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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Als der Vortrag zu Ende war, wieder 
holte der alte Herr flüsternd, wie im 
Traume, des Liedes letzte Zeile: „Und 
immer hör ich’s rauschen, Du fändest Ruhe 
dort!“ 
Dann war Schweigen, wohl eine Minute 
lang. Nichts regte sich. Nur der laue 
Frühlingswind umwehte uns kosend und 
tausend kräftige Düfte wehte er uns ent 
gegen, Hoffnungen und Illusionen und 
Gedanken an eine Reihe sonnenheller, 
kraftfroher Sommertage voll Glück und 
Lebensfreude. 
Plötzlich sagte der alte LIerr, indem 
er mich mit mildem Lächeln anschaute; 
„Warum sehen Sie mich so fragend an?“ 
Ich wurde rot und schwieg verlegen. 
Er aber sprach weiter mit stiller Freude: 
„Ich merkte es wohl, obgleich ich Sie nicht 
ansah. Also frei heraus 1 Was wollen Sie 
wissen?“ 
Ich wurde nur noch mehr verlegen und stammelte 
ein paar entschuldigende Worte. 
Da sprach der alte Herr freundlich: „Nun, ich will 
Ihnen die Sache leichter machen. Schon viele meiner 
Bekannten haben mich gefragt, warum ich eigentlich 
niemals geheiratet habe.“ Lächelnd sah er mich an. 
„Stimmt es?“ fragte er. „Das dachten doch auch Sie 
eben, nicht wahr?“ 
Leicht errötend nickte ich. „Ja, Herr Berent, ich 
dachte es, wenn Sie mich zwingen, es zu sagen.“ 
Er nickte, zuckte mit den Schultern und trommelte 
mit den schlanken weissen Fingern auf das Blech der 
Balkoneinfassung. Dann sagte er: „Ist es denn wirklich 
so rätselhaft, wenn ein Mann ledig bleibt?“ 
Nun bekam ich wieder Mut; „Die Frage verallge 
meinert — nein — denn die Lust zum Heiraten nimmt 
ja in erschreckender Weise ab, hier aber in diesem be 
sonderen Fall scheint man doch wircklich vor einem 
Rätsel zu stehen.“ 
Er schwieg und nickte mit wehmütigem Lächeln. 
Und ich sprach weiter: „Soweit ich Sie kenne, lieber 
Herr Berent, und ich einen Einblick in Ihre Verhältnisse 
gewinnen konnte, darf ich wohl sagen, dass doch alle 
Möglichkeiten für eine glückliche Ehe gegeben waren.“ 
Da ermannte er sich und begann: 
„Nun, ich habe über die Geschichte seit Jahrzehnten 
nicht gesprochen, so viel auch meine Bekanntschaften 
ragen mochten, aber heute, zu Ihnen, will ich einmal 
sprechen. Ich weiss ja, dass Sie immer auf der Suche 
^ach neuen Stoffen sind. So will ich’s Ihnen denn zu 
u z UI1 d Frommen erzählen.“ 
T h ”/^ so: Sie kennen mich als einen reichen Mann. 
f C T l* 1 I ? a ^ lezu sechzig Jahre. Aber es gab eine Zeit, 
rei ich Hegen Jahrzehnte dazwischen, da war ich ein 
rmer Teufel. Damals war ich fünfundzwanzig und ein 
y? 1 ® 1 '.K° m mis m it einem kargen Gehalt. Aber ich war 
& uckheh und zufrieden, denn vor mir lag ja noch eine 
Zukunft voll von hundert goldenen Hoffnungen, und ich 
war kräftig und gesund.“ 
„Eines Tages, es war im Frühling, kam die einzige 
Tochter meines Chefs aus einem Schweizer Pensionat 
zurück. Sie war neunzehn Jahre und ein Bild prangen 
der Jugendschönheit. Als ich sie zum erstenmal sah, 
fühlte '"ich mein Herz ungestüm pochen. Ich war wie 
o-ebannt und musste sie unausgesetzt ansehen. .Wenn 
fch mit ihr sprach, war ich ganz verwirrt. Als ich . an 
diesem Abend allein in meiner Stube sass, wusste ich, 
dass ich sie liebte. Ich hätte jauchzen können vor Glück 
und Jubel. 
Von der Zeit an sah ich sie nun fast jeden Tag, denn 
ich hatte Verkehr in der Familie meines Chefs, und mit 
ledern Tag empfand ich es klarer, dass mein Herz dem 
schönen blonden Mädchen gehörte. Auch sie wurde 
bald zutraulich und wir wurden gute Freunde. Nie aber 
verriet ich mit Blick oder Wort meine Gefühle. 
Das wundert Sie? Ja, ich war ein armer Teufel, in 
bitterster Not und Entbehrung war ich gross geworden 
und das, wissen Sie, das macht den Men 
schen bescheiden und demütig, das lastet 
immer wie Fesseln an uns, so dass wir 
Armen nie so recht den Mut haben, mit 
voller Lust zuzugreifen, wenn auch uns 
das Glück einmal lächelt. 
Sie war die einzige Tochter eines rei 
chen Mannes und ich war ein armer 
Schlucker, der nicht hatte als ein liebe 
volles Herz und vielleicht eine gute Zu 
kunft. Ich wagte also gar nicht ernsthaft 
daran zu denken, dass meine Pläne sich je 
verwirklichen könnten. Nun, ich will mich 
kurz fassen. Ein Jahr darauf heiratete sie 
den Erben einer Million. Ich war auch zu 
der Feier geladen. O, ich ertrug alles mit 
einer erstaunlichen Ruhe. Niemand ahnte, 
was ich innerlich litt. Für alle hatte ich 
ein höfliches Lächeln. Und erst abends, als 
ich wieder allein war in meiner öden Ein 
samkeit, da erst überkam mich der ganze 
Schauer, da erst sank ich zusammen wie vernichtet und 
da warf ich mich aufs Bett und presste das heisse Ge 
sicht hinein und schluchzte auf im wilden wütenden 
Schmerz. 
Aber, du lieber Gott, so ein armes Herz kann viel 
ertragen. Ich kam auch darüber fort. Doch an jenem 
Abend leistete ich mir einen Eid. Ich musste Geld 
schaffen! Ich musste reich werden! Ich hatte ja gesehen, 
wie dies glänzende Gold alles regiert, alles meistert. 
Auch ich wollte so dastehen als unabhängiger Mann! 
Nun, ich habe mir das Wort gehalten. Als ich vierzig 
Jahre alt war, begann mein Haar bereits zu erbleichen, 
aber ich war nun ein wohlhabender Mann geworden. 
Ich war noch immer einsam. Sie fragen warum? 
Ganz einfach, ich hatte gar keine Zeit gehabt, mich zu 
verlieben. Und dann, so sonderbar es auch klingen mag, 
hatten die jungen Mädchen mich als Heiratskandidaten 
eigentlich nie angesehen. Ich hatte immer so etwas Stilles 
und Verschlossenes in meinem Wesen, dass jedes Mädchen 
mir auswich. Schliesslich kamen die Frauen und machten 
mich zu ihrem Vertrauten; einen älteren erfahrenen Freund 
sahen sie in mir, aber keinen Liebhaber. 
Aber da kam eines Tages noch einmal der Sonnen 
strahl des Glückes auf mein alterndes Haupt. Ich war 
bereits sechsundvierzig Jahre, als ich mich noch einmal 
mit Jünglingsglut verliebte“ .... 
Der alte Herr machte eine Pause und sah einen 
Augenblick hinaus in die Frühlingslandschaft, die jetzt 
in leiser Dämmerung gehüllt dalag. Wie träumend ruhte 
sein mildes Auge auf dem letzten Rest der Abendsonne, 
der die Spitzen der Wolken vergoldete, dann sprach er 
mit leiser, gleichsam verschleierter Stimme weiter: 
„Es war einer von diesen Frühlingstagen, als ich das 
junge Mädchen zum ersten Mal sah. Es war, als ob mir 
plötzlich eine neue Sonne aufgegangen war, ich sah alles 
ringsherum in einem strahlenden Lichte, ich war wie 
geblendet von dieser Fülle jugendlicher Schönheit. Der 
Vater dieses Kindes war ein Geschäftsfreund von mir, und 
Kriegs-Lebensversicherung 
ohne ärztliche Untersuchung. 
Jeder Kriegsteilnehmer, auch der schon an der Front stehende, findet Auf 
nahme. Im Todesfälle sofortige Auszahlung d. voll. Versicherungssumme. 
Nach Beendigung des Krieges Umwandlung in normale Lebensver 
sicherung unter Anrechnung eines Teils der gezahlten Prämie. 
Deutscher Anker 
Pensions- und Lebensversicherungs-Akt.-Ges. 
Berlin W 9, Eichhornstrasse 9.
        
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