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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Menschliche Vorsehung. 
Von Arthur Moeller. 
Uebersetzt aus dem Schwedischen von Rhea Sternberg. 
(Nachdruck verboten.) 
In einem alten Gutshaus war es, wo meine Aufmerk 
samkeit auf sie gelenkt wurde. In den geräumigen 
Gemächern mit hohen Lehnstühlen, mächtigen Kerzen 
kronen, dunklen Vorhängen, bewegten sich viele fremde 
Gestalten, auf die die Familienbilder in den ovalen Rahmen 
an den Wänden mit Naserümpfen und hochmütigem Un 
willen herabzublicken schienen. Dieser alte Herrensitz 
war nämlich nunmehr eine Ruhestätte für verbrauchte 
Nerven geworden. Und rings um die lange Table d’hote 
sah man eine Auslese jener Typen, die in allen Pensionen 
umzugehen scheinen und die Goethesche Betrachtung 
herauf beschwören: „Wären sie Bücher, ich würde sie 
nicht lesen.“ 
An ihr aber war etwas, dass die Leselust erregte — viel 
leicht, weil man sofort ahnte, dass sie ein verschlossenes Buch 
war, mit einem silbernen Schloss, wie die alten Stamm 
bücher auf den mit Rosenholz eingelegten Salontischen. 
Sie gehörte zum Hause, wie jene. Sie war eine Base 
der Wirtin, und die Kinder nannten sie „Tante Sophie.“ 
Man hatte mir versichert, dass sie bereits sechsund 
vierzig Jahre alt sei. Das erschien undenkbar angesichts 
ihres Ganges, ihrer geschmeidigen Gestalt, ihres klaren, 
rosigen Teints, in dem man nur bei genauester Prüfung 
ein paar feine Augenrunzeln entdecken konnte. 
Aber, wie gesagt, die Damen der Pension hatten sich 
Gewissheit darüber verschafft und wussten meine Zweifel 
zu besiegen. Ihr grosser Hfer dabei war übrigens durch 
aus psychologisch erklärlich. Denn sie war die Schönste 
von allen. Es Hess sich ausser ihrem Alter kein Makel 
finden an „Tante Sophies“ Schönheit. Sie übertraf die 
zwanzigjährigen Pensionärinnen sowohl in der aufrechten 
Haltung wie in der holden Frische des Mundes und dem 
warmbraunen Glanz der Augen. Aber sie war aut dem 
Wege, eine alte Jungfer zu werden, man durfte mitleidig 
lächeln über sie — 
Und war sie gleich ein Phänomen, so war sie doch 
nicht einzig in ihrer Art. In der Bibliothek hing ein 
Bild von einer anderen Sophie, der Schwester ihrer Gross 
mutter. Sie trug einen koketten Schäterhut, und in ihrem 
rechten Mundwinkel sass eine „mouche.“ Und von dieser 
Sophie wusste die Familienkronik zu erzählen, dass sie sich, 
nachdem sie die fünfzig überschritten, noch ihre ganzen 
weiblichen Reize bewahrt hätte und eine gewaltige 
Herzensbrecherin gewesen sei, um deretwillen nicht nur 
Freundschaftsbande zerrissen worden seien, sondern auch 
heissblütige junge Männer die Pistolenmündungen auf 
einander gerichtet hätten. 
Wenn die Dämmerung, beschleunigt durch das dichte 
Laub der alten Ahornbäume vor den Fenstern, lautlos 
den Raum vor den in dicht geschlossenen Gliedern auf 
gereihten Büchern in Besitz nahm, geschah es zuweilen, 
dass meine müde gelesenen Augen sich von den Seiten 
di s Huches zu dem Bilde mit dem Schäferhut erhoben. 
Und dass dann der Blick aus dem Bilde mich traf wie 
ein Stoss, so frappant war die Aehnlichkeit in dem 
traumhaften Dämmerlicht. Und doch war der Ausdruck 
um den Mund ein völlig anderer. Bei der Hofdame an 
der Wand war es, alz küssten die Lippen einander, und 
die weichen Mundwinkel, wie das runde Kinn erzählten 
von einem Leben voller Genüsse und von befriedigten 
Launen. Bei der lebenden Sophie aber lagen die Lippen 
aufeinandergepresst, als wären sie übereingekommen, das 
Geheimnis einer einsamen Sehnsucht und einer lebens 
langen Entbehrung zu bewahren. 
Doch hatte Tante Sophie keineswegs etwas Strenges 
oder Asketisches. Sie war scheinbar von gleichmässigstem, 
heiterstem lemperament. Aber trotzdem sie ihrer zweiten 
Natur so liebenswürdig Gewalt anzutun vermochte, sollte 
es mir gelingen, dem Rätsel ihres Wesens auf die Spur 
zu kommen. 
Unmittelbar vor Tisch hielt eines Tages ein gelber 
Einspänner vor der Treppe des Gutshauses. Aus dem 
Wagen stieg _ ein sechzigjähriger Mann von mittlerer 
Grösse, mit einer grünkarierten Mütze, einer Joppe und 
Sporthosen. In der Haltung des Mannes und vor allem 
in seinem suchenden Blick, als er die Treppe heraufstieg, 
lag eine heimliche Unsicherheit, die in merkwürdigem 
Gegensatz stand zu seiner breiten, kräftigen Gestalt. 
Die Art, in der er in der Halle von der Wirtin 
begrüsst wurde, erschien mir auch recht lau, wenngleich 
erwärmt von einem gewissen Erstaunen über seinen Besuch. 
Doch blieb der Mann über Tisch und wurde den 
Pensionären als Jägermeister Alm vorgestellt. Er erwies 
sich als eine scheue und etwas müde Natur, einer von 
jenen, die am liebsten Meinungsverschiedenheiten aus- 
weichen. Er schien auch gewissermassen ängstlich sich 
selbst zu bewachen, als wisse er sich in einer Gesellschaft, 
in der es nicht an kritischer Beobachtung mangelt. 
Meine besondere Aufmerksamkeit erregte die Art, in 
der er von unseren Wirten behandelt wurde. Der pen 
sionierte Major mit seiner lauten Stimme brachte dem 
Jägermeister eine lärmende Herzlichkeit entgegen, die aber 
einen Beigeschmack von beschützender Geringschätzung 
hatte. Es wirkte geradeherausgesagt, als wolle er den 
anderen irgendwie aufs Glatteis führen. Der Gast dagegen 
schien unter diesem wohlwollenden Schulterklopfen nicht 
frei von einer gewissen Gene, war aber bemüht, Haltung 
zu bewahren. 
Bei Tisch Hess eine kleine Episode einen besonderen 
Eindruck in mir zurück. Tante Sophie, sonst, wie bereits 
erwähnt, nicht etwa auf Kosten anderer moralisierend oder 
schroff ablehnend, sondern vielmehr eine heitere Dame 
der Gesellschaft, in den Augenwinkeln einen Schimmer 
von der schelmischen Rokokostimmung ihrer Grosstante, 
war heute nicht sie selbst, sie war scheu und verschlossen. 
Beim Nachtisch erzählte einer der Pensionäre eine Anek 
dote von allerdings recht erotischer Art, aber keineswegs 
mehr „chocking“ als andere, die alltäglich in dieser nicht 
übermässig zimperlichen Tafelrunde autgetischt zu werden 
pflegten. Da fiel mein Blick zufällig auf Tante Sophie. 
Ihr Gesicht war purpurrot geworden, als sei sie eine 
Konfirmandin, und sie bohrte den Blick tief in das 
Muster ihres Tellers ein. — — 
Zu Ehren des Gastes wurde zum Nachtisch ein Glas 
Amontillado aufgetragen. Tante Sophie erwiderte nur 
vorsichtig nippend, wenn man ihr zutrank, und ein Zittern 
huschte über ihre Lippen, als sie über den Rand des 
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