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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

erklärte, dass sie das Haus verlassen würde an dem 
Tage, da er sich mit Sophie verbände. 
So musste also weiter gewartet werden, bis Fräulein 
Märta aus dem Nest fliegen würde.“ 
„Nun und . . . wo ist das gnädige Fräulein jetzt?“ 
„Sie hat sich vor einiger Zeit mit einem Provinzarzt 
in Jämtland verheiratet. Glücklich, glaube ich . . .“ 
„Aber da gab es doch wohl endlich kein Hindernis 
mehr, und die Treue konnte nun ihren Lohn finden?“ 
Frau von Schantz spitzte den Mund in einer unnach 
ahmlichen Weise, rieb sich behaglich den Unterarm mit 
dem Schildpattschaft ihrer Lorgnette und sagte mit 
scharfer Betonung einzelner Worte: 
„Als Märta schliesslich fortkam, war der Jägermeister 
ein alter Mann von siebenundfünfzig Jahren, und Sophie 
selbst hatte bereits das dreiundvierzigste erreicht. Und 
da fanden wir . . .“ 
„Wir? Ah, Sie gehören auch zu der menschlichen 
Vorsehung, Frau Schantz?“ 
„Wie meinen Sie . . .? Nun, ich bin eine alte 
Freundin der Familie“, ihre Stimme nahm die Schattierung 
gekränkter Würde an, „und da ist es wohl nicht weiter 
erstaunlich, wenn man mich bei wichtigen Angelegen 
heiten zu Rate zieht. Kurz — wir fanden, dass sie zu 
alt geworden sei. Und hatte sie es denn auch nötig, 
ihr ganzes Leben lang dazusitzen und zu warten, bis es 
ihm passen werde zu kommen und sie zu nehmen? Nun 
mochte er ihr nachschmachten.“ 
„Aber Tante Sophie . . . hatte sie denn garnichts zu 
sagen in dieser Sache?“ 
„Sophie wollte nichts gegen den Willen derer tun, 
unter deren Dach sie ihr ganzes Leben zugebracht hatte, 
und die gewissermassen ihre Vertreter waren. Das finde 
ich sehr schön von ihr. Und im übrigen ist sie 
ja nun ein alter Mensch geworden, erfahren, klug und 
resigniert.“ 
Während Frau Schantz diese Worte sprach, suchte 
mein Blick die Gruppe in dem Verandawinkel. Und 
Atännrqucllc 
was sah ich da! Tante Sophies feste weisse Hand 
begegnete der des Jägermeisters in einem verstohlenen 
Druck, während die Farbe auf ihren Wangen hastig 
wechselte. In der nächsten Sekunde warf sie einen 
scheuen Blick ringsum, wie ein Schulmädchen, das von 
jemandem ertappt zu werden fürchtet. 
„Wollen wir nicht ein wenig durch den Park gehen, 
Frau von Schantz?“ 
In der Dämmerung fuhr der Wagen des Jägermeisters 
an der Treppe vor. 
Ich glaube nicht, dass er und Tante Sophie auch nur 
fünf Minuten für sich allein gehabt hatten. Aber als der 
Wagen die Strasse hinunterfuhr, stand sie an ihrem 
Giebelfenster und sah ihm nach, das Taschentuch an 
den Mund gepresst. Der Widerschein in des nun, 
nach dem Sonnenuntergang kaltgrünen Abendhimmels 
verlieh ihrem jungfräulich klaren Antlitz eine feierliche 
Bleichheit. 
Wartete sie noch immer? 
Geschlagen! 
Von August Brunius. 
Autorisierte Uebersetzung aus dem Schwedischen von Rhea Sternberg. 
(Nachdruck verboten.) 
An einem grauen Vormittag sitzt der Theaterkritiker 
in seinem Arbeitszimmer und sieht zu, wie die wässerigen, 
schweren Schneeflocken herniederschweben. Er schneidet 
ein Theaterstück auf, blickt gelangweilt au! die eine und 
andere Seite, gähnt ein mörderliches Gähnen und schaut 
wieder zum Fenster hinaus. Ach, dieser schwedische 
Herbst, ach diese graue Oede! Eine Sensation, ein 
Königreich für eine Sensation! 
Da geschieht etwas. Der Portier der Tageszeitung 
stapft herein, mit einer Miene, als dächte er an etwas 
Amüsantes und legt dem Rezensenten eine Visitenkarte vor: 
„Eine Dame, die den Herrn . . .“ 
„Eine Dame?“ Er nimmt die Karte, und plötzlich 
steigt ihm das ganze Herzblut ins Gesicht. Sie — die 
Schauspielerin — sie, die er . . . Zum Donnerwetter . . 
Der Diener betrachtet nachdenklich seine Fingerspitzen: 
„Vielleicht ist Herr C. beschäftigt . . .“ 
„Nein, warten Sie! Wie sieht sie aus?“ 
Der Diener wechselt die Stellung, lächelt, hüstelt 
diskret. 
„Tja — na — nicht übel . . .“ 
„Eh, ich meine, sieht sie wütend aus? Zankt sie?“ 
„Ach nein, nein, ja, das heisst . . .“ 
Nun, lassen Sie sie herein 1“ 
Der Diener verschwindet. Die Pause wird dazu 
benutzt, rasch einen kleinen Spiegel aus der Westentasche 
zu fischen, das Gesicht in die rechten Falten zu ziehen 
und energisch den Schnurrbart zu glätten. — Du lieber 
Gott, da war ja nun die Sensation. 
Eine junge Dame von angenehmem Aeusseren, elegant 
aber diskret gekleidet, tritt ein. Begrüssung. Das ge 
wöhnliche: „Bitte nehmen Sie Platz. Womit kann ich 
Ihnen dienen. . . ?“ 
Sie setzt sich ihm gegenüber an den Schreibtisch, 
trommelt leicht mit den Fingerspitzen auf die Platte, 
lächelt leise. (Na, ich danke, sie ist recht unbefangen!) 
Er erwidert ihren Blick mit sphinxartig unbeweglichem 
Gesicht. (Was denkt sie?) 
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