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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Ad Astra. 
Eine Erzählung von Helene Helbig-Tränkner. 
(Nachdruck verboten.) 
Der kleine blonde Fliegerleutnant schritt etwas zögernd 
über die Fahrbahn der stillen Villenstrasse, auf der die 
noch dicht belaubten Kastanien schon unter ihrem Blatt 
werk die mahagonifarbenen Früchte bargen. 
Vor der nächsten Viertelstunde graute ihm. — 
Will Gebhardt hatte nicht erst einmal dem Tod ins 
Auge gesehen, war bei der berühmten Jagdstaffel, der er 
zugeteilt war, in äusserster Pflichterfüllung dem Feind 
begegnet und hatte mit dem feinen Instrument, das er zu 
handhaben verstand, wie selten einer, das er im Anfang 
seiner Laufbahn als junger Kriegsfreiwilliger bedient, dem 
Maschinengewehr, mehrfache Gegner zum Absturz ge 
bracht; seine Geleitflüge waren anerkannt — heute zum 
ersten Male fühlte er etwas wie das Bangen eines Kindes 
in sich aufsteigen. 
Er sollte Henny Schilden Wiedersehen. — Nicht als 
Henny Schilden mehr, nein, als die Frau eines anderen, 
eines Mannes, dessen Leben und Schaffen sich auf den 
Fluten des Meeres erfüllten, der als Lenker eines der 
mächtigsten, stolzesten Schiffe unserer Kriegsflotte das 
Grauen vor dem Tode bezwang und den Feind erwartete. 
Warum sie es getan hatte? 
Jürgen Tomm war viel älter als sie und hatte zwei 
mutterlose Waisen, und Will Gebhardt war doch ihrer 
Jugend sonnenhelle Erinnerung, das wusste er. 
„Per aspera ad astra,“ hatte sie ihm bei seinem Ab 
schied zugeflüstert, und die silberne Kette, die sie ihm 
umgehängt, und in deren kleines gehämmertes Herz mit 
der gleichen Inschrift sie eine Locke ihres aschblonden 
Haares versteckt, hatte merkbar zwischen ihren feinen 
Fingern gezittert. 
Dann war er vor die Front gelassen worden mit dem 
Diplom der bestandenen Prüfung in der Tasche, und als 
er das erste Mal einem tapferen, ebenso jungen Gegner 
wie er war, gezeigt, dass die deutsche Kraft unbesiegbar, 
und als dieser Gegner dann still und ohne Zucken tot zu 
Boden geglitten war, da hatte Henny Sc-hildens Bild vor 
seinen Augen gestanden. 
Ob jenen auch ein liebes Mädel beweinte? Armer 
Kerl! Und er war straff niedergegangen und hatte seiner 
Mutter und Henny Schilden einen Gruss geschickt. 
Dann war er auf Heimaturlaub gekommen. Seine 
Mutter hatte ihm das Versprechen abnehmen wollen, dass 
er nicht mehr fliegen möchte, und auch Henny hatte mit 
bittenden Augen dabei gestanden und gehofft, dass er um 
ihretwillen davon ablassen würde. 
Aher er hatte beide ausgelacht, und sein frisches 
knabenhaftes Gesicht hatte dabei den Ausdruck sieghaften 
Glückes getragen. 
„Per aspera ad astral Lienny, Du weisst, das war 
Dein Scheidegruss.“ 
Henny Schildens schmale, mädchenhaft herbe Lippen 
hatten gezittert. 
„Man kann zu den Sternen fliegen und doch im Tale 
gehen, Will,“ hatte sie geantwortet, „ich habe immer ge 
meint, dieser Weg „empor“ kann auch in der Tiefe an 
getreten werden, es ist wohl die äusserste Ueberwindung 
des Selbst damit gemeint.“ — — — 
Ihre Worte hatten ihm damals schulmeisterlich ge 
klungen, und er hatte mit einem gewissen Missbehagen 
auf die feinen Hände geblickt, die gleich wieder eifrig 
die Stickerei bearbeiteten, über die sich der blonde Kopf 
beugte, dass ihm die Augen verborgen blieben. 
„Ach, Kinder, Ihr habt ja keine Ahnung, wie das 
packt und lockt. — Einmal erst den Propeller angeworfen, 
aufwärts im Dampfe des brodelnden Oels. Einmal erst 
oben gewesen, Straff, Gegner zu Gegner, er weicht 
nichst, Du weichst nicht — einer muss! Das Maschinen 
gewehr setzt an. — ... Aber er ist auch nicht un 
tätig — — da — lenkt er nicht seine Maschine, kommt 
er über Dich? Die Motore arbeiten fieberhaft, da end 
lich. — Nur den höher Fliegenden ist der Sieg sicher. 
Die Schrauben surren wieder ganz fein.’’— Doch — sieh 
da — er ist getroffen? Er schiesst nicht mehr — im 
Sonnenglast leuchtet der mächtige Vogel und gleitet, 
gleitet, stürzt — talwärts. Deine Taube ist unverletzt, 
Sieger, Kinder, Ihr wisst ja garnicht, was das bedeutet.*’ 
Sieger! O ja, Henny Schilden konnte es verstehen, 
auch sie musste siegen lernen — eine heisse, wilde 
Leidenschaft besiegen, die Will Gebhardt hiess und da 
draussen vorm Feind nicht an Mädchenliebe und Nester 
bauen denken und ihre bangende Bitte, das Fliegen ein 
zustellen nicht erfüllen konnte, sondern zum Lichte 
fliegen musste mit der jungen knabenfreudigen Sieger 
sehnsucht für des Vaterlandes Wohl. 
Will Gebhardt klinkte die Tür zu dem weinum 
wachsenden Häuschens auf, da sie als Gattin Jürgen 
Tomms wohnte. — Mutter hatte es ihm nur flüchtig 
geschrieben: „Henny Schilden ist mit Kapitän Tomm 
getraut worden“ und war dann zu alltäglichen Dingen 
übergegangen. 
Vielleicht wollte sie ihrem Jungen einen Schmerz 
hinwegstreicheln, er hatte diese streichelnden Mutterhände 
hinter den mageren Zeilen gefühlt. — — Und es war 
ein Trotz in ihm emporgestiegen, ein wilder Schmerz und 
eine Anklage gegen die gefühl- und treulosen Frauen, 
die ja alle gleich . . . 
Es war alles umher von sorgender Hand gepflegt, die 
goldgelben Birnen leuchteten ihm am Spalier entgegen 
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