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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

nicht zu unterscheiden, ob sie es ernsthaft 
oder scherzhaft genommen haben wollte: „Die 
Losung: „Selbst ist der Mann! 11 kann man 
gelten lassen. Aber vom mütterlichen Stand 
punkt aus nur mit einem Vorbehalt: nicht 
über den Krieg hinaus darf sie gelten! Was 
sollte aus unseren armen Töchtern werden, 
wenn Ihr ledigen Männer in allen Stücken 
selbständig heimkehrt? Wenn Ihr gelernt 
hättet, Euch mit allem einzurichten und ab 
zufinden? Würdet Ihr das Heiraten nicht 
noch mehr verschwören? Glauben, es geht 
auch weiter so, wir sind uns selbst Halt und 
Hülfe genug?“ — 
O dreimal gesegnete Mutter, die so frei 
mütig die Rechte der Töchter vertrat! 
Von dieser Seite kam ihm die Ermunte 
rung! Und er hatte sich schon das Zeichen 
zum Aufbruch gegeben — zum Aufbruch 
und Rückzug. 
Hier war ein Angriff noch nicht aussichtslos, und 
endete er mit einer Niederlage, er hatte sich ihrer nicht 
zu schämen; er handelte nur im Sinne dieser klugen, 
lebenskundigen Frau und trat gleichzeitig für die 
Kameraden ein. 
„Seien Sie versichert, dass Ihr Vorbehalt auch der 
unserige ist, gnädige Frau!“ erklärte er, sah aber eigen 
tümlicherweise dabei Fräulein Dora an. „Ich habe noch 
keinen Kameraden eine andere Ansicht äussern hören. 
Darum freuen wir uns ja auf die Heimkehr, weil dann 
das Aufsichalleinangewiesensein ein Ende haben wird 
und zarte Frauen uns im Kriege hart und rauh gewordene 
Männer wieder zu milderen Sitten und Bräuchen zurück 
führen werden. Und Halt und Hülfe — ach, so vielen 
werden sie erwünscht sein! Allen denjenigen schon, die 
nicht in so tadelloser körperlicher Form zurückkommen 
wie sie hinauszogen. Auch ich bin einer davon, bin 
nicht mehr ganz unbeschädigt.“ Er hob die linke Hand. 
„Der Handschuh verhüllt wohltätig, v/as an ihr unvoll 
ständig ist. Und noch hat der Kampf nicht ausgetobt. 
Auch um den Rest dieser Vorderflosse kann mich schon 
am ersten Tage nach dem Urlaub eine Kugel oder ein 
Granatsplitter bringen. Aber nun möchte ich um eine 
Auskunft bitten: Werden unsere Töchter, für die Sie, 
gnädige Frau, so eindringlich plädierten, uns auch in 
etwas mitgenommener Verfassung haben wollen? Werden 
Luxus Düfte 
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Und dabei sah er wieder nicht die gnädige Frau, 
sondern ganz gross und forschend Fräulein Dora an. 
Ihr Blick ruhte auf seiner verstümmelten Hand. So 
weich hatte er sie noch nicht blicken sehen. Und als 
sie das Auge zu ihm erhob, las er darin das Ja. 
Die Begegnung. 
Skizze von Julius Driesen. 
(Nachdruck verboten.) 
Als Oberleutnant Köhler von dem russischen Kampf 
platz nach dem westlichen kam und mit seiner Kompagnie 
den flandrischen Boden betrat, empfand er eine grimme 
Freude. Wohl hatte er mit nie geschwundener Be 
geisterung und nimmer erlahmendem Mut und Eifer für 
das Vaterland gefochten, aber nun es gegen die Engländer 
ging, fühlte er eine noch erhöhtere Schwungkraft in sich. 
Ungeduldig erwartete er die Gelegenheit, gegen den 
englischen Feind kämpfen zu dürfen. 
Ihn erfüllte ein jäh erwachter Hass, ein Hass, der 
seinen ganz persönlichen Ursprung hatte und schon lange 
in ihm geschlummert. Seit jenen bösen Tagen, da ein 
Engländer es war, der ihn um sein Lebensglück gebracht 
hatte. 
Das war nun sechs Jahre her und in diesen sechs 
Jahren hatte es für ihn keine Freude mehr gegeben. 
James Harris, dem er das bittere Erlebnis zu danken 
hatte, war sein Kollege gewesen. Beide nahmen sie in 
der grossen elektrotechnischen Fabrik eine gute Stellung 
ein, beide standen sie als Oberingenieure, die ihr Fach 
zur vollsten Zufriedenheit ausfüllten, bei ihrem Direktor 
in hohem Ansehen. Er zog sie, als geschätzte Mitarbeiter, 
in den Kreis seiner Familie. 
Köhler ging seit Jahren in der Villa seines Direktors 
als Freund des Hauses aus und ein. Und er trug sich 
mit Hoffnungen, die sich zu erfüllen schienen. Denn 
Leni, des Direktors jüngste Tochter, sah ihn gern. Sie 
Hess sich seine Huldigungen gefallen und bevorzugte ihn 
sichtlich vor den anderen Herren ihres Krei 
ses. Und sein Direktor, der den befähigten 
Mitarbeiter, der selbst einer wohlhabenden 
Berliner Familie entstammte, ausserordentlich 
schätzte, bezeugte ihm, unabhängig von aller 
geschäftlichen Tüchtigkeit, ein starkes persön 
liches Wohlwollen und schien gegen eine 
Werbung um die Hand der Tochter nichts 
einwenden zu wollen. 
Doch seine Zukunftsträume von Liebes 
glück und Familienfreuden wurden zerstört, 
als James Harris auf der Bildfläche erschien. 
Wie es geschehen, wie Leni ihn so schnell 
aufgeben und sich dem andern zuwenden 
konnte — noch jetzt vermochte es Köhler 
nicht zu begreifen Aber was sie auch 
immer beeinflusst haben mochte — er musste 
sich mit der Tatsache abfinden, dass es dem 
kalten, nüchternen, berechnenden Engländer 
gelungen war, ihm Leni zu entfremden und 
sie ihm zu entreissen. In dem Kampf um die Liebe 
unterlag er dem englischen Rivalen. 
Ein halbes Jahr, nachdem James Harris Leni kennen 
gelernt, war sie bereits seine Frau. Bald nach der 
Hochzeit war Harris mit ihr nach London übergesiedelt, 
um in ein gleiches Unternehmen, wie das seines 
Schwiegervaters, als Teilhaber einzutreten. 
Leni sollte nicht glücklich mit ihm leben und es 
nach den ersten Mona'en des Rausches bitter bereut 
haben, die Ehe eingegangen zu sein. Köhler entnahm 
es kurzen Andeutungen, die ihm sein Direktor machte, 
dessen Haus er gemieden, seit jener grossen, immer 
noch nicht überwundenen, bitteren Enttäuschung seines 
Lebens. 
Die Aufregungen, Anstrengungen und Entbehrungen 
des Krieges, die ihm wie eine Erlösung aus schwerer 
Seelennot dünkten, hatten ihn zeitweise die Zerstörung 
seines Glückes vergessen lassen. Die Härte der Gegen 
wart verdrängte die Vergangenheit mit ihren weichlichen 
Gedanken. Aber nun, da er in Flandern gegen die 
Engländer stand, nun schnellten Wehmut, Bitterkeit, 
Gram und Zorn wieder an die Oberfläche der Seele. 
Er hatte erfahren, dass Harris als englischer Offizier 
Kriegs-Lebensversicherung 
ohne ärztliche Untersuchung. 
Jeder Kriegsteilnehmer, auch der schon an der Front stehende, findet Auf 
nahme. Im Todesfälle sofortige Auszahlung d. voll. Versicherungssumme. 
Nach Beendigung des Krieges Umwandlung in normale Lebensver 
sicherung unter Anrechnung eines Teils der gezahlten Prämie. 
Deutscher Anker 
Pension»- und Lebensversicherungs-Akt.-Ge». 
Berlin W 9, Eichhornstrasse 9.
        
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