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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Sohne ihn treue Freundschaft verband, eine standesge- 
mässe Stellung fand, die ihn und seine Familie ernährte. 
Der Förster und seine Frau hatten sich schnell und 
überrascht erhoben und begrüssten die Eintretenden, 
besonders den jungen Grafen ehrerbietig. 
Dieser und der Oberförster nahmen auf den von der 
Försterin zurecht gerückten Stühlen Platz und sogleich 
begann Graf Oskar: „Also, Werdenberger, was ist mit 
dem schwarzen Elirsch? Ich war gerade bei Herrn von 
Ecken, als ihr Gehilfe die Nachricht brachte. Wir säumten 
nicht, und da sind wir. Legen Sie los.“ 
Der Förster berichtete, dass er und sein Gehilfe Moser 
ihren heutigen gemeinsamen Jagdgang in den Langen- 
Steinwald machten. In der Nähe des Steinsees hatte er 
plötzlich das Röhren eines Hirsches gehört und an der 
eigentümlich dumpfen, grollenden Stimme sofort den 
schwarzen Hirsch vermutet. Sie hätten sich angepirscht, 
und in der Tat, keine zwei Minuten später sei das 
riesige Tier zum See zur Tränke gekommen. 
„Diesesmal muss er unser sein“, rief der Graf voll 
leidenschaftlicher Erregung. „Er darf uns nicht noch 
einmal entkommen, Werdenberger, hören Sie, der schwarze 
Hirsch muss in unserem Revier geschossen werden. Er 
muss und sollten wir Tag und Nacht im Walde passen 
müssen. Wenn wir ihn dann haben, soll er zur Gänze 
ausgestopft im Vestibül des Schlosses Aufstellung finden, 
so hat es Papa angeordnet “ 
„Oh, Herr Graf!“ Unwillkürlich entrang sich dieser 
Stossseufzer der Försterin. Ihr Mann wollte ihr Schweigen 
gebieten, aber es war schon zu spät. 
Graf Oskar fragte gutgelaunt: „Nun, Mutter Werden 
berger, was soll dieser kummervolle Ton?“ 
Der Oberförster lachte und rief: „Ich ahne was,“ aber 
unbekümmert um den leisen und gutmütigen Spott in 
diesen Worten sprach die Försterin voll innerster Ueber- 
zeugung: „Herr Graf, halten zu Gnaden, und verzeihen 
Sie einer einfachen Frau, dass sie es wagt, sich einzu 
mischen. Ich bitte Sie, Herr Graf, Sie und Ihren Herrn 
Vater sich nicht an der Jagd auf den schwarzen Hirsch 
zu beteiligen. Lassen Sie ihn laufen, oder wenn’s schon 
sein muss, durchs Personal abschiessen. Es ist als ob 
der leibhaftige Satan in diesem Tiere stecke und er hat 
schon Unheil genug angerichtet, vor vier und vor zwei 
Jahren, und sein Erscheinen bedeutet nie etwas gutes.“ 
Ueber des Grafen Gesicht flog ein leises Lächeln und 
belustigt fragte er: „Sind Sie abergläubisch, Mutter 
Werdenberger?“ 
„Soll man es da nicht werden? Vor vier Jahren ist 
das Unglücksvieh zum erstenmal aufgetaucht, und auf der 
Jagd nach ihm verunglückte Ihr Herr Bruder. Er 
strauchelte, das Gewehr verfing sich an einem Busche, 
ging los und die Kugel traf ihn tötlich. Damals konnte 
noch an einen Zufall geglaubt werden, aber, als der 
Hirsch zwei Jahre unsichtbar blieb und von keinem 
Menschen in der ganzen weiten Umgebung je gesehen 
wurde und dann plötzlich eines Tages wieder da war und 
d amals ihr Herr Onkel auf der Birsch einem Herzschlage 
erlag, und dann der Hirsch abermals für lange Zeit spur 
los verschwand, da war es wohl kein blinder Zufall mehr. 
Und heute — — nach abermals genau zwei Jahren ist 
ms 
ledermaus 
14 Unter den Linden 14 
Georg Neumiiller 
Nuscha Fehlow 
Elvira Largeth 
Heinz Conrad 
W. E. Roesch 
KONZERT: Kapelle Brachfeld 
ms 
er wieder da und es wird sicher wieder ein Unglück 
geben.“ 
Graf Oskar sah den Oberförster fast ratlos und fragend 
an, was man da wohl antworten sollte. Dieser lachte aber 
sorglos und meinte; „Sie staunen, Herr Graf, dass es 
in unserem aufgeklärten Jahrhundert noch soviel Aber 
glauben gibt, der reine und augenfällige Zufälle und das 
etwas aussergewöhnliche Zusammentreffen ähnlicher Er 
scheinungen auf diese Weise auslegt und zu Schauer- und 
Spinnstubengeschichten verwandelt.“ 
„In der Tat,“ sprach Graf Oskar und zu der Försterin 
gewendet: „Aber, Mutter Werdenberger, wer glaubt denn 
heute noch so dummes Zeug? Da wäre ja der schwarze 
Hirsch ihrer Meinung nach geradezu der Unstern der 
Kernhaus. Um so notwendiger, dass er endlich vertilgt 
wird, und ein Kernhaus muss ihn töten, um Bruder und 
Onkel zu rächen.“ Lachend fragte er dann? „Was sagen 
Sie dazu, Förster?“ 
Dieser kratzte sich verlegen den Kopf, räusperte sich 
und stiess dann heraus; „Mit Verlaub, Herr Graf, ich 
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A+urac; dran 
Photo - Leisegang 
Tauenfzien-Str. 12 BERLIN Schlossplatz 4 
hält grösstes Lager in Apparate 
Objektive von Qoerz, Ernemann, Nettei, Busch etc. 
Abt. Antiquariat hat viele 
Gelegenheitskäufe. 
Interessenten verlangen die Lagerliste. 
„Was, Sie auch? Ein alter Waidmann, der Tod und 
Teufel nicht fürchten soll.“ 
Der Oberförster sprach spottend; „In den Städten 
der Un- und auf dem Lande der Aberglaube, eine alte 
Geschichte.“ 
Lachend entfernten sich die beiden Herren, nachdem 
der Oberförster seinem Untergebenen noch die näheren 
Weisungen wegen des morgigen Jagdganges nach dem 
Langensteinwald gegeben und der Graf der Försterin 
versichert hatte, dass der schwarze Teufel bald nicht mehr 
spuken werde 
Ein kühler, aber klarer Frühherbstmorgen brach an 
und kaum zeigte sich im Osten der erste lichte Streifen, 
als die Jäger von der Oberförsterei, wohin Graf Oskar 
schon vor vier Uhr gekommen war, autbrachen. Der 
Graf, Herr von Ecken, der Förster und zwei Gehilfen. 
Es wurden auf dem Gang nur wenige Worte gewechselt, 
denn als die Jäger den Wald betraten, wo noch tiefes 
Dunkel unter den Tannen lag, mussten sie auf den Weg 
achtgeben und nur dadurch, dass sie sich ganz der 
Führung Werdenbergers überliessen, gelang es ihnen, 
verhältnismässig rasch vorwärts zu kommen. 
Allmählich wurde es heller, im Osten'zeigte sich die 
Morgenröte und der neue Tag stieg empor. Nach ein- 
stündiger Wanderung war der Langensteinwald erreicht, 
und nach kurzer Verabredung -trennten sich die Jäger. 
Der Oberförster mit den Gehilfen wandte sich rechts, um 
in grossen Bogen von der südlichen Seite an den Stein 
see zu gelangen, Graf Oskar und der Förster drangen 
rechts in den Wald. 
Nach einer Viertelstunde hatten sie den Waldrand vor 
dem kleinen, verschwiegenen Waldsee erreicht. Der 
Förster zeigte dem Grafen die Stelle, an der der Hirsch 
gestern herausgekommen war, und dann fassten sie hinter 
einem Dickicht Posten. Der Wind war günstig und 
Graf Oskar meinte: „Wenn er nicht ausbleibt, ist es 
heute um ihn geschehen.“ Sorgfältig prüfte er nochmals 
sein Gewehr. 
„Werdenberger, sollte ich beidemale fehlen, dann 
schiessen Sie, aber besser, er darf nicht entkommen.“ 
„Jawohl, Herr Graf!“ 
Kaum waren die Worte gesprochen, da wurde es im 
Walde lebendig. Von fernher tönte der Brunstschrei 
eines Hirschen und von rings aus den Wäldern kamen 
die Antworten. Graf Oskar hatte sich fragend nach dem 
Förster umgewandt, doch dieser schüttelte den Kopf. 
„Da ist er nicht dabei.“ 
Wieder verging eine Viertelstunde. Regungslos standen 
die beiden Jäger und Hessen kein Auge vom gegenüber 
liegenden Waldrand. 
Da — — plötzlich — — in geringer Entfernung er 
tönte ein Brüllen dumpf und grollend und doch weithin 
vernehmbar. Stossweise kamen die brünstigen Schreie, 
und Werdenberger flüsterte mit erregter Stimme: „Der 
schwarze Hirsch!“ 
Man hörte das Brechen und Knacken von Zweigen 
und urplötzlich wie aus dem Erdboden getaucht stand, 
keine dreissig Schritte vom Grafen entfernt, der Hirsch. 
Ein riesiges Tier. Stolz stand der Einsiedler und frei,
        
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