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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Annunziata. 
Von M. L. Evau. 
(Nachdruck verboten.) 
„Sei nicht traurig Maria, zu Weihnachten gibt es den 
ersten Urlaub. In acht Wochen auf Wiedersehen!“ Der 
Zug war schon im Fahren, als der Rittmeister diese 
Worte seiner Frau zurief, die im schneidenden Oktober 
wind vor dem Bahnhof stand und mechanisch winkte. 
Immerzu, immerzu mit dem weissen Tuch. Der Zug 
war schon lange verschwunden, sie wusste es nicht. Sie 
stand und winkte, die dunklen Augen starr das Weite 
durchbohrend. Da drüben, wo die grauen Wolken 
zogen, war Krieg; da flogen die Kugeln Tag und Nacht. 
Dorthin fuhr ihr Mann — bald war er da — heute 
schon ■— oder morgen. Dann kamen die Kugeln und 
die eine, die traf ihn, dass er nie mehr aufstehen 
konnte — nie mehr. Er kam nicht zu ihr zurück — 
auch nicht zu Weihnachten — er Hess sie allein für 
immer, ganz allein. 
Langsam sank sie zusammen und glitt zur Erde. 
Erschrocken lief der Vorsteher herbei. Er winkte dem 
Weichensteller. Zusammen trugen sie die junge Frau 
nach ihrem Wagen. Sie kam wieder zu sich und lächelte 
verstört. Der Kutscher mit dem schneeweissen Haar und 
dem verrunzelten Gesicht, der vom Altenteil wieder stolz 
in Stall und Geschirrkammer eingezogen war, als die 
jungen Burschen ausrückten, wickelte seine Herrin in 
die Decke, schloss die Wagenfenster uud fuhr nach 
Hause, was die steifen Gäule hergeben wollten. Dabei 
rannen ihm die Tränen herunter und nach Art alter, 
einsamer Leute murmelte er vor sich hin: „Der Herr 
kommt nicht zurück. Ich weiss es, ich fühl’ es; bei 
meinem August hab’ ich es auch vorher gewusst. Der 
Herr kommt nicht zurück.“ 
Kaum vier Wochen waren vergangen, da schrieben 
Kameraden schonungsvoll die Todesnachricht. Maria 
war nicht die Frau, die mit hocherhobenem Kopf und 
tapferem Herzen das Schwere auf sich genommen, das 
der Krieg den zurückbleibenden Frauen gebracht. Sie 
hatte es nicht glauben wollen, dass auch für ihren Mann 
die Stunde des Ausrückens kam. Fest hatte sie ge 
glaubt, dass der Besitzer der grossen Fabrik zu Hause 
am notwendigsten sei. Sie hatte nie erfahren, dass er 
selbst es möglich gemacht, wegzukommen und seinen 
Ausmarschbefehl ersehnte. 
Stumpf lebte Maria ihr stilles Leben. Der grosse 
Garten lag tief verschneit, im Hause hörte man keinen 
Laut. Sie wollte keine Besuche, die Geschwister waren 
im Reich verstreut. Sie fühlte sich auch körperlich so 
matt — so krank. Schon die letzten Wochen vor ihres 
Mannes Abreise hatte sie sich elend gefühlt, aber ihm 
zu Liebe jede Schwäche unterdrückt, nie davon ge 
sprochen. Es wurde nicht besser. Den Arzt Hess sie 
nicht kommen, obgleich die geängstigte Jungfer sie zu 
überreden suchte. 
Weihnachten kam. Ein Baum stand in Maria’s 
Zimmer. Weisse Lichter und langes Silberhaar 
schmückten ihn. Der Weihnachtsbaum ist nicht nur ein 
Freudenbaum. Auch tiefstes Leid kann ihn anzünden, 
kann Erinnerungen um die Zweige spinnen, die dem 
Traurigen sich enfgegenstrecken. Es war dunkel im 
Zimmer. Weiss leuchtete der Schnee durch die hohen 
Glasfenster vom Garten her. Die Lichter brannten und 
flackerten und schienen auf die junge Frau, die auf dem 
langen Sessel ruhte. Neben ihr eine Vase mit hohen 
weissen Lilien. Sie hielt das Bild ihres Mannes in der Hand. 
Es klopfte. Das Mädchen frug; „Es ist eine Kiste 
angekommen, gnädige Frau, soll ich sie bringen?“ „Ach 
nein, das hat morgen Zeit.“ „Aber“ — „Was denn?“ 
„Sie ist an den Herrn adressiert.“ Maria schauerte. „So 
bringen Sie sie herein.“ Es war eine flache Kiste aus 
München. Ein Brief lag oben auf, den Maria las, während 
das Mädchen auspackte. 
Sehr geehrter Herr! 
Ihrem Auftrag gemäss übersende ich Ihnen hier 
die Kopie der Verkündigung von Lorenzo di Credi, 
die Sie im März die Güte hatten in Florenz bei mir 
zu bestellen. Ich hoffe, das Bild wird der gnädigen 
Frau gefallen und erreicht Sie noch rechtzeitig, um 
es ihr unter den Weihnachtsbaum zu stellen. 
Mit vorzüglicher Flochachtung 
ergebenst 
Anton Ziehbeller, Kunstmaler. 
Maria schluchzte auf. Sie wagte nicht nach dem 
Baum zu sehen, wohin das Mädchen schweigend das 
Bild gestellt, bevor es gegangen. 
Wie lebhaft erinnerte sie sich an alles. Der sonnige 
Frühlingsmorgen, der hell hereinschien in den langen 
Gang der Ufficien, wo Lorenzo’s Meisterwerk auf der 
Staffelei stand. Davor sass ein kleiner, alter Mann mit 
grosser Brille, so nüchtern wie seine Umgebung poetisch. 
Er malte eifrig an einer Kopie. Begeistert waren Maria 
und ihr Mann. Sie konnte nicht weg von dem zarten, 
anmutigen Bilde. Bis ihr Mann sie lächelnd fortzog und 
ihr neckend ein paar Worte in’s Ohr flüsterte. Sie 
wurde feuerrot — zum grossen Ergötzen des Galerie 
dieners. Italiener haben scharfe Augen für solche Dinge. 
Einen Augenblick vergass Maria ihren Schmerz und 
schaute bewundernd nach dem Bild. Gleitend, wie von 
den Flügeln halb getragen, kommt der Engel zur Jung 
frau Maria, Demut und Ehrfurcht auf seinen Zügen. 
Und Maria - ungläubig erstaunt — hört die Botschaft,' 
die ihr wird. Ein zarter Schleier, weiche Gewandung 
umfliesst sie. Durch die hohen Bogenfenster leuchtet 
die Sommerpracht des Südens. Unwillkürlich schaut die 
junge Frau hinaus durch die Glasscheiben in den Winter. 
Wieder schauert sie zusammen. Für sie gibt es keine 
frohe Botschaft mehr. Dies Bild ist das Letzte, was die 
Liebe ihres Mannes ihr geschenkt. Ihre Gedanken 
hängen sich wieder an den Engel. Was sind es für 
Worte, die er spricht? Sie weiss es nicht. Müde steht 
sie auf, geht an den Bücherschrank und holt sich die 
Bibel. Suchend blättert sie. Im Matthäus Evangelium 
findet sie nichts, auch nicht bei Markus. Aber hier, 
Lukas, der erzählt die fromme Legende. Sie las halb 
laut im Dämmerschein der Weihnachtslichter: „Und der 
Engel kam zu ihr hinein und sprach: Gegrüsst seist 
Du, Holdselige! Der Herr ist mit Dir, Du Gebenedeiete 
unter den Weibern. Da sie aber ihn sah, erschrak sie 
über seine Rede und gedachte: Welch ein Grass ist 
das? Und der Engel sprach zu ihr; „Fürchte Dich 
nicht, Maria, Du hast Gnade bei Gott gefunden.“ 
Frau Maria Hess das Buch neben sich gleiten. Ihre 
Augen hafteten auf dem Bilde und an dem Baume, von 
dem silberne Strahlen zu ihr hinüberglitten. Flacker- 
RUDOLPH HERTZ-OG 
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