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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

Wie Peter Johansen 
das „Eiserne Erster“ bekam. 
Novellette von Thomas Ansfeld. 
Er stand bei der zweiten Kompagnie des . . . ten Infanterie- 
Regiments im Westen. Peter Johansen, der Schwächliche, 
Traumverlorene, das Kind schwermütigen Marschlandes, der 
im Frieden niemals Soldat geworden wäre; ein Mensch mit 
Phantasie, die aber nur in ihm lebte und sich nicht irgendwie 
äussern durfte und konnte, da Peter nur ein armer Kommis 
gewesen war, ehe er hinauszog in den Krieg. Ein armer 
Kommis, — nicht nur wegen seines kärglichen Gehaltes, 
sondern auch wegen der Verkürzung seiner Persönlichkeit, die 
er täglich, stündlich erfuhr und resigniert fühlte. Ein widriges 
Geschick hatte ihm die Erfüllung seines Knabenwunsches, der 
einst zu studieren, versagt. Seine Eltern waren früh gestorben, 
und er musste froh sein, als der Vormund ihn zu einem Be 
kannten in die Lehre schickte. Da stand er nun sieben Jahre 
lang hinter dem Ladentisch und verkaufte Tuch den ganzen 
lieben Tag, und wenn er abends nach Hause kam, anstatt, 
wie die Kollegen, ins Wirtshaus zu gehen, wollte er immer 
gern noch ein gutes Buch lesen, um an seinem inneren Menschen 
zu arbeiten. Aber meist war er zu müde, zu abgespannt, so- 
dass er bald mit der Lektüre aufhören musste und früh zu 
Bett ging. So empfand er sein Leben als mechanisches 
Dahinvegetieren, sich selbst als unglückliche Figur, vergrämt, 
verstaubt, zerknittert und wertlos. 
Der Ausbruch des Krieges hatte den Einsamen nicht in 
den allgemeinen Begeisterungsstrudel mit fortgerissen, sondern 
ihn ziemlich teilnahmlos gelassen. Seine bald erfolgende Ein 
berufung brachte ihn ebensowenig aus dem Gleichgewicht. 
Aber die Ausbildungszeit, in die er ohne irgendwelche 
Erwartungen, Hoffnungen oder gar Befürchtungen hinein 
gegangen war, rief in ihm eine überraschende Wirkung hervor. 
Der schwere Dienst drohte ihn anfangs zu erdrücken. Es schien, 
als werde er die harte Schule nicht aushalten. Ihm selbst 
aber kamen solche Gedanken nicht. Er fühlte, mitgeschleppt 
von dem Rhythmus seiner Umgebung, dass hier jeder seine 
Pflicht tun müsse; und dass das Wollen das Können, und 
dieses den Erfolg bedingte. Und dieses Gefühl wurde ihm 
bewusst, verdichtete sich in ihm zu entschlossenem Willen. 
Ja, er wollte seine Schuldigkeit voll und ganz tun, genau so 
wie die Kameraden. Seine frühere einzige Zerstreuung, 
abends daheim in Einsamkeit beim Tee mit einer guten 
Zigarette zu sitzen und seinen oft so traurigen Gedanken nach 
zuhängen, war ihm genommen, da stets die Kameraden ihn 
umgaben, die meist fröhlich aufgelegt waren und oberflächliche, 
laute Scherze trieben. Sein feines Gefühl verriet ihm, dass 
diese fast kindliche Ausgelassenheit den natürlichen Ausgleich 
zu der Unterordnung unter die strenge Mannszucht im Dienste 
bildete und diesen Männern darum wohl anstand. So hütete 
er sich, den Sonderling herauszukehren und bemühte sich, 
Kamerad unter Kameraden zu sein, was ihm auch gelang. 
Kurz vor dem Ausrücken ins Feld lernte Peter Johansen 
ein stilles feingestimmtes Mädchen kennen, aus bescheidenen 
Verhältnissen stammend, wie er selbst. Magda war von 
gleichem Gemüt wie er, und dies empfand er nach wenigen 
Stunden ihrer Bekanntschaft. Es war nicht Verliebtheit, 
sondern eben dieses Gefühl der gleichen Veranlagung, welches 
ihn zu dem jungen Mädchen hinzog, ein Gefühl, welches sie 
stumm erwiderte. So kam es, dass sich zwischen beiden 
jungen Menschen ein aufrichtiges Freundschaftsbündnis zu ent 
wickeln begann, als Peter plötzlich ins Feld rückte. Draussen 
erwuchs in dem schmächtigen Manne, der bisher wie alle 
anderen den Dienst mit den ihm gegebenen Kräften nach 
bestem Können getan hatte, im Kugelregen, während des 
Donners der Geschütze, beim tagelangen, beschwerlichen 
Marsche und im regendurchweichten Unterstand, mächtig der 
Ehrgeiz. Es genügte ihm mit einem Male nicht mehr, eben 
so gut zu sein wie die anderen, nein, er wollte aus sich 
herausgehen, wollte trotz seiner schwächlichen Natur mehr 
leisten als die Kameraden. Vor keiner Gefahr schreckte er 
zurück. Es gab keinen Patrouillengang, zu dem er sich nicht 
freiwillig meldete und — der ihm nicht gelang. Nach kurzer 
Zeit schon erhielt er für eine kühne Erkundung, bei welcher er 
leicht verwundet wurde, das Eiserne Kreuz zweiter Klasse. 
Magda, der er das freudige Ereignis sogleich mitteilte, schrieb 
voll Stolz zurück, mit einer Wärme, die Peter ans Herz ging. 
Seit er im Felde war, fühlte er mehr und mehr, dass 
Magda ihm mehr geworden war, als eine Freundin. Auch 
sie schien von den gleichen Empfindungen beseelt. Die 
wenigen Briefe, welche ihn bei dem seltenen und unregel 
mässigen Eingang der Feldpostsendungen erreichten, offen 
barten Peter, dass Magda eine immer mehr zunehmende 
Neigung zu ihm gefasst hatte. Sie sandte ihm Bücher, 
Schokolade, Kuchen, vor allem aber seine geliebten Zi 
garetten; und jede Sendung zeigte, dass sie mit Liebe zu 
sammengestellt war und von Herzen kam. — Peter Johansen 
lag in vorderster Linie, etwa vier Kilometer vor dem Dorfe 
S Die deutschen Flieger hatten festgestellt, dass das 
Dorf von einem französischen Bataillon besetzt war. Gewisse 
Anzeichen deuteten darauf hin, dass die deutschen Gräben, 
die sich, durch günstig verlaufende Terrainfalten schwer erkenn 
bar, in den letzten Tagen immer näher an das Dorf heran 
geschoben hatten, von den Feinden noch nicht bemerkt worden 
waren. Fieberhaft, doch in möglichster Stille, wurde von den 
Deutschen gearbeitet, um diese günstige Situation auszunutzen 
und sich so dicht an das Dorf heranzugraben, wie es irgend 
angängig war, bis es zum Sturmangriff käme. Peter Johansen 
befand sich in hochgradiger Erregung. Wie immer, suchte er 
nach einer Gelegenheit, s:ch auszuzeichnen, und fühlte, dass 
eine Möglichkeit hierzu in der Luft Lg. Endlich war es so 
weit: Eine wider Erwarten klare Mondnacht warf allerdings 
ein allzu helles Licht auf das Gelände vor dem Dorfe, während 
dieses selbst mit. seinen schwerfälligen Dächern als schwarze 
Masse gegen den Horizont stand. Aber die Ungunst der 
Beleuchtung musste mit in Kauf genommen werden, da die 
deutschen Gräben jetzt dem Feinde schon zu nahe waren, 
als dass sie nach menschlichem Ermessen nicht am nächsten 
Tage von den Franzosen hätten entdeckt werden müssen. 
Peter Johansen sass im Schützengraben und las im bleichen 
Mondlicht noch einmal Magdas Brief, den er am Tage zuvor 
mit einem kleinen Feldpostpäckchen erhalten hatte. Am 
Schlüsse schrieb sie: „Ich sende Dir eine kleine Schachtel 
Zigaretten, — Manoli „Rapier“! Absichtlich wählte ich diese 
Marke, da sie mir wie ein Symbol vorkam. Aus dem 
schwarzen Grunde der Schachtel leuchten die goldenen Sterne, 
so wie die Hoffnung auf Wiedersehen in der düsteren Zeit 
Deiner ständigen Gefahr und unserer beider Trennung. Der 
Name „Rapier“ aber soll für Dich ein Zeichen sein: es ist 
so recht die Zigarette für einen Krieger mit ihrem schwert 
klirrenden Namen, dem Namen jener alten, ritterlichen Waffe.“ 
— Lächelnd las er diese Zeilen, dann befühlte er die Tasche 
seines Waffenrockes, in welche er die kleine Schachtel ge 
steckt hatte. Gern hätte er sich den Geruch einer Zigarette, 
den er lange nicht gehabt hatte, sogleich gegönnt, aber in der 
gegenwärtigen Lage war das Rauchen natürlich verboten. So 
hoffte er auf eine kurze Zeit der Beschaulichkeit nach dem 
bevorstehenden Kampfe — denn, dass er diesen überleben 
würde, daran zweifelte er keinen Augenblick. Gerade seine 
Tollkühnheit, s meinte er, halte ihn bisher vor jeder ernsteren 
Verwundung oder gar dem Fallen bewahrt, gleichsam als 
wohne in ihm etwas Dämonisches. 
Und plötzlich sah er sich mitten im Bajonettangriff, 
unter Hurra dem Dorfe entgegen stürmend, rechts und links 
die Kameraden, eine gewaltige dunkle Woge voll Kraft und 
erbitterter Wut, jeder Mann ein Kriegsgott, die Augen auf 
gerissen, im Dunkel phosphoreszierend, die Muskeln gespannt, 
wie aus Erz, die Adern blutgefüllt, geschwellt. Kurz und von 
unwiderstehlicher Wucht musste dieser, ohne jede Artillerie 
vorbereitung unternommene, aber bei der eigenartigen Lage der 
Dinge in dieser Weise notwendige Ueberraschungsangriff sein. 
Das Geschrei der Angreifer wurde von dem betäubenden 
Knattern des Gewehrfeuers übertönt. Schon erreichten die 
ersten der Stürmenden ein vorgeschobenes Bauernhaus. Da 
krachten auch aut Seiten der Franzosen die ersten Schüsse. 
Zu sehen war drüben nichts, da das Dorf im Dunkel lag. 
Es blitzte auch kein noch so geringes Licht auf. Aber man 
hörte gedämpfte Kommandorufe und Geräusch vieler laufender 
Menschen. Und jetzt kam von Feindesseite ein regelrechtes 
Schützenfeyer, auf das man nicht gerechnet hatte. Die vom 
Mondiicht übergossenen Deutschen boten ein nur zu gutes 
Ziel für den gedeckt liegenden Feind. Zu beiden Seiten 
Peters fielen die Kameraden Peter selbst bekam einen Schuss 
in den linken Arm, doch achtele er seiner nicht. Noch er 
lahmte der Angriff nicht, aber es erscholl Befehl, in Deckung 
zu gehen, und die Stürmenden warfen sich zu Boden, während 
von Seiten der Franzosen Salve auf Salve krachte. Jeden 
Augenblick konnte der Feind zum Gegenangriff übergehen. 
Qualvolle Sekunden verstrichen für Peter Johansen! Plötzlich 
jagte ein Gedanke durch sein Hirn Er sprang auf 
und rannte in gebückter Haltung nach links und, als er weit 
oenug war, im Dunkel für Freund und Feind unerkennbar, im 
Bogen mitten in das Dorf hinein, hinter die feindliche Stellung. 
Da er aus einer anderen Richtung kam als die Angreifer, die 
Aufmerksamkeit der Franzosen aber nur aut diese gerichtet 
war, blieb er unbemerkt. Atemlos langte Peter im Schatten 
einer strohgedeckten Scheune an und wollte sogleich zur Aus 
führung seines Planes schreiten. Er suchte in der Tasche 
nach Streichhölzern ein unterdrückter Fluch entrang 
sich seinen Lippen: er besass nur noch ein einziges Streich 
holz! Er wollte auf brüllen vor Wut und Verzweiflung, — da 
durchfuhr ihn blitzschnell eine Idee! Er zerrte die kleine 
Schachtel Zigaretten, die ihm Magda geschickt hatte, aus der 
Tasche und riss die goldbesternte Packung auf, nahm zehn, 
zwölf Rapier-Zigaretten auf ein Mal, steckte sie mit Mühe 
zusammen in den Mund und entzündete sie vorsichtig mit 
seinem einzigen Streichholz. Gott sei Dank, es glückte! Ein,
        
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