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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

und rief: „Mein Jung! mein Jung!“ Sie hatte die 
Zeit verplaudert und das Abfahrtszeichen überhört. 
Beruhigend winkte die junge Frau. Aber ehe sie 
ihr ein Wort zurufen konnte, war der Zug bereits 
ausser Hörweite. 
Inzwischen begann der Säugling jämmerlich zu 
schreien. Er brüllte derart, dass sie versucht war, 
sich die Ohren zuzuhalten. Wollte er damit etwa 
sein Missvergnügen ausdrücken, dass man ihn plötz 
lich so vernachlässigte und sich niemand mit ihm 
beschäftigte? Oder hatte er gar Hunger? Das 
letztere wäre allerdings gar schlimm gewesen, gerade 
zuverhängnisvoll, denn Frau Marta Ermling war 
ausser stände, den Säugling zu sättigen. 
Vergebens versuchte sie, das schreiende Kind 
zu beruhigen. Sie wiegte es in den Armen, ver- m 
wandelte ihr Taschentuch in eine kleine Maus, um i,(j 
es zu erfreuen, gab ihm die zärtlichsten Kosenamen 1 
und sang schliesslich in ihrer Verzweiflung die hfl 
Leichner 
süssesten Wiegenlieder. 
Aber je inniger sie 
sang, desto lauter schrie der Säugling. Er schien 
für die edle Musik weder Gefühl noch Ohr zu be 
sitzen und so hörte sie mit ihrem Gesänge schlie 
sslich auf. 
Heber diesen Bemühungen war der Zug in Schwerin 
angelangt. Langsam fuhr er in den Bahnhof ein. 
Frau Marta Ermling stand auf und machte sich bereit, 
aus dem Wagen zu steigen. Natürlich mit dem Säugling. 
Einfachstes Gebot der Menschenpflicht, denn selbst- 
Man zeichnet Kriegsanleihe bei jeder Bank, Sparkasse, Kredit 
genossenschaft, Lebensversicherungs-Gesellschaft, Postanstalt. 
verständlich konnte sie das arme Wurm nicht seinem 
Schicksal überlassen. 
Und da stand auch schon ihr Mann; breitschulterig, 
kräftig, gebräunt. Jubelnd eilte sie auf ihn zu und drückte 
in ihrer Freude das lebende Bündel in ihrem Arm so 
kräftig, dass der Säugling, der gerade erschöpft eine 
Schreipause hatte eintreten lassen, wieder vorwurfsvoll zu 
strampeln und zu brüllen anfing. 
Ihr Mann, der im Begriff war, die langentbehrte Frau 
seines Flerzens in die starken Kriegerarme zu schliessen, 
gab sein Beginnen auf und Hess diese sinken. 
„Was hast Du denn da?“ Die Frage klang sehr 
gedehnt. 
„Einen Säugling, lieber Gustav. Er ist vier Monate 
ä t und ein kräftiger Junge. Du wirst ihn gleich sehen, 
16 er Gustav, und Deine Freude an ihm haben.“ 
• , er Hebe Gustav gab durchaus keine Freude von 
m C V,, s ^ ar .V e seine Frau vielmehr entgeistert an und 
(> C i, e f e * n verblüfftes Gesicht. Dieses sonst so kluge 
so S ? 1C ? ? T ar e * n e * nzl g es > g rosses Fragezeichen. Etwa 
Doch ehe er noch seinen Gedanken Ausdruck zu 
ver ™°ehte, kam der Bahnhofsvorsteher. Er grüsste 
o ic . Gnädige Frau, vorhin klingelte das Bahnamt 
Kastow an. Eine Bäuerin, die dort für ein paar Minuten 
ausges ‘egen war, und eine mitreisende Dame gebeten 
a e, sich ihres Kindes inzwischen anzunehmen, hat die 
„Aber natürlich, lieber Gustav, oder was dachtest 
Du denn?“ 
Anstatt diese heikle Frage zu beantworten, zog 
er es vor, seine Frau zärtlich zu umarmen und 
sie herzhaft abzuküssen. 
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Mit der Anwendung von Leichner-Puder übt die elegante Dame anerkannt die 
denkbar modernste Schönheitspflege aus. Der stumpfe interessante Teint der 
vornehmen Welt. Leichner-Puder sind äußerst feine, völlig unsichtbare, ent 
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Abfahrt des Zuges versäumt und reklamiert jetzt ihr 
Kind. Habe ich vielleicht das Vergnügen, diese Dame 
vor mir zu sehen und ist dieses da das betreffende 
Kind?“ Er deutete auf das schreiende Bündel. Sie be 
stätigte. 
„Ganz recht. Hier haben Sie den kleinen Schreihals, 
und bestellen Sie der aufmerksamen Mutter, ich Hesse 
schön grüssen und sie möge es sich zur Warnung dienen 
lassen und für die Zukunft ihre Zeit nicht unnütz ver 
schwatzen.“ 
Lächelnd übernahm der Beamte den Säugling. „Die 
Mutter kommt mit dem nächsten Zug, ich werde es be 
stellen und inzwischen für das Kind sorgen.“ 
Er verabschiedete sich. 
Nun endlich konnte sich Marta Ermling wieder ihrem 
Manne zuwenden. 
Sein braunes, bärtiges Kriegsgesicht drückte keine 
Frage mehr aus, sondern höchste Freude und Zufrieden 
heit. Es glänzte vor Wonne. 
„Also so hängt die Sache zusammen,“ sagte er. 
Kriegs-Lebensversicherung 
ohne ärztliche Untersuchung. 
I Jeder Kriegsteilnehmer, auch der schon an der Front stehende, findet Auf 
nahme. Im Todesfälle sofortige Auszahlung d. voll. Versicherungssumme. 
Nach Beendigung des Krieges Umwandlung in normale Lebensver 
sicherung unter Anrechnung eines Teils der gezahlten Prämie. 
Deutscher Anker 
Pensions- und Lebensversicherungs-Akt.-Ges. 
Berlin W 9, Eichhornstrasse 9« 
Mein Freund Johannsen. 
Es war 'in der Zeit nach den grossen englischen 
Angriffen. 
Der immer wieder auflebende Artilleriekampf, 
die ununterbrochenen Versuche feindlicher Patrouillen 
und Aufklärungsabteilungen Hessen als sicher er 
scheinen, dass der zähe Feind sich noch nicht mit 
der gänzlichen Ergebnislosigkeit seiner Anstren 
gungen abgefnnden hatte. So gab es immer noch 
unruhige Tage im Graben und die Zeit, die man 
dann als Beobachter vorn lag, war gewöhnlich 
nichts weniger als eine Erholung. 
Umso fester wuchsen die verschiedenen Waffen, 
besonders wir Artilleristen mit der Infanterie, in 
gemeinschaftlichem Wirken zusammen, und manche 
Freundschaft für länger als einen Tag ist da vorn in 
gleicher Not und Gefahr geschlossen worden. 
Bei der dritten Kompagnie, die uns schon mehrfach 
beherbergt und wohl aufgenommen hatte, war mir ein 
blonder Unteroffizier, ein kerniger Junge von der Wasser 
kante, durch sein offenes, ruhiges Wesen lieb geworden. 
Es war einer von denen, die im kleinen Kreis durch ihre 
besondren Eigenschaften jene Art Herrschaft ausüben, die 
fester wurzelt als jede, die sich auf Gewalt stützt. 
Eines Abends sassen wir, wie schon oft, beim Kerzen 
stummel zusammen. Der Kompagnieführer hatte am 
Nachmittag in den einzelnen Unterständen über die neue 
Kriegsanleihe gesprochen und die Freude gehabt, beim 
grössten Teil der Mannschaften Verständnis für die Sache 
zu finden. Eine Anzahl Zeichnungen hatte er schon 
entgegennehmen können. 
Mir fiel auf, dass mein Freund trüber, als seine Art 
war, in das zuckende Elämmchen stierte. Schliesslich 
stiess ich ihn an: „Johannsen, nun sagen Sie mal, was 
fehlt Ihnen eigentlich?“ Erst wollte er nicht mit der 
Sprache heraus. Dann sagte er: „Ja, mein Lieber, die 
Sache ist so. Ich weiss ganz genau dass wir viel Geld 
zum Kriegführen brauchen und dass es auf jeden einzelnen 
ankommt. Aber, sehen Sie, ich habe zuhause eine alte 
Mutter und einen halblahmen Vater sitzen und die Leute 
leben bei den barten Zeiten man doch recht knapp. Da 
schicke ich, was ich von der Löhnung übrig behalte, 
immer nach Hause. Und ich hätte doch auch so gerne 
was gezeichnet.“ 
Ich sagte darauf; „Mein guter Johannsen, Ihre beiden 
eisernen Kreuze sind auch so gut wie eine Zeichnung, 
und wenn Sie die in die Wagschale legen, so müssen in 
die andre viele Leute steigen, denen es leicht fällt, ihr 
Geld dem Vaterlande gegen gute Zinsen zu leihen.“ 
Er drückte mir dankbar die Hand und ich hatte das 
schöne Gefühl, einen braven Kerl seine Gemütsruhe 
wieder gegeben zu haben.
        
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