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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

wünschen übrig blieb: ein Kind! Oder sollte es zu 
spät dafür sein, Geliebter? Weil schon der Herbst 
gekommen ist? Ich fühle es ja, wie meine Jugend 
schwindet mit diesen täglichen Kämpfen und Sorgen, 
fühle, dass der Krieg Dich nicht jünger machen kann 
mit seinen seelischen und körperlichen Anstrengungen. 
Oh, sage es mir, ob Du an unser spätes Glück noch 
glaubst, so will ich auch daran glaubenl“ 
Ja, Liebste, ich glaube daran! Wir haben den Herbst 
nicht zu fürchten, und auch den Winter nicht. Jung sind 
wir geblieben, weil das Leben uns noch nichts von dem 
erfüllte, was es uns versprach. Jung werden wir bleiben, 
jetzt, wo die Erfüllung unserer heiligsten Wünsche so nah. 
Nun wir reif sind für die Eltern würde, reif, uns gegenseitig 
mit diesem Pfand unserer Liebe zu beschenken, wird ein 
gütiges Geschick es uns nicht versagen. 
Für uns soll es noch einmal Frühling werden, noch 
einmal soll uns hohes Sommerglück reifen in unserem 
Kinde, Dann lass es Herbst werden, Geliebte, — und 
Winter, — wir können ihn in Ruhe erwarten! 
Dein in Treue! 
Max. 
Doch als dieser Brief zu der Frau gelangte, der er 
Ruhe und Trost bringen sollte, da hatte inzwischen das 
Schicksal mit rauher Hand darauf geschrieben: ,,Zu 
spätl“ „f fürs Vaterland!“ 
Der Säugling. 
Von Julius Knopf. (Nachdruck verboten .) 
Voll froher Erwartung, in fieberhafter Ungeduld, nach 
so langer Zeit der Trennung ihren Mann wiederzusehen, 
sass Frau Marta Ermling in dem Zuge, der sie von Berlin 
nach Schwerin führte. Von ihrem Mann war die Nach 
richt gekommen, dass ihn ein unerwartetes, militärisches 
Kommando nach der mecklenburgischen Hauptstadt ge 
führt hätte, wo ihn der Dienst einige Tage festhielt. 
Dann müsste er ohne Verzug wieder zurück ins Feld, 
es gäbe für ihn keine Möglichkeit, nach Berlin zu kommen. 
Ein flinker Depeschenwechsel. Martas Ankündigung der 
Stunde, in der sie in Schwerin eintreffen, seine Antwort, 
dass er sie auf dem Bahnhofe erwarten würde — und 
zwischen der jungen Frau im Zuge und dem Unter 
offizier in Schwerin spannen sich die unsichtbaren, aber 
um so festeren Fäden der Sehnsucht und der Freude. 
Fast zwei Jahre waren es nun her, dass der Gatte 
zum letztenmal von ihr Abschied genommen. Wer von 
ihnen beiden hätte es damals für möglich gehalten, dass 
ein so langer Zeitraum verstreichen würde, ehe es ihnen 
vergönnt sein dürfte, sich wiederzusehen. Soldatenlos! 
Von Russland hatte ihn der Krieg in die Karpathen ge 
führt, von dort nach dem Balkan und nun wieder nach 
Flandern. Stets hatte es ein böser Zufall verhindert, 
dass er seinen beantragten und bewilligten Urlaub an- 
treten konnte, immer hatte sich ein tückisches Hindernis 
dazwischen gelegt. — 
Der Zug war mässig besetzt. Marta Ermling sass 
allein in ihrem Abteil und hatte um so besser Müsse, ihren 
Gedanken nachzuhängen und Erinnerungen aufzufrischen. 
ledermaus 
14 Unter den Linden 14 
Reina wan Postema 
Ely Seibold 
Heinz Conrad 
Wills u. Laurenz 
W. E. Roesch 
KONZERT: Kapelle Brachfeld 
KimWMMMMIWm« 
Acht Jahre waren sie nun verheiratet, und nie hatte 
ihre Ehe auch nur die leiseste Trübung erfahren. Nie 
mals hatte eine Wolkenwand der Verstimmung oder gar 
des Zankes ihren freundlichen Ehehimmel verdunkelt. 
Ihr Gustav war ein gutor Mann, wenn ihn auch hie und 
da grundlos eifersüchtige Grillen packten. Immerhin ein 
Zeichen, wie sehr er sie liebte! Nur eines fehlte zu 
ihrem völligen Glück — ein Kind. Dieses köstlichste 
Ehegut war ihnen bisher vorenthalten geblieben. Doch 
es hiess, sich abftnden und nicht mit dem Schicksal 
hadern, das sich ihnen so liebevoll erwiesen. Auf Erden 
gibt es eben nichts Vollkommenes und der Mensch soll 
sich nicht undankbar zeigen und zufrieden sein, wenn 
er so sorglos und behaglich leben kann und es so gut 
getroffen hat, wie sie in ihrer Ehe. 
Und am Ende — zu diesem Schluss gelangte sie in 
ihrem Gedankengang — war es ja doch das Allerwichtigste, 
dass ihr Gustav gesund und heil aus diesem furchtbaren 
Kriege zurückkehrte. Und sollte sie nicht glücklich sein 
und ihrem Schöpfer danken, dass sich jetzt so unerwartet 
die Gelegenheit bot, ihren Mann wiederzusehen?! 
Der Zug war bereits über Ludwigslust hinausgefahren 
und nahm nun eine langsamere Geschwindigkeit an. Auf 
einer kleinen Zwischenstation wurde sie ihrer Einsamkeit 
und damit ihren Gedanken entrissen. 
: 
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Photo- Leisegang 
Tauentzien-Str. 12 BERLIN Schlossplatz 4 
hält grösstes Lager in Apparate 
Objektive von Qoerz, Ernemann, Nettei, Busch etc. 
Abt. Antiquariat hat viele 
Geleg enheitskäufe. 
Interessenten verlangen die Lagerliste.l 
Eine Bauersfrau stieg ein. Sie trug ein Bündel im 
Arm, aus dem plärrende Töne hervordrangen. Marta 
Ermling sah schärfer hin. Aha, in dem Bündel ent 
puppte sich das schreiende Etwas. Ein Kind — ein 
Säugling: drall und pausbäckig. Die nackten, molligen, 
runden Aermchen fuchtelten munter umher. Es war eine 
Freude, das gesundheitserfüllte, kleine Menschenwesen 
anzusehen. 
Die Bäuerin fing Martas bewundernden Blick auf. 
„Es ist mein Jüngster“ — merkwürdigerweise sprach sie 
ein ziemlich reines Hochdeutsch; sie hatte, wie sie später 
erzählte, als Mädchen in Hannover gedient. „Er ist man 
erst vier Monate alt,“ erklärte sie, „hat eine kräftige 
Lunge, nicht wahr, mein Karle?“ Stolz und mit strahlen 
den Augen wickelte sie das Bündel auf, sodass sich der 
kleine Bursche in seiner ganzen Pracht und Herrlichkeit 
zeigen konnte. 
Die Bauersfrau war recht mitteilsam, und so kamen 
sie weiter ins Gespräch. 
„Es ist ein Spätgeborener, der jüngste von Sechsen, 
die alle leben,“ erzählte sie weiter. „Alles stramme 
Jungens! Die drei Aeltesten stehen schon im Felde und 
einer hat das Eiserne Kreuz und zwei haben es zum Ge 
freiten gebracht. Der mit dem Eisernen ist sogar Unter 
offizier. Und sie sind bisher gesund geblieben und der 
liebe Gott wird schon weiter helfen.“ 
Angeregt setzten Stadtdame und Bauersfrau die Unter 
haltung fort. Sie hatten reichlich Zeit dazu, denn der 
Zug fuhr jetzt nur langsam und hielt fast auf jeder Station. 
Wieder hatte er einige Minuten Aufenthalt. Marta 
blickte zufällig hinaus „Rastow“, las sie. Da sprang die 
Bäuerin auf und schlug sich vor den Kopf. „Hätte ich 
doch beinahe daran vergessen! Meine Schwester wohnt 
nämlich hier und sie wollte auf dem Bahnhof sein, um 
mit mir was Wichtiges zu besprechen. Ich wohne nämlich 
eine Station hinter Schwerin und so kommt man nur 
selten dazu, sich zu sehen, wenn wir auch nur vierthalb 
Meilen von einander abwohnen. Und schreiben, das ist 
man immer so’ne Sache.“ 
Sie stand auf und eilte an das geöffnete Fenster. 
Plötzlich winkte sie und rief: „Suse — Suse!!“ 
Dann wandte sie sich an die mitreisende Dame, die 
so liebenswürdig mit ihr geplaudert hatte. 
„Ich will lieber rausgehen, auf den Bahnsteig, um mit 
meiner Schwester zu sprechen. Sie sind wohl so gut 
und tun mir den Gefallen und passen so lang auf mein 
Kind auf. Ich weiss, ich kann es Ihnen anvertrauen, es 
ist in guten Händen.“ 
Und ohne die zustimmende Antwort abzuwarten, eilte sie 
hinaus und begrüsste die Schwester, auf die sie eifrig einsprach. 
Inzwischen beschäftigte sich die junge Frau mit dem 
Kinde und versuchte ihre Kunst, um sein Wohlgefallen 
zu erregen. Was ihr auch nach einigen erfolglosen Be 
mühungen so gut gelang, dass sie sich immer eifriger 
in das ungewohnte und liebe Spiel vertiefte und darüber 
Ort und Zeit vergass. 
Ein lautes Geschrei und ein furchtbares Jammern ent” 
rissen sie auf einmal ihrer reizvollen Betätigung. Da 
merkte sie erst, dass sich der Zug bereits in Bewegung 
gesetzt hatte, ohne dass die Mutter wieder eingestiegen war. 
Sie trat ans Fenster und sah hinaus. Auf dem Bahn 
steig stand die Bäuerin. Verzweifelt rang sie die Hände
        
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