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Full text: Berliner Leben Issue 20.1917

„Man soll mich heiraten,“ entgegnete er ganz ruhig. 
„Wissen Sie auch, dass ich schon zwei Anträge be 
kommen habe?“ 
„Nur zwei? Ich dachte, es wär mindestens ein 
Dutzend!“ 
„Und darüber beunruhigen Sie sich gar nicht ein 
bischen?“ 
„Nein. Weshalb denn?“ 
„Nun, ich hätte doch einen Antrag annehmen können.“ 
Und heiter verneinte er: „Ich habe keinen Gegner zu 
fürchten.“ 
,,Na, ein bischen Selbstbewusstsein haben Sie ja, das 
muss man Ihnen lassen!“ 
„Ohne das kommt man auch nicht weiter.“ 
Sie sahen sich an. Er lächelte. 
Sie aber wurde ein wenig unsicher und senkte den 
Blick. 
Nach einem Weilchen fragte sie: „Aber warum 
essen Sie denn gar nicht mehr? Es schmeckt Ihnen wohl 
nicht?“ 
„O danke, es schmeckt vortrefflich, aber das Essen 
spielt nicht die wichtigste Rolle in meinem Dasein.“ 
Belustigt sah er sie an. 
Sie aber staunte, — es war der erste Alarm, der ihr 
nicht ins Garn ging, hier verfehlte ihr Trick seine Wirkung. 
Nach Tisch sprachen sie von den Geschäften. ‘Sie 
wollte einige Papiere kaufen und erbat seinen Rat. — Jetzt 
war er ganz der ernste Kaufmann. Sie aber merkte, dass 
sie ihm gegenüber nicht mehr den harmlosen Plauderton 
anschlagen konnte, dass sie ihre Ruhe und Sicherheit 
nicht mehr wie sonst in der Gewalt hatte und deshalb 
wurde sie kleinlaut und nervös. 
„Fehlt Ihnen etwas, Frau Melanie?“ fragte er besorgt, 
als er ihre Blässe bemerkte. 
„Nein, danke, es ist nichts“ — aber sie Hess sich doch 
in einen Sessel fallen und schloss eine Sekunde lang die 
Augen. 
Langsam trat er hinter ihren Stuhl, fuhr mit der Hand 
leise streichelnd über ihr Haar und nannte leise und 
bittend ihren Namen. 
Da schlug sie die Augen auf und sahn ihn an. 
Und da zog er sie an sich und gab ihr den ersten 
heissen Kuss. 
Und dann schlang sie ihre Arme um seinen Hals und 
erwiderte seinen Kuss. 
* * 
* 
Ein Vierteljahr später waren sie Mann und Frau. 
Als sie von der Hochzeitsreise zurückkehrten und in 
ihr trauliches Pleim einzogen, fanden sich auch einige 
ihrer alten Freude und Verehrer ein. 
Frau Melanie begrüsste sie freundlich, denn sie war 
noch zu sehr daran gewöhnt, dass man ihr von allen 
Seiten den Hof machte, und sie dachte, dass dies auch 
jetzt noch so bleiben würde. Ihr Mann dagegen behandelte 
den grössten Teil der Freunde nur sehr lauwarm, so dass 
viele von ihnen sehr bald wieder verschwanden. 
„Was hast Du denn gegen die Menschen, dass Du 
so kühl bist?“ fragte sie ihn erstaunt. 
„Gar nichts,“ sagte er heiter, aber bestimmt, „ich 
habe gar nichts gegen sie, aber ich mag es nicht, dass 
DMromiutlte 
meine Frau sich von jedem Hansnarr den Hof machen 
lässt,“ —damit Hess er sie stehen. 
jLl* Erstaunt sah sie ihm nach. So hatte sie ihn ja noch 
nie gesehen! Sie wusste gar nicht, was sie denken 
sollte. Vor der Ehe war er doch ganz anders gewesen. 
Bei Tisch trafen sie sich wieder. 
“Als sie sich gegenüber sassen, fing sie wieder davon 
an, weshalb er ihre ehemaligen Freunde so kurz be 
handelt habe. 
Und da entgegnete er: „Aber weshalb wollen wir 
uns denn die Freude an dem guten Mittagessen ver 
derben um der fremden Leute willen? Das hier ist doch 
eine viel wichtigere Beschäftigung!“ — Und dabei ass 
er tapfer darauf los und überliess sie ihren Betrachtungen. 
Und wieder sah sie ihn erstaunt an. Zum zweiten Mal 
machte sie eine neue Entdeckung an ihm, eine Ent 
deckung, die ihr denn doch zu denken gab. 
Und wie nun die Tage so dahingingen, kam sie nach 
und nach dahinter, dass ihr Mann ganz anders war, als 
er sich ihr vor der Ehe gezeigt hatte: -erstens war er 
eifersüchtig und setzte seinen Willen stets durch, dann 
aber war er auch ein Freund von guter Küche, so dass 
sie fast immer zu tun hatte, für seinen verwöhnten 
Gaumen Leckerbissen zu schaffen — also gerade die 
beiden Eigenschaften, auf die hin sie ihn damals geprüft 
hatte, gerade die hatte auch er! Und was noch schlimmer 
war, — ihr Mann hatte diese beiden Laster, während 
jeder der beiden anderen Freier doch nur einen dieser 
Fehler an sich hatte! 
Da war sie ja glänzend hineingelegt worden! 
Sie ärgerte sich, schämte sich aber, ihre Niederlage ein 
zugestehen und ertrug ihr Schicksal, wenn schon es ihr auch 
nicht leicht wurde, mit Würde und echt weiblicher Geduld. 
Als dann aber ein jahr später ein kleiner blonder 
Stammhalter ankam, da hatte sie nichts mehr zu leiden; 
nun war der Erbe die wichtigste Person im Hause, dem 
zuliebe jeder ein Opfer brachte. 
Und von dem Tage an grollte sie auch ihrem Manne 
nicht mehr, sondern sie liebte ihn als den Vater ihres 
Kindes, dem sie alles zu Gefallen tat, was er auch von 
ihr verlangen mochte. 
Als die gute Freundin Emma sie aber einmal fragte: 
„Sie wollten mir doch immer mal Ihren guten Trick zum 
bestengeben?“ — da antwortete sie: „Ach, das kommt 
doch immer alles ganz anders, als wir es uns gedacht 
haben.“ — — — — 
Die Galerie Helbing, Matthäikirchstr. 12 zeigt eine grosse 
Anzahl von Original - Handzeichnungen aus dem Nachlasse von 
C. Spitzweg t> die einen sehr interessanten Einblick in die Arbeits 
weise des jetzt so geschätzten Meisters gewähren. Auch einige 
hübsche Oelgemälde des Künstlers sind daselbst ausgestellt. 
Sommerlese 1917. Herausgegeben von Hauptmann d. L. Höcker. 
Druck und Verlang der Liller Kriegszeitung. Mit Bildschmuck und 
16 zweifarbigen Einschaltbildern. 285 Seiten. Preis gebunden 4 Mk. 
Mit der „Sommerlese 1917“ übergibt Hauptmann d. L. Paul Oskar 
Höcker bereits den fünften Band seiner Auslesen aus der so rasch volkstümlich 
gewordenen Liller Kriegszeitung der deutschen Leserwelt. Dass nach Jahren 
des Stellungskrieges das Selbstvertrauen unserer Feldgrauen, ihr Siegeswille und 
ihre Angriffsluslust in all den schauerlichen Tagen und Nächten der Schlachten 
in Flandern unwandelber geblieben sind, dafür dient auch diese neue „Sommer 
lese“ als schöner Beweis. Bringen ihre ernsten und lustigen Beiträge doch wieder 
vollgiltige Stichproben der Stimmung im Schützengraben, auf Nachtmärschen, in 
Ruhe und im Kampf. — Die äussere Ausstattung des Werkes zeigt den Verlag, 
der aus so bescheidenen Verhältnissen hervorging, in sietem Fortschreiten. Der 
Beschreibung von Kunstwerken auf flandrischem Boden sind mehrere vortreffliche 
Kunstblätter beigegeben. 
G. Schlechten 
Gegründet 1853 
Hol - Pianoforte - Fabrikant 
BERLIN SW. 68 
nur: Kochstr. 62
        
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