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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Weinglases hinweg dem Blick des Jägermeisters be= 
gegnen musste. Doch wechselten sie kein Wort 
miteinander. 
Als sie sich vom Tisch erhob, glühten ihre 
Wangen. Ein junges Mädchen, das sein erstes 
holdes Geheimnis bewahrt, hätte nicht von lieb» 
lieberem Reiz strahlen können, als sie, während sie 
mit ihrem jugendlich elastischen Gang und der 
auf der festen Gestalt wie angegossen sitzenden 
Kleidung am Arm ihres Tischherrn, eines rheu 
matischen früheren Dozenten zum Kaffee auf die 
Veranda hinausschritt. 
Ich wandte mich an meine Tischdame, Frau 
von Schantz, die, seit langem verwitwet, bereits ein 
undzwanzig Jahre hier in der Pension lebte und 
nunmehr ausser ihrer Neurasthenie nur noch ein In 
teresse hatte, das sie an das Leben band — die 
Angelegenheiten anderer. 
„Ist es nicht merkwürdig, dass eine solche Frau 
ihre Bestimmung verfehlen konnte?“ sagte ich, den 
Blick auf Tante Sophie gerichtet. 
„Ihre Bestimmung? Was meinen Sie damit?“ 
„Das Glück an der Seile eines Mannes.“ 
„Ach, wissen Sie denn nicht, wie das zusammen 
hängt?“ 
ünd Frau von Schantz Stimme nahm einen lebhaften 
Fon an bei der Entdeckung der bedeutenden Lücke in 
meiner Kenntnis der Chronik des Hauses. Diese Lücke 
in der nächsten Vieitelstunde auszutüllen, sollte also ihr 
zufallen. 
„Sehen Sie, Tante Sophie hatte viele Bewerber. Wie 
Sie sich wohl denken können. Sie hatte zu allen nein 
gesagt — aus Treue für diesen hier.“ 
Die Dame neben mir hob die Lorgnette und warf dem 
Jägermeister einen Blick zu. 
„Treue?“ 
„Ja. Sie hat — gestatten Sie einen Augenblick — 
26 Jahre lang gewartet. Als er hier stationiert wurde, 
war er bereits Witwer mit einer fünfjährigen Tochter. 
Eine ältere Schwester der Verstorbenen führte ihm das 
Haus. Dieses Fräulein Mobers wusste, was sie wollte! 
Ihre Schwester hatte sie aut dem Sterbebett angewiesen, 
an ihrer Stelle für ihre kleine Märta eine Mutter zu sein, 
und diese Aufgabe nahm sie sehr ernst, denn das ver 
schaffte ihr Autorität.“ 
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„Sie sind ein wenig boshaft gegen Fräulein Mobers.“ 
„Ach, Sie hätten sie kennen müssen. Sie war ein 
Reibeisen. Aber sie wollte auch Klem-Märtas Stiefmutter 
werden, und vielleicht hätte sie selbst hierin ihren Willen 
durchgesetzt. Denn er gehört zu diesen Aermsten, die 
stets unterliegen und um des lieben häuslichen Friedens 
willen auf alles eingehen. Und es wäre ihr auch all 
mählich gelungen, ihn davon zu überzeugen, dass es der 
innigste Wunsch seiner verstorbenen Frau gewesen sei. 
Aber da begegnete ihm Sophie. Sie hätten Sie damals 
sehen sollen, der Sie sie jetzt noch so sehr bewundern.“ 
Ich schloss die Augen und beschwor das Bild einer 
20jährigen Sophie hei auf, das ich in dem Familienalbum 
gesehen hatte. Ein paar schwere braune Zöpfe um den 
weichen runden Kopf, tiefe fragende Augen, blumen 
lieblicher Mund, ein schlanker weisser Hals in dem breiten 
altmodischen Spitzenkragen. 
„Es ist nicht zu verwundern, dass er sich in sie ver 
liebte,“ fuhr Frau von Schantz fort, „er sowohl wie alle 
anderen Männer, die auf das Gut kamen. Aber das Un 
glück wollte, dass die schüchterne, stolze Sophie, nun 
auch das erste Mal verliebt war, in. ihn. . .“ 
„Ebenso wie sie es noch heute ist,“ murmelte ich un 
willkürlich. 
„Wie? . . . Ach so! Nein, nun ist sie Gott sei Dank 
darüber hinweg. Und das ist noch nicht gar so lange. 
Nun also, die^Sache konnte Fräulein Mobers natürlich 
nicht lange entgehen. Und sobald sie dahinter gekommen 
war, setzte sie alles darein, eine Verbindung zwischen 
den beiden zu verhindern. Sie machte ihm seine Untr- ue 
gegen seine verstorbene Frau zum \ orwurt, die erst 
wenige Jahre unter der Erde hege. Und wolle er der 
kleinen Märta eine andere Mutter geben als die von ihrer 
Schwester für sie bestimmte, so würde sie sein Haus so 
fort verlassen, obwohl sie dann ohne Heim ohne ein Dach 
über dem Kopf stände. Sie habe wirklich einen anderen 
Dank erwartet für ihre Fürsorge und Hingebung — 
hier weinte sie ein rührendes Weinen, vermute 
ich — doch sie wolle niemandem im Wege 
stehen. . . . Nun ja, Sie wissen, welche Mittel 
Frauen in einem solchen Falle anwenden.“ 
Ich nickte. 
Sie entblödete sich nicht, in Umlauf zu setzen — 
darauf berechnet, ihm zu Ohren zu kommen — von 
Poussaden, die Sophie mit anderen Männern habe. 
Sophie und poussieren! Und es gelang ihr ausser 
dem, hier auf dem Gut den Glauben zu erwecken, 
dass er nicht mehr frei sei. Nun, die beiden 
Liebenden mussten sich damit begnügen, sich heim 
lich verlobt zu wissen. Doch ich erinnere mich 
Sophiens aus diesen Jahren! Sie ging in den Zimmern 
hier umher, stiller als gewöhnlich aber mit einem 
nach innen gekehrten glücklichen Lächeln auf den 
Lippen. Ich hätte zuweilen nicht übel Lust, sie 
ordentlich aufzurütteln, wenn ich all ihre erstaun 
liche Geduld sah. 
Ich habe oft darüber nachgedacht, wie sie sich 
die Zukunft damals eigentlich vorgestellt haben 
mochte. Aber ich vermute, sie wartete auf den 
Zeitpunkt, da die Tochter grösser sein und keiner 
mütterlichen Pflege mehr bedürfen würde.“ 
Frau von Schantz machte eine Pause, um den Jäger 
meister durch ihre Lorgnette zu betrachten, als er sich 
eben Sophie und ihren rheumatischen Dozenten näherte. 
„Nun, die Jahre vergingen, und eines Tages starb 
Fräulein Mobers an einer Lungenentzündung.“ 
„Sieh da! Und nun. . .“ 
„Ach nein! Sie hinterliess ein Testament. Als sie 
starb, war Märta vierzehn Jahre alt. Sie hatte ja die 
Tante beständig um sich gehabt, und es war tatsächlich 
ganz merkwürdig, wie sie ihr mit jedem Jahr ähnlicher 
geworden war. Dieser scharte Zug um die Mund 
winkel . . . Nun, als Fräulein Mobers die Erde verliess, 
war Märta bereit, ihren Mantel aufzunehmen. Der Hass 
gegen Sophie war das von der Tante hinterlassene 
Testament. Und sie widersetzte sich der Heirat des 
Vaters mit aller Kraft, peinigte ihn bis aufs Blut und 
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ohne ärztliche Untersuchung. 
Jeder Kriegsteilnehmer, auch der schon an der Front stehende, findet Auf 
nahme. Im Todesfälle sofortige Auszahlung d. voll. Versicherungssumme. 
Nach Beendigung des Krieges Umwandlung in normale Lebensver 
sicherung unter Anrechnung eines Teils der gezahlten Prämie. 
Deutscher Anker 
Pensions- und Lebensversicherungs-Akt.-Ges. 
Berlin W 9, Eichhornstrasse 9.
        
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