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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

einen schnellen aber genau prüfenden Blick sie wiederum 
zu mustern. 
Wirklich, es war ein ganz entzückendes Geschöpf! 
Ganz begeistert war er schon. 
Und wie schick und elegant sie gekleidet war! 
Zu schade, dass er heute nicht Herr seiner Zeit war. 
Da plötzlich, als sein bewundernder Blick sie noch 
einmal streifte, glaubte er bemerkt zu haben, dass sie ein 
wenig indigniert dreinschaute. 
Und nun im Moment fiel ihm ein, dass er hier als 
störend empfunden wurde, denn wenn die Dame wirklich 
hier ein Rendezvous hatte, dann war ein Dritter doch 
ganz überflüssig dabei. 
Schnell entschlossen zog er lächelnd den Hut und sagte 
scherzend: „Tausendmal Pardon! Ich will ganz und gar 
nicht stören!“ 
Damit promenierte er nun in den Seitenwegen, von 
wo aus er die Ankunft seiner Damen ja auch sehen konnte. 
Doch obschon er nun in dem Seitenweg war, er konnte 
es ganz deutlich sehen, wie die hübsche Kleine ganz 
verstohlen lächelte. 
„Entzückend ist sie!“ dachte er, „ganz reizend ist sie! 
Diese Grübchen in den Wangen sind direkt zum Küssen!“ 
Aber schnell beruhigte er sich wieder, denn es galt 
ja, heute vernünftiger zu sein. 
Und mit diesem Vorsatz nahm er seinen Gang in den 
Seitenwegen wieder auf und wartete ruhig weiter. 
Seine Geduld wurde auf eine lange Probe gestellt, 
eben schlug die Uhr wieder, — nun war es bereits 
halb vier, und von seinen Damen war noch immer nichts 
zu sehen. 
Jetzt wurde ihm die Sache wirklich schon ungemütlich. 
Was war denn nur geschehen, dass man ihn hier eine 
halbe Stunde umherrennen Hess! Er war doch kein dummer 
Junge mehr, dem man so etwas bieten konnte! 
Ganz ratlos stand er da. 
Was sollte denn nun werden? Das einfachste wäre 
ja, er ginge nun zu den Damen in die Wohnung und 
holte sie von dort ab. Aber wenn die Damen nun bereits 
unterwegs wären und auf einem anderen Weg nach dem 
Goldfischteich gingen? Dann verfehlte man sich doch 
erst recht! Nein, es gab nur das eine, er musste hier 
ruhig warten, bis sie da sein würden. Denn dass sie über 
haupt nicht kommen würden, daran war doch wohl keinen 
Augenblick ernsthaft zu denken. 
Seine gute Stimmung war schon ganz erheblich 
gesunken, denn nichts war ihm unangenehmer als warten, 
noch dazu hier warten zu müssen. 
Aergerlich ging er auf und ab und seine Schritte 
wurden immer schneller und immer nervöser. 
Erst als er wieder in die Nähe der hübschen jungen 
Dame kam, schwand seine üble Laune. 
Die Kleine hatte jetzt ein Buch vorgenommen und las 
scheinbar sehr eifrig. 
Und als er sie in all ihrer Grazie, in all ihrem ent 
zückenden Liebreiz so dasitzen sah, kam aut einmal wieder 
etwas von seiner tollen Jugendlust, etwas von seinem 
göttlichen Uebermut in ihm hoch und er beschloss, mit 
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der holden Unbekannten eine Unterhaltung zu beginnen, 
sei es auch nur um die Zeit totzuschlagen. 
Schnell hielt er noch einmal nach allen Seiten genaue 
Umschau, doch von seinen Damen war noch immer nichts 
zu sehen. Dann drängte er alle leise warnenden Stimmen 
zurück und Hess seinem tollen Leichtsinn die Zügel fallen. 
Und er tröstete sich damit, dass er, sobald seine Damen 
in Sicht waren, die Unterhaltung ja schnell abbrechen 
JAU1JLJ.J.LC, 
Im nächsten Moment stand er vor der Kleinen. 
Ganz erschrocken sah sie auf aus dem Buch. 
Er zog den Hut und begann: „Es scheint, meine 
Gnädigste, dass wir Leidensgefährten sind.“ 
Sie lächelte ein wenig und fragte ganz offen und fröhlich: 
„Woraus schliessen Sie denn das?“ 
„ln der Tat, es wollte mir vorhin so scheinen, als störte 
Sie meine Anwesenheit, deshalb schlug ich mich schnell 
seitwärts in die Büsche und verschwand, um als Dritter 
nicht zu stören.“ 
Wieder lächelte sie. „Als Dritter? Ich sehe ausser 
uns hier niemanden.“ 
Heiter nickte er. „Eben das ist es ja. Der Zweite 
scheint nicht zu kommen. Uebrigens unter uns gesagt, 
ich begreife den Menschen nicht! Ich an seiner Stelle 
hätte nicht eine Sekunde auf mich warten lassen, im 
Gegenteil, ich wäre schon eine Viertelstunde früher als 
verabredet dagewesen!“ 
Einen Augenblick schwieg sie und schien zu überlegen, 
dann aber blitzte ein Schalk aus ihren Augen und sie 
sagte; , Es scheint aber, dass die Dame, die Sie erwarteten, 
Ihre Vorzüge auch nicht genügend anerkennt.“ 
Er lächelte geschmeichelt. „Gnädigste sind sehr 
liebenswürdig!“ 
Sie schwieg und sah in ihr Buch. 
Da nahm er einen Anlauf und wurde etwas kühner: 
„Wenn Sie gestatten, leiste ich Ihnen ein wenig Gesellschaft, 
meine Gnädigste, eben bis der andere kommt.“ 
„Aber ich erwarte keinen anderen!“ 
„Na, na, wenn man hier am Goldfischteich so allein 
sitzt“ — entgegnete er lächelnd. 
Sie lachte. „Sehr gut! Kann eine Dame am hellen 
Tage denn nicht allein hier sitzen und lesen?“ 
1 * - n 1- 
scherzend zu. 
Da sah sie ihn mit ihren fröhlichen, ehrlichen Augen 
gross an. „Es scheint, Sie haben eine recht wenig gute 
Meinung von den Damen.“ 
Lächelnd hob er die Schultern. „Wenn man wie ich 
das Leben der Grosstadt kennt, dann hat man sich so 
ziemlich alle Sentimentalität abgewöhnt.“ 
Einen Moment schwieg sie, im nächsten aber fuhr sie 
mit leicht ironischem Ton fort: „Dann wundert es mich 
eigentlich, dass Sie hier eine ganze Stunde umsonst gewartet 
haben.“ 
Jetzt wurde er ein wenig verlegen, doch schnell 
beherrschte er sich und erwiderte; „In der Tat, sonst 
passiert mir das auch nicht, aber heute hat es seine ganz 
besondere Bewandtnis damit.“
        
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