drei Wochen. An diese seltsam 
heilige Stunde ... Wo Frau Vera nachher diesen Aus 
druck in den Zügen hatte, als sie zu ihr ins Zimmer trat. 
An diese Stunde wird sie immer denken müssen. An 
diese heilige Stunde zweier Liebenden. 
„Das bist Du Vera, Du Glückliche! Gesegnet bist Du, 
dass Du so in deinem Manne lebtest!“ 
Staunen tritt in den müden Frauenblick. 
„Du meinst?“ Sie vollendet nicht, aber mit wilder 
Geberde greift sie plötzlich nach dem letzten Grusse aus 
seiner Hand. 
Ihre Augen gehen in heissem Forschen über das Frauen 
gesicht aus rotem Ton. Das ist sie? Diese Weichheit in 
den Zügen, und diese Augen? 
Diese Augen so sieghaft und stolz geöffnet. So hatte 
er sie gesehen, so sah er sie, als er sie zum letzten Mal 
grüsste? Die zuckenden Frauenlippen senken sich auf 
das kleine Werk. Leber den Raum senkt sich jene Stille, 
die sanfte Hände hat, und nur wohl tun will . . . Und 
die junge Malerin sieht plötzlich den Mann vor sich im 
Felde, wie er in seinen Mussestunden seiner Sehnsucht 
Flügel gibt. O, diese Sehnsucht, die das Beste 
ist, die nur aufbaut, und immer wieder aufbaut . . . Die 
Rechte des Mädchens gleitet scheu über den stolzen Frauen 
nacken der nun das tiefste unergründlichste Leid trägt. — 
Da hebt die grosse Frau die Augen zu der Freundin, um 
ihren schmerzverzogenen Mund tastet ein kleines, zages 
Lächeln. 
„Er hatte mich lieb, Rita.“ 
Da nickt die andere still. Sie denkt an ihre eigene 
Sehnsucht, die so müde Pfade wandeln muss. Und wie 
zum Danke, dass sie an der Beiden Glück teil nehmen 
durfte, nimmt Rita den armen blonden Frauenkopf und 
küsst ihn seltsam feierlich. 
„Ja, ihr hattet Euch lieb!“ 
Der tolle Hund. 
Eine zeitgemässe wahre Begebenheit von Etty Hirschfeld, 
(Nachdruck verboten.) 
Mein Freund Robert hatte mir bei seiner 
Abreise zum Regiment „Frifzchen“ anver 
traut. Eine volle halbe Stunde musste ich 
Verhaltungsmassregeln anhören, die Robert 
mir gab, das heisst natürlich über mein Ver 
halten zu „Fritzchen“. Hätte ich geahnt, 
was sich 3 Tage später ereignen würde, 
so wäre ich trotz meiner alten Freundschaft 
mit Robert nie und nimmer Fritzchens 
Pflegemama geworden. Da ich jedoch leider 
nicht die geringste Anlage zum Hellsehen 
besitze, so übernahm ich seelcnruhig das 
fröhlich bellende Fritzchen, einen munteren 
Wolfsspitz im besten Hundealter von 
2 1 / 2 Jahren, der die bemerkenswerte Eigen 
tümlichkeit hat, in grossen Momenten 
seines Lebens zu schielen, was von Fremden 
mitunter zu Ungunsten Fritzchens ausgelegt 
wird; seine Freunde aber nennen das 
„interessant.“ 
Eines Morgens — am dritten Tage meines 
Hundemutteramtes — war sie da, uner 
wartet und plötzlich, sie, die Hundesperre! 
Einen richtigen Begriff dessen, was „Hunde 
sperre“ für Herrchen und besonders das 
empfindsame „Frauchen“ bedeutet, von den 
Objekten der Verordnung selbst garnicht zu 
reden, kann sich nur ein Leidtragender 
machen. Für die Menschen ist die .Hunde 
sperre ein unerfreulicher Zustand, für die Hunde ein 
beschämender und demoralisierender. Der gut erzogene 
Hund soll auf einmal Dinge, über die man nicht spricht, 
und die er gewöhnt war, weit abseits, fern von den 
Blicken seiner Lieben zu verrichten, in voller Oeffent- 
lichkeit vornehmen, womöglich neben dem mit gemachter 
Gleichgültigkeit wegschauenden Frauchen. Welche Ver 
höhnung jedes Hundeanstandes! 
Fritzchen ist mit der neuen Ordnung der Dinge jeden 
falls aufs höchste unzufrieden. Leider muss ich die Folgen 
seines Missvergnügens täglich am eigenen Leibe spüren: 
das Rabenvieh tobt derartig an seiner Leine — drei Leinen 
hat er bereits zerrissen — dass ich sämtliche Gliedmassen 
wie nach stundenlangen Turnübungen fühle. Doch was 
sind körperliche Beschwerden im Vergleich zu den Auf 
regungen der Seele, die ich meinem Pflegling verdanke! 
O, Fritzchen, warum hast du einen Hang für’s Küchen 
personal! Er hegt diese Neigung, mit der er ja nicht allein 
dasteht, in erheblichem Masse, und sucht gern die Nähe 
Luises, der kochlöffelschwingenden Beherrscherin des 
Hundeparadieses. 
Vor ein paar Tagen war’s. Da sass der aufmerksame 
Spitz vor der kartoffelschälenden Luise, die gerade neckische 
Anwandlungen hatte. Infolge dessen bereitete es ihr 
Freude, mit dem unbeschuhten Fusse vor Fritzchens 
schwarzer Hundenase auf und niederzuwippen. Fröhlich 
ging das spiellustige Tier auf diese Anregung ein und 
schnappte nach dem hin- und hertanzenden Etwas.
        
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