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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

bewahren, so . . . so müssen Sie ja ge 
fährlich für mich sein.“ 
„So könnten Sie sich vorstellen, dass Sie 
mich lieben?“ flüsterte sie. Man hörte die 
Stimme des Direktors in der Nähe. 
Und indem Albertsen ihren Arm los- 
liess und sich verbeugte, sagte er rasch, 
ohne ihrem Auge zu begegnen; 
„Ja, ja,“ und er eilte fort. 
Inzwischen sass Nelly allein in der ge 
räumigen Garderobe vor dem Spiegel, den 
Blick aut die Eingangstür gerichtet, Wo 
blieb nur Lisse? . . . Nun, wahrscheinlich 
hielt der Direktor einen seiner gewohnten 
dramaturgischen Vorträge! 
Im übrigen war Nelly ganz froh, dass 
sie nicht kam, am liebsten wäre sie ihr heute 
gar nicht mehr begegnet. Sie brachte stets 
viel Unruhe mit. 
Es war doch auch zu dumm, das zwei 
so grundverschiedene Menschen eine ge 
meinsame Garderobe besassen. Doch war 
es die grösste des ganzen Theaters, durch 
aus für zwei Personen berechnet. Und 
schliesslich war Lisse noch diejenige aus 
dem ganzen Ensemble gegen die sie am 
wenigsten einzuwenden hatte. 
Eigentlich standen sie sich ja auch nie 
im Wege . . Nelly gehörte dem Charakter 
fach an — während Lisse meist die heitere 
Liebhaberin gab. 
Aber wie merkwürdig das Zusammen 
spiel zwischen Lisse und Albertsen heute 
gewesen war; ganz ungewöhnlich intim! ... 
Und er hatte ja das Stück übersetzt ... er 
selbst hatte das Ganze zurechtgelegt. 
Das Lisse die unglückliche Nebenbuhlerin 
bekommen hatte, war vielleicht nur ein 
Deckmantel! 
Sie selbst hätte allerdings in der Schluss 
szene mehr Wärme in ihr Spiel legen 
müssen . . . aber sie konnte nicht! Es war 
heute etwas in seiner Art, das sie lähmte . . . 
als ob er in Wirklichkeit die vorziehe, die 
er im Stück verschmähte. 
Sie erwachte plötzlich aus ihren Träume 
reien, als Lisse singend hereingetrippelt kam: 
„Nelly, Nelly, Nelly, Du süsseste von 
allen Nellys, Du sollst die Erste sein, die es 
erfährt!“ Und sie tanzte im Zimmer umher, 
sang und lachte: „Trallalala, Trallalala.“ 
„Hat der Direktor Dich gelobt?“ 
„Der Direktor, der alte Narr, der seufzt 
und schmachtet, wenn er nur die Spitze 
meines kleinen Fingers sieht — nein, Du! 
Aber der schönste Mann von der Welt hat.. 
nein, ich kann unmöglich wiederholen, 
was er gesagt hat!“ 
Nelly warf ihr einen blitzschnellen Blick 
zu, erhob sich und vollendete mit zitternden 
Händen ihre Toilette. 
Der Russische Hof, Hotel Friedrichsbahnhof ^desBotels 
Direktion Wilhelm Krause, Georgenstr. 21-22 
vollständig neu hergerichtet, dem Ausgange des Bahnhof Friedrichstrasse gegenüber. Das 
vornehme behagliche Restaurant ist eine Sehenswürdigkeit Berlins. Treffpunkt der vornehmen 
Welt. Der Eingang ist durch die Hotel-Vorhalle. Der jetzigen Zeit entsprechend ist alles 
aufgeboten worden, den Gästen durch vorzügliche Küche bei mässigen Preisen, gut gepflegte 
Weine, den Aufenthalt in diesen Räumen möglichst angenehm zu gestalten. 
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lOHkitt 
ä Gustav Lohse 
Königl.Hoflieferant 
Berlin. ^ 
„Du bist garnicht neugierig, Nellychen?“ 
„Nein!“ Und ihre Stimme klang unsicher, 
als sie mit strahlendem Antlitz sagte: „Ich 
gratuliere Dir jedenfalls!“ 
Lisse riss ihre Kleider herunter, warf ein 
Stück hierhin, ein anderes dorthin, trällerte 
beständig, betrachtete sich einen Moment im 
Spiegel, sank dann plötzlich in einen Stuhl 
und brach in ein schallendes Lachen aus: 
„Mir fällt eben ein,“ sagte sie, „dass ich 
eigentlich weinen müsste . . . ich bin ja 
von rechtswegen die Verstossene, während 
Du . . .“ 
In demselben Augenblick schloss sich 
hinter ihrem Rücken die Tür. Nelly, die 
schnell ihren Hut aufgesetzt hatte war ver 
schwunden. Still glitt sie zwischen den 
Kulissen hinaus und ginglangsam dieTreppen 
hinunter. Sie hörte noch Lisses durch 
dringendes Gelächter. 
Am Ausgang des Theaters begegnete sie 
Albertsen, der auf jemanden zu warten 
schien. Er sah sie gleichsam fragend an 
und begleitete sie ein paar Schritte. 
Wie fein und vornehm sie in dem grünen 
Strassenkleid aussah, dass ich so weich um 
ihre schlanke Gestalt schmiegte. 
Plötzlich blieb er stehen: 
„Für Sie wird diese Rolle Bedeutung 
gewinnen,“ sagte er. 
„Ich finde sie langweilig.“ 
„Ist das Glück langweilig?“ 
„Ach — das Glück! . . .“ 
„Ja — behagt es Ihnen denn nicht, die 
Bevorzugte zu sein?“ 
Sie sah ihn ernst an. 
„Das kommt darauf an — aber ent 
schuldigen Sie, ich habe Eile.“ 
Und ehe er sich’s versah, war sie fort. 
Mit einem leisen, vielsagenden Lächeln 
blickte er ihr nach und nickte vor sich hin. 
Er hatte recht daran getan, dieses Theater 
stück zu übersetzen. 
Sie aber ging rasch die Strasse hinunter 
. . . Wartete er auf Lisse? 
Ein wenig später stand sie amFenster ihrer 
behaglichen kleinen Wohnung und schaute 
zum Himmel empor, an dem der leichte 
Frühlingswind die weissen Wolken jagte. 
Könnte sie doch mit ihnen fortfliegen 
von allem! Fort von dem Theater mit all 
seinen falschen Bildern! . . Bis jetzt hatte sie 
so fest auf ihn gebaut ... er gehörte zu den 
Ausnahmen . . . bei ihm war dasKünstlerische 
nicht eine unechte Vergoldung, die sich sehr 
bald ab nützt, um dann einen erbärmlichen 
Menschen dahinter sehen zu lassen . . . nein, 
bei ihm war dasKünstlerische und das Mensch 
liche miteinander verwachsen ... So hatte 
sie ihn bisher gesehen . . . Und nun! Nun 
hatte er sich fangen lassen von ein Paar
        
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