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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Sein letzter Gruss. 
Skizze von Fränze-EIeonore Röcken, Berlin. 
(Nachdruck verboten.) 
Vera Götz jubelt auf, als sie den Inhalt der Depesche 
•überfliegt. 
„Treffe zu zehntägigem Urlaub morgen Vormittag 10. 50 
Friedrichstrasse ein.“ 
Ist es denn möglich, er kommt wirklich? Zehn ganze 
Tage bleibt er bei ihr und dem Kinde? Sein Kind, das 
•er nun zum ersten Male sehen wird. Vera Götz legt tief- 
aufatmend beide Hände fest gegen die Brust. Wie wild 
das Herz klopft. Wie fliegend ihr Atem geht. Ihr Blick 
irrt durch das Zimmer. Heisser Schreck überrieselt sie. 
Wie kann sie hier nur so tatenlos herumstehen. Was 
hat sie noch alles zu tun. Dieser Tag wird kaum hin- 
reichen zu den festlichen Vorbereitungen. Vor allem viel 
Blumen muss sie besorgen, üeberall müssen sie stehen 
und von Lenz und Liebe erzählen. „Und mein Haar 
muss ich heute Abend noch waschen, es muss doch 
duftig und weich sein, wie er es liebt.“ Und Klein-Ernst 
muss seinen weissen, gestickten Kittel tragen, den er erst 
Weihnachten haben sollte. „Ob er sich wohl freuen 
wird, wenn er sein Kind sieht?“ Ein verträumtes Lächeln 
geht um den blühenden Frauenmund. Sie eilt stürmisch 
zur Tür und ihre Stimme schallt klingend in nur mühsam 
gebändigter Erregung über den Korridor. 
„Else, wir müssen uns heute eilen, morgen kommt 
der Herr.“ 
Am anderen Tage liegt eine heitere und doch so klare 
Oktobersonne über Götzens Wohnung. Aus allen Ecken 
blüht es. Hohe, keusche Crysanthemen heben sich feierlich 
wie Altarkerzen auf ihrem breiten Blätterlager. Auf den 
Tischen stehen Nelken und Astern, und sie wirken so 
festlich und froh in ihren leuchtenden Farben. 
Vera Götz steht mit dem Kinde am Fenster. Sie 
hört garnicht auf das kindliche Lallen. Ihre Hände sind 
eiskalt, ihr Herz klopft dumpf und schwer, ihr Gesicht 
ist blass in der tiefen Erregung, die in ihr glüht. Nun 
wird er gleich hier sein. Sie wusste, er liebte kein Wieder 
sehen auf dem Bahnhofe, wo man aus seiner hochgespannten 
Erregung schon in den ersten fünf Minuten sehr unsanft 
in den platten Alltag zurückgeworfen wurde. Aber wie 
•qualvoll lang sich diese Minuten dehnen. Da —■ eine 
Droschke. Wie höhnend langsam sie fährt, im lieblichsten 
Trabe. Ob sie halten wird? . . . Das Kind schlägt lallend 
mit den kleinen Fäusten gegen die blitzenden Scheiben. 
„Hüh — — hott — — Ma — ma — ma.“ 
„Der Vati kommt, — sag schnell noch einmal Papa. — 
Ob Du es auch noch kannst?“ 
Vera sieht mit Angst auf den roten Kindermund, der 
nun so süss und fragend lächelt: 
„Papa — pa pa.“ 
Die Frau setzte das Kerlchen mitten auf den Teppich 
und sie steht, den Oberkörper vorgebeugt, lauschend da. 
Nun die Türglocke. Des Mädchens eiligen Schritt . . . 
Seine Stimme ... O, diese geliebte Stimme, die sie 
immer hörte, in einsamen, langen Monaten. Nun wird 
•die Tür aufgerissen. Freudenbäche stürzen über die Seele 
•der aufjubelnden Frau. Sie fühlt sich umfasst und gegen' 
ein wildklopfendes Herz gedrückt . . . Aber Dr. Götzl 
lässt die Frau dann so schnell aus den Armen gleiten, 
dass sie zurücktaumelt. Sein Blick ist bei. dem kleinen 
Blondkopf, der da auf dem Boden hockt, in den Augen 
ein fragendes Forschen, wie es nur so rein in Kinder 
augen leuchtet. Und der grosse, starke Mann in dem 
verwetzten grauen Rocke kniet plötzlich wie vor einem 
Wunder vor dem kleinen Geschöpfe. Das hebt beide 
Arme und lallt aul: 
„Pa — pa — pa.“ 
Vera Götz hört ein Stöhnen. Wie seltsam es klingt. 
Wie ein unterdrückter Aufschrei. Ist er nicht, glücklich 
über das Kind? Diese stumme Frage brennt in ihr, sie 
wagt sie aber nicht zu stellen. Es wird alles so ganz 
anders, wie sie es sich erträumt hatte . . . Natürlich, es 
ist noch ihr alter Ernst, und doch ist er ihr so fremd. 
Immer wieder blickt sie ihn prüfend in diesen Tagen.an. 
Seine Küsse sind zärtlich, aber das frühere Werben liegt 
nicht darin. Er umarmt sie auch, aber so könnte auch 
ihr Bruder sie umarmen. Nur mit dem Kinde lebt er, 
das lässt er nicht von sich. So dass sie Abends, immer 
einen leichten Kampf haben, wenn das Bübchen ins Bett 
soll. Bekannte will er nicht sehen, „um sich nicht zu 
zersplittern,“ wie er sagt. Verwandte haben sie beide 
nicht. Sie mussten sich immer gegenseitig alles ersetzen 
und alles sein. Nur die junge Malerin, Veras einzige 
Freundin, die darf kommen. Aber auch sie hält sich in 
den ersten Tagen zurück, kommt erst am vorletzten Abend 
bevor sein Urlaub zu Ende geht. Sie kommt mit dem 
feinen Lächeln in dem bleichen Gesicht, das ihr Gesicht 
so seltsam belebt. Sie sieht mit einem forschenden Blick 
in Frau Veras Augen. Sie sagt aber nichts . . . Sonder 
bar gequält und müde blicken die sonst so heiteren Sonnen 
augen der blonden, grossen Frau . . . 
Es ist schon leichte Dämmerung in dem Raume. 
Dr. Götz hat sich tief in einen Sessel gekauert, nr hält 
die Hände seiner Frau. Wie von weither tönt des Kindes 
jauchzendes Lallen. — Die junge Malerin empfindet 
plötzlich die Stille so schwer, so greifbar schwer . . • Sie 
fühlt instinktiv, dieses ist eine Stunde wo diese beiden 
Menschen allein sein müssten. Sie möchte aufspringen, 
und hinauseilen, aber sie bleibt dann doch regungslos 
sitzen. Die grosse, blonde Frau wächst plötzlich auf aus 
ihrem Sessel und steht dann wie unschlüssig in der bläulichen 
Dämmerung. Sie fühlt die gläserne Wand zwischen sich 
und ihm . . . Sie muss heute noch zerspringen, sie will 
es. Sie leidet ja so qualvoll, findet ja nimmer den Weg 
zurück zu den blühenden Rosengärten ihrer gemeinsamen 
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Liebe. Sie kniet plötzlich vor dem Manne und legt ihre 
fiebernde Stirn auf seine Hände. 
„Emst,“ — Das ist eine so zitternd bange Frauen 
stimme, man glaubt die aufgewühlte, leidende Seele zu 
fühlen, aus diesem einen Aufschrei. Der Mann im Sessel 
strafft sich. Sein Blut rauscht. Sein Gesicht zuckt, aber 
das sehen die beiden Frauen nicht. Er beugt sich herab 
und tastet zärtlich über den schimmernden Kopf der Frau. 
Er holt tief Atem. 
„Liebes, — kleines Liebes,“ — dann spricht er leise 
fast zögernd: 
„Du musst mich doch verstehen. — Sieh, als ich 
damals von Dir ging mit fieberndem Blut, noch ganz 
gefangen in der Erinnerung an die heiligste Offenbarung 
unserer Liebe, da habe ich unsäglich gelitten, als ich so 
jäh mitten im Kamgfgewühl erwachte, — erwachen musste. 
Und in den Monaten als sich in deinem Schosse das 
heiligste Wunder vollendete, da sah ich alle Schrecken und 
Qualen des Krieges. Wenn ich an Dich dachte, im gleichen 
Augenblicke wurden mir meine Kameraden von meiner 
Seite gerissen . . . Ich sah das tiefste Leid, die grässlichsten 
Wunden, hörte das Stöhnen und Schreien von vielen, 
vielen, — Kameraden und Feinden. — 
Siehst Du Herzliebes, da habe ich gelitten, wie ich nicht 
noch einmal leiden will. Ich will nicht! Das musst Du 
doch verstehen. Ich will bei Dir sein in dieser heiligsten 
Zeit . . . Ich will mich nicht noch einmal um das Höchste 
und Köstlichste selbst betrügen.“ 
Ein leichtes Geräusch, ein dunkler Schatten gleitet fast 
unhörbar hinaus. Der Sessel der Malerin ist leer .... 
Da wirft die blonde Frau fiebernd ihre Arme um seinen 
Nacken, und sie presst sich wild an ihn. 
„Du hast mich hungern lassen nach Deinen Zärtlich 
keiten in diesen Tagen, Liebster wie habe ich gelitten.“ 
Weich spannen sich die Männerhände um den stolzen 
Frauennacken. Seine Augen gehen über den Raum hinaus. 
In wenigen Stunden schon würde das, was jetzt noch 
warmblühende Gegenwart war, nur noch eine Erinnerung 
sein. Und die Sehnsucht würde wieder mit ihm hinaus 
gehen, diese flammende Sehnsucht. Sie würde ihm wieder 
die Tage schwer machen, dass er müde wurde, unendlich 
müde . . . Und hier blieb sein Weib uud sein Kind. 
Diese Frau, die ihn ergänzte, die sein Bestes und sein 
Heiligstes war. — — 
Von der Strasse herein tönt Kinderlachen, in das sich 
tiefe Glockentöne schwingen. 
Du darfst das nicht sagen Vera, Du musst mich doch 
ganz verstehen. Ich will doch unbeschwert wieder hinaus 
in den Kampf. Fühlst Du das denn nicht? Man kann 
doch nicht über alles sprechen. — Wenn ich an Dich 
denke, so sollen diese Gedanken wie sanft flatternde, weisse 
Tauben sein. Alles licht und sonnig. Keine Sorge darf 
mich belasten in Gedanken an Euch, denn wir brauchen 
da draussen unsere Kraft voll und ganz. — 
Da hebt die Frau den Kopf wie befreit und ein auf 
zuckender Lichtschein von der Strasse her trifft das gold 
schimmernde Haar. Und sie nimmt seine Hände und 
küsst sie. Der Mann wehrt ihr nicht. Er fühlt, sie ver 
steht ihn. Sie war jetzt wieder so nah bei ihm, wie 
früher stets .... Und sanfte Stille senkt sich über den 
Raum . . .
        
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