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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

und leicht trug er sein mächtiges Geweih mit den fast 
armdicken Stangen. Ein Zweiundzwanzigender. 
Die Farbe seiner Haare war aussergewöhnlich dunkel 
und das hatte ihm wohl seinen Namen eingetragen. 
Graf Oskar hatte die Büchse schussbereit und scharfen 
Auges verfolgte er jede Bewegung des Hirsches, der im 
Morgenzwielicht noch grösser und unheimlicher erschien 
und einem Urweltriesen glich. 
Mit einem Ruck legte der Hirsch den Kopi zurück, 
dass das Geweih fast den Rücken berührte, und wieder 
stiess er das dumpfe, grollende brünstige Brüllen aus. 
Rings verstummte das Orgeln der andern Hirsche vor 
diesem Rufe und nun — zuckte ein Feuerstrahl aus Graf 
Oskars Büchse, und donnernd hallte der Schuss durch 
den Wald. Der schwarze Hirsch war aufs Blatt ge 
troffen. Er zuckte zusammen und ging mit den Vorder 
füssen in die Luft, machte dann einen riesigen Satz 
gegen den Wald, brach aber in die Knie und fiel schwer 
seitwärts ins Moos. Da lag er regungslos, der Waldriese, 
seine Stunde war gekommen. 
„Hurra! Hurra! Hurra!“ rief Graf Oskar und schwenkte 
im Uebermasse der Freude seine Mütze in die Luft. 
Dann eilte er auf die Lichtung hinaus dem Förster nach, 
der sich soeben über den Hirsch beugte. 
Da — — aber geschah etwas unerwartetes. Mit 
einer letzten gewaltigen Kraftsammlung sprang der 
schwarze Hirsch nochmals auf die Füsse und stiess mit 
seinem mächtigen Geweih, während ein röchelndes Brüllen 
und blutiger Schaum aus seinem Maul kam, gegen den 
ahnungslosen Förster. Mit diesem gewaltigen Stoss war 
die letzte Kraft des Hirsches entwichen. Verendend 
stürzte er wieder zu Boden und seine Lichter brachen. 
Der Förster aber sank mit einem ächzenden Laut 
blutüberströmt neben dem Hirsch nieder und gab kein 
Lebenszeichen mehr von sich. 
Mit starrem Entsetzen war der herbeieilende Graf 
Zeuge dieses Sekunden währenden Vorganges gewesen, 
ohne ihn hindern ; zu können. Auch über sein Gesicht 
flog Totenblässe, als er die furchtbare Wunde sah, die 
das Geweih dem Förster im Unterleibe gerissen hatte. 
Hastig lud er sein Gewehr, gab die Schüsse ab und 
sandte mit seiner Jagdpfeife gellende Signale in den 
Wald. Bald kam Antwort und zehn Minuten später 
waren der Oberförster und die Gehilfen zur Stelle. 
„Waidmanns Heil, Herr Gral!“ rief Hans von Ecken, 
der schon von weitem die Beute erblickte, aber dann 
sah er das verstörte, blasse Gesicht seines Herrn und fast 
im gleichen Augenblick die leblose Gestalt des Försters. 
„Herr Graf?“ 
Mit wenigen Worten erklärte er das Unglück, dann 
beugte sich der Oberförster über den zu Tode Getroffenen. 
Werdenberger atmete noch leise, aber er war nicht beim 
Bewusstsein und das Leben am Entfliehen. 
So gut es ging, verband der Oberförster den Schwer 
verletzten mit kundiger Hand, während die Gehilfen 
aus Tannenästen eine Bahre machten. Dann setzte sich der 
Zug nach der Oberförsterei in Bewegung. 
Der schwarze Hirsch lag vergessen in seinem Blute, 
die Todesstarre fing an, die riesigen Glieder zu strecken, 
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wird sich eine Art Sage um den schwarzen Hirsch bilden, 
und im Grunde betrachtet, kann die seltsame Häufung 
gleicher Unglücksfälle nur zu einer mystischen Deutung 
im Volke führen.“ 
„Der Fall gibt mir viel zu denken“, sprach Graf 
Oskar, „und ich bin froh, dass das Unglücksvieh tot ist. 
In Zukunft werde ich aber etwas vorsichtiger und mit 
grösserem Verständnis über den Aberglauben urteilen. 
Der schwarze Hirsch gab mir die Erklärung seines 
Wesens.“ 
und die Spitzen der einen Stange seines Geweihes waren 
rotgefärbt. 
Die Jäger brächten einen Toten in die Oberförsterei; 
Werdenberger hatte auf dem Transporte den Geist auf 
gegeben. 
Graf Oskar und der Oberförster überbrachten gemein 
sam der Witwe die traurige Nachricht. Mit schonungs 
vollen Worten teilten sie ihr das Unglück mit. Mit 
beiden Händen fuhr die Försterin zum Herzen, blieb aber 
merkwürdig ruhig und gefasst. 
„Ich wusste es, dass es ein Unglück geben musste. 
Der schwarze Hirsch forderte jedesmal ein Opfer, dieses- 
mal starb mein Mann für das Haus, dem er treu diente 
und ergeben war. Wären Sie vorangegangen, Herr 
Graf, der dritte Kernhaus läge tot.“ 
Das sprach sie mit so felsenfester Ueberzeugung, dass 
selbst Hans von Ecken sein sorgloses Lächeln nicht fand. 
Sie versprachen, den Toten ins Forsthaus überführen zu 
lassen, und machten sich auf den Rückweg. 
„Es ist unmöglich mit Vernunftgründen da anzu 
kämpfen. Die Ereignisse sind dagegen. Wie hier, so 
haben in abertausend ähnlichen Fällen die Umstände und 
gleiche Begleiterscheinungen den Aberglauben gefördert, 
geradezu erstehen lassen. Und Sie werden sehen, bald 
Liebe. 
Eine kleine Erzählung von Paul Bliss. 
(Nachdruck verboten.) 
Das Essen war beendet, als Herr Berent mich beim 
Arm nahm und sprach: „Kommen Sie, ich weiss hier 
im Hause ein hübsches, stilles Plätzchen, wo wir unge 
stört ein wenig plaudern können.“ 
Lächelnd legte ich meinen Arm in den des alten Herrn 
und Hess mich fortführen. 
„Sie müssen nämlich wissen,“ sprach Herr Berent 
weiter, „dass es mir Bedürfnis ist, nach einer so langen 
Sitzung mich ein wenig in die Einsamkeit zu flüchten. 
Unser vortrefflicher Wirt weiss das längs, und so finde 
ich hier mein trauliches Plaudereckchen immer lür mich 
reserviert.“ 
Wir waren inzwischen durch Salon und Wohnzimmer 
gegangen und befanden uns nun in einem lauschig 
kleinen Raum, dessen Balkon auf den stillen Park führte. 
Es war in der Tat ein reizender Winkel und ganz ge 
schaffen zu träumen. — Vor uns lag der alte Park, 
dessen mächtige Baumriesen sich mit dem ersten hellen 
Grün des jungen Frühlings schmückten, und eine wohl 
tuende Stille umfing uns, als wir auf den Balkon hinaus 
traten. 
Die anderen Herren aus der Gesellschaft hatten sich 
verteilt, einige sassen in dem Spiel- oder Rauchzimmer, 
während die anderen im Musikzimmer dem Spiel der 
schönen Hausfrau lauschten. Leise, verdämmernd drangen 
auch zu uns die Töne heraus. Es wurde Schubert ge 
spielt, meisterlich war der Vortrag, so dass mir diese 
Töne tiefer Wehmut und Resignation ans Herz rüttelten 
und mich ganz weich stimmten. 
Ich sah auf den alten Herrn, der träumend den blauen 
Rauchringen seiner Zigarette nachblickte, und während 
ich diesen edel geformten Kopf mit dem weissen, leicht 
gewellten Haar und dem milden Lächeln überlegener 
Weltweisheit prüfend anschaute, kam mir plötzlich der 
Gedanke; „Warum ist dieser Mann wohl ledig ge 
blieben?“ 
Drinnen im Musikzimmer wurde jetzt Schuberts 
„Lindenbaum“ gesungen. Atemlos lauschten wir beide, 
aufs Tiefste ergriffen.
        
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