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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Schliesslich sagt sie: ,,Sie sind wohl sehr erstaunt? 
Ich vermute, dass es recht ungewöhnlich ist. . . “ 
„Es ist ungewöhnlich. Ich bin auch sehr neugierig.“ 
„Ach, was bedeutet das gegen meine Neugier. Ich 
wollte gern einmal . . (eine Kunstpause) . . den grossen 
Kritiker sehen.“ (Die Ironie im Tonfall ist fein! Wie 
idiotisch muss ich in diesem Moment aussehen.) 
„Und entspricht die Wirklichkeit Ihren Erwartungen?“ 
sagt er mit einem krampfhaften Versuch, ihren leichten 
Ion nachzuahmen. 
Sie lehnt sich in den Stuhl zurück, legt die Finger 
spitzen gegeneinander und betrachtet ihn mit einem ernst 
forschenden Blick, der ihn unerhört irretiert. 
Ja und ein. Es ist gleichzeitig besser und schlimmer, 
als ich glaubte. Ich erwartete einen ungepflegten Philister 
mittleren Alters, vielleicht einen Grobian, und finde statt 
dessen einen wohlgepflegten liebenswürdigen jungen Herrn, 
der vielleicht temperamentlos ist — vielleicht auch nicht, 
der mich aber nach wie vor interessiert.“ 
Er atmete auf. Ja so, sie wollte mit ihm schelten. 
Da ist man doch wieder auf festem Boden! 
„Mein liebes Fräulein,“ sagt er in dem kalten, päda 
gogischen Ion, den er Laufburschen und jungen Mädchen 
gegenüber anzunehmen pflegte, „es tut mir sehr leid, aber 
c ie ntik muss ab und zu auf Kosten der Plumanität 
yorgehen. Glauben Sie mir, mir blutet das Herz, wenn 
ich zuweilen eine kleine Mädchenseele kränke, aber . .“ 
„Nun, nun, nur keine Entschuldigungen! Ich bin nicht 
im geringsten erregt,“ antwortet sie mit funkelnden Augen. 
,, ch wollte nur eine Frage tun: wie können Sie mich 
wie eine Debütantin behandeln? Wissen Sie nicht, dass 
ich sechs Jahre in der Provinz hinter mir habe? Wie 
können Sie es wagen, einen Menschen, den Sie nicht im 
geringsten kennen, ohne Umstände abzufertigen?“ 
„Das war nun aber mehr als eine Frage! Ich will 
die letzte beantworten; weil sie am wenigsten persönlich 
ist und vielleicht zu einer Prinzipiendebatte führen kann. 
Ich beurteile die Leistung als solche. Ich nehme 
keine Rücksicht auf die Person. . .“ 
„Aber das ist ganz verkehrt. Wie können Sie eine 
so persönliche Kunst wie das Theaterspielen beurteilen, 
ohne an die Person zu denken! Dann verlangen Sie das 
eine Mal FTigen und Datteln von einem fruchtbaren Baum, 
und das andere Mal begnügen Sie sich damit, dass er 
gar keine Früchte trägt. Behandeln Sie einen alten 
Schauspieler stets, als wenn er ein neuer wäre?“ 
„Halten Sie einen Augenblick inne! Auf der Bühne 
haben die Bäume andere Gewohnheiten als in der Wirk- 
ichkeit, da kann es verkommen, dass Disteln zuweilen 
eigen tragen — durch ein glückliches Zusammentreffen 
v , oa ^ mst änden. Das Ideal wäre natürlich, jede Vor- 
s , e Un ^ f^ s etwas Neues beurtclen zu können, einen 
a en und bekannten Schauspieler zu betrachten, als wäre 
er me zuvor aufgetreten. Das kann man nicht immer. 
, er Inan sollte sich stets darauf beschränken können, 
as esultat unabhängig zu beurteilen. Man sollte 
or ern, dass der Bühnenkünstler in höherem Grade 
anonym wäre als andere Künstler; wenn er in das 
ampenhcht tritt, ist er Künstler — ausserhalb desselben 
ist er eine gleichgültige Privatperson. 
Georg Neumüller 
Bella Frankhe 
MargaScholz— Erwin van Roy 
W. E. Roesch 
KONZERT: Kapelle Brachfeld 
Täglich Anfang 
7 Uhr 
aturlich ist es ein Unrecht, sich auf das Resultat zu 
beschränken, nicht die natürlichen Gaben des einen, die 
redliche Arbeit des andern in Betracht zu ziehen. Aber 
es muss so sein. Ich kann den Schauspielern nicht in 
j re L rec | an I cenar t>eit oder in ihre technische Arbeit bei 
den 1 roben folgen. Ich kann nicht Gott spielen. In 
allem, worauf es ankommt hier im Leben, in der Politik, 
m der Kunst, in der Liebe — gilt nur eins; dass man 
jr r 0 S ^at. . Ist das nicht der Fall, trotz der herku- 
ischsten^ Arbeit, so gehe man nach Hause und lege sich 
scmaien. 
„Das ist ja ein schöner Trost . . .“ 
„Pein, däs ist kein Trost, es ist die bittere Wahrheit, der 
man ins Gesicht sehen muss. Aber einen Trost kann ich 
nen doch geben: auf die Dauer bedeutet Arbeit unge- 
• ^ U fr Vle1, au ^ d’ 6 Dauer wird es sich zeigen, dass 
intelligente Arbeit Intuition, ein glückliches Temperament 
usw. zu übertrumpfen vermag.“ 
.. ”^ un > Lh danke Ihnen sehr. Das klingt so schön, als 
wäre es aus einem Sonnlagsschulbuch genommen. Aber 
mich erfreu! 65 nicht Wie lan S e soll es dauern, bis 
ehrliche Arbeit Anerkennung findet? Und übrigens 
was das Resultat anbetrifft, das allein beurteilt werden 
50 warum gehen Sie nicht jeden Abend ins Theater 
und schreiben eine neue Rezension — denn jeder neue 
^ end bringt ein neues Resultat, wie Sie wohl wissen.“ 
„Mein liebes Fräulein, wollen Sie mich durchaus im 
Irrenhaus sehen?“ 
Es ensteht eine Pause in der Diskussion. Sie antwortet 
nach einem Weilchen mit einem spitzen Lächeln: 
„Ihre Person interessiert mich nicht mehr, mein bester 
Herr. Das ist ja eine Prinzipiendebatte!“ 
Dann sitzen sie eine Weile und sehen sich an, beide 
ein wenig belustigt, doch gleichzeitig einander beobachtend. 
Schliesslich sagt er: 
„Aber warum haben Sie sich erst die Mühe genommen, 
mich zu besuchen, wenn Sie mir das sagen wollen?“ 
„Ich finde, dass die Rezensenten wissen müssen, was wir 
denken. Die Sache ist nicht so einfach, wie Sie glaubten. 
Sie müssen uns als Personen betrachten und nicht als 
Marionetten. Auf der Bühne sind wir alle gleich, alle 
haben wir Möglichkeiten. Ich habe dieses Mal die Haupt 
rolle, doch im t nächsten Monat wird mir vielleicht eine 
Kollegin, die jetzt nur Statistin ist, zuvorkommen. Aber 
in Wahrheit sind wir sehr verschieden. Lernen Sie uns 
kennen, und Sie werden leichter sagen können, wer 
Prinzessin und wer Kammerjungfer sein sollte. Dann 
werden Sie ein wirklicher Beurteiler, ein wirklicher 
Richter sein.“ 
„Nein, nein, nein. Sie haben mich nicht überzeugt. 
Ich bin noch immer unbekehrt. Sie haben mit diesem 
Besuch nichts gewonnen, es ist schade, lässt sich aber 
nicht ändern.“ 
Sie lacht auf, eihebt sich und beugt sich über den 
Tisch, die Hand auf die Fingerspitzen stützend. 
„Sind Sie dessen ganz sicher?“ sagt sie mit glänzenden 
Augen. „Habe ich nichts gewonnen? Ja, ja, ja! Sie 
werden von nun an nie mehr über mich schreiben können 
als wäre ich eine lotterige kleine Anfängerin. So oft Sie 
meinen Namen schreiben, werden Sie dieses Gespräches 
gedenken, und Sie werden sehr höflich sein!“ 
Und mit einer triumphierenden anmutigen Neigung 
des Kopfes schwebt sie aus dem Zimmer. 
„Geschlagen!“ sagt der Kritiker und steckt explosiv 
die Hände in die Hosentaschen. „Geschlagen von einer 
Provinzaktrice! Donnerwetter!“ 
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zember 1917. Mit den Bildnissen der Mitarbeiter. Von Haupt 
mann d. L. Hoecker. — Preis 1.— Mk. — Druck und Verlag 
der Liller Kriegszeitung. 
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G. Schmechten 
Gegründet 1853 
Hol - Pianolorf e - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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