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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

er mit einem schweren Seufzer den Kopf erhob und ihre 
beiden Hände ergriff. So standen sie sich scheu und 
■doch verstehend gegenüber. 
„Henny“, sagte er, und seine Stimme klang flehend, 
wie die eines hilflosen Kindes. 
„Du hast ja zehnmal mehr getan als ich, bei mir 
wars Eigenliebe, Abenteuerlust, Kraftüberschuss. — Ich 
hab’ ja nur an mich gedacht. 
Nun weiss ich ein anderes Ziel — Du hast es mich 
gelehrt. Für das Ganze will ich’s jetzt tun. Das ist’s; 
wie hiess doch die Strophe?“ 
„Es kommt nicht drauf an, die Tiefen zu meiden, 
Es kommt nur drauf an, am Erlebten zu loben: 
Es war mir zum Heile, es trug mich nach oben.“ 
Und „Glück ab“ Henny, Du Grosse, Reine, Sternen- 
königin. Ich danke Dir.“ Dann, nach einer kleinen 
Pause sah er sie bittend an. 
„Darf ich gehen jetzt, so von Dir in unserem ganzen, 
heiligen Verstehen, Du zürnst mir nicht drum?“ 
Sie nickte ernst. 
„Wir haben uns ja alles gesagt, was wir von einander 
zu fordern hatten. Ich verstehe Dich, gehe denn, Will, 
und denke an Deine Mutter!“ 
Er küsste die Hände, die noch in den seinen lagen, 
kühl und zitternd, und schritt dann eilig in die dämmernde 
Abendstunde hinaus, während das weisse Frauengewand 
noch lange im sachten Windhauch wehte und ihm, wenn 
er sich umschaute, die Richtung gab, wo seine Sternen- 
sehnsucht untertauchte. 
Weil schon der Herbst gekommen — 
Skizze von H. Weg«. (Nachdruck verboten .) 
Liebste, es war ein schöner Brief, den Du mir gestern 
schicktest, und den ich gleich heute beantworten will. 
Herbst draussen, aber lachender Frühling, blühender 
Sommer innen, so schreibe ich Dir. 
Warum sagtest Du: es musste erst der Herbst kommen, 
um uns zu zeigen, was wir an uns hatten? Der Herbst! 
Es liegt für den alternden Menschen eine furchtbare 
Tragik in ihm. Eine Tragik, die mit grellbunten Farben 
über inneres Elend hinwegtäuschen will. So stand ich 
heute und schaute hinaus in die satte Farbenpracht, in 
das liebliche Spiel verwehender, in der Sonne zitternder 
Sommerfäden, — und weiter hinaus in eine bewegte, 
abwechslungsreiche Ferne, begrenzt vom grauschimmern 
den Herbsthimmel. Die Luft war klar und winddurch- 
wühlt, noch ohne den Würzhauch verwesenden Laubes. 
Und doch mahnte sie in ihrer Herbheit schon an den 
kommenden wi n t erj — das Herbste im Leben, 
Kälte und Scheiden. 
. Verzeih, Liebste, dass mir angesichts dieser Zeichen 
eines natürlichen Verfalls Gedanken kommen an einen 
unnatürlichen, an den gewaltsamen Tod, den ich nun 
sc on seit zwei Jahren um mich her wie etwas Alltäg- 
r t S - erlebe > und den ich jedesmal erschauernd und ehr 
fürchtig grüsse, als wolle ich ihm danken, das er vor- 
ubergmg an mir. 
iUdtmrquelfe 
Nein, es soll nicht zu spät sein für unser Glück, Liebste! 
Du fragst es so bang und ich antworte Dir ohne Zagen. 
Damals, als wir unsern Lebensbund schlossen, waren wir 
Kinder, in dem traditionellen Glauben erzogen, dass zur 
Ehe nichts gehöre als Uebereinstimmung der äusseren 
Lebensumstände und ein wenig gegenseitiges Gefallen, 
So haben wir auch jahrelang nebeneinander hergelebt. 
Da Kinder uns versagt blieben, waren wir auf ein um 
fangreiches Leben angewiesen, und es gelang uns, die 
innere Oede und Leere damit zu übertünchen. 
Auch der Krieg änderte zunächst nichts an diesem 
Verhältnis. Ich sah Dich weniger denn je, da doppelte 
Arbeit auf mir, dem Heimkrieger lastete; und wenn wir 
uns sahen, so gab es alltägliche Gespräche über den 
Krieg, Entbehrungen, die Wucherer usw. 
Wie es dann langsam, ganz langsam gekommen, dass 
wir uns fanden? Ich muss Dir gestehen, Liebste, als ich 
das erste Mal von der Front auf Urlaub reiste, da fürchtete 
ich mich ein wenig. Was erwartete ich daheim? Draussen 
hatten wir gute Kameradschaft gehalten, in Freud und 
Leid zu einander gestanden, unser Innerstes nach aussen 
gekehrt angesichts der uns alle umdrohenden Gefahren. 
Wenn ich dann an das Zusammenleben mit Dir dachte, 
so fröstelte es mich leise. Was ging Dich das an, was 
wir draussen erlebt hatten? Konntest Du auch nur ver 
stehen, wie es mich erschüttert und wachgerüttelt hatte 
aus dumpfem Hinleben. 
Doch schon damals fing es an, schöner zu werden, 
als ich erwartet. Das halbe Jahr ohne mich war nicht 
spurlos an Dir vorübergegangen. Reifer, wärmer, nach 
denklicher tratst Du mir gegenüber. Zarter und lieblicher 
erschienst Du mir in Deiner mädchenhaften Schlankheit, 
sodass ich anfing, noch einmal um Dich zu werben. 
Rauh wurden wir damals durch eine Depesche, die 
mich an die Front zurückrief, auseinandergerissen. Aber 
in unsern Briefen zitterte künftig eine verhaltene Glut, 
etwas Heimlich-Süsses. Sie wurden länger und länger. 
Zeichne Kriegsanleihe! 
Das ist der sicherste Weg zum Frieden! 
Und als ich zum zweiten Male heimkehrte, lief meine 
bange Sehnsucht Dir schon entgegen. Wie würde es 
werden? Würdest Du mich enttäuschen? Hatte ich zu 
viel gehofft und sollten meine Wünsche wieder zurück 
sinken in das Nichts? 
Aber nein, Liebste, diese Heimkehr war schöner noch 
als meine kühnsten Träume zu erwarten wagten. Wie 
lieb kamst Du mir entgegen in Deiner mädchenhaft 
keuschen Art! Wie schön und begehrenswert erschienst 
Du mir in Deiner neugeschaffenen Selbstständigkeit als 
Leiterin eines Kinderheims! Wie herrlich waren die 
kurzen Tage, die wir mit einander verbringen durften! 
Viel zu kurz allerdings, um all das auszusprechen, 
was uns bewegte, aber doch genügend, um den Grund 
zu legen für ein festes seeliges Band, das uns seitdem 
verknüpft. So schreibst Du in Deinem lieben Brief von 
gestern: 
„Im Anfang waren es nur dünne Fädchen, die von 
mir zu Dir gingen. Fädchen, die jeder Windhauch 
hätte forttragen können. Heute ist es ein starkes, un- 
zerreissbares Band, das uns an einander kettet, und 
das noch fester werden wird, wenn wir bei unserm 
nächsten Beisammensein das erreichen, was uns zu 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
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